31.08.2026, 16:23
old grudges & nine lives
Syrena trifft im Valen & Vice unerwartet auf Antares – den Hexer, den sie vor vier Jahren verflucht hat. Alte Feindschaft flammt sofort wieder auf, und aus einem simplen Auftrag wird ein Abend voller Gift und nicht begrabenem Groll.
Das Valen & Vice gehörte zu jenen Orten, an denen man sich besser nicht dadurch verdächtig machte, dass man aussah, als würde man dort absolut nicht hingehören. Wer aussah, als hätte er nicht genügend
Geld, um seinen nächsten Drink zu bezahlen, wer sich ständig umschaute und ausstrahlte, dass er sich unwohl fühlte, wurde schneller zur Zielscheibe, als ihm lieb war. Syrena hatte sich deshalb an diesem Abend bewusst gegen alles entschieden, was auch nur entfernt nach Wolfram & Hart aussah. Statt ihres seriös wirkenden Blazers und des Bügelfaltenrocks, trug sie dunkelrotes Leder über einem schwarzen, tief ausgeschnittenen Oberteil, dazu einen asymmetrisch fallenden Rock in einem so dunklen Bordeaux, dass er im gedämpften Licht beinahe schwarz wirkte. Schwarze Stiefel, ihre geliebten Stulpen und der übliche Schmuck vervollständigten etwas, das sehr viel eher nach einem freiwilligen Abend in einem exklusiven Club aussah als nach Arbeit. Dass es außerdem eines ihrer Lieblingsoutfits war, war ein angenehmer Nebeneffekt. Syrena hatte nie verstanden, warum Zweckmäßigkeit zwingend langweilig und bieder sein musste. So sehr sie ihren Job in der wohl größten Anwaltskanzlei der Welt liebte, so fad empfand sie die Kleidung, wenngleich sie auch dort um deren Wirkung wusste.
Ihr Auftrag war heute Abend unspektakulär genug, um den Aufwand gering zu halten. Gideon Ashcroft, achtundsechzig und ehemaliger Mandant der Kanzlei, hatte vor einiger Zeit die ausgesprochen hilfreichen Dienste von Wolfram & Hart in Anspruch genommen und anschließend offenbar beschlossen, dass Vereinbarungen hauptsächlich für andere Menschen galten. Eine noch ausstehende Gegenleistung könne er nicht mehr erbringen, entsprechende Kontakte besitze er längst nicht mehr und überhaupt sei sein früheres Geschäftsfeld praktisch versiegt. Bedauerlich nur, dass die Kanzlei Hinweise darauf erhalten hatte, Ashcroft handle weiterhin mit seltenen, magischen Gegenständen und Informationen. Für diesen Abend war ein Treffen mit einem bislang unbekannten Kontakt angekündigt. Syrena sollte weder verhandeln noch etwas sicherstellen; sie sollte lediglich beobachten, feststellen, mit wem er sich traf, und herausfinden, womit Ashcroft konkret handelte. Keine Einmischung und erst recht keine Aufmerksamkeit. Ein Auftrag, der vermutlich keine ihrer magischen Fähigkeiten groß herausfordern würde, vielleicht würde er sogar verdammt langweilig werden. Aber nun, dafür wurde sie bezahlt, auch, wenn es insgeheim das immens große Ego der dunklen Hexe bereits beleidigt hatte.
Ashcroft machte es ihr leicht, ihn zu finden. Sein silbergraues Haar war sauber zurückgekämmt, der dunkle Anzug saß trotz seines Alters makellos und selbst aus einigen Metern Entfernung wirkten Manschettenknöpfe, Einstecktuch und der Ring an seiner rechten Hand so teuer, dass nichts an ihm zu einem Mann passen wollte, der angeblich kaum noch über nennenswerte Mittel verfügte. Innerlich lachte Sy verächtlich auf. Schon oft hatte sie Klienten und Klientinnen der Kanzlei mit offenbar leeren Hosentaschen erlebt, die dann auf einer versteckten Goldgrube gesessen hatten. Recht geschah es ihnen!
Er hatte es sich in einer der etwas abgeschiedeneren Sitzgruppen bequem gemacht, ein schweres Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit in der Hand, den Blick scheinbar gelangweilt in den Raum gerichtet. Nur seine Augen passten nicht zu dieser demonstrativen Ruhe. Sie wanderten immer wieder zum Eingang, dann über die Gäste, ehe sie erneut auf seinem Glas landeten. Er wartet. Die Hexe konnte mittlerweile, dank ihrer Erfahrung im Observieren, relativ schnell die Bewegungen und Körperhaltungen ihrer zu beobachtenden Ziele deuten. Auch hier war es nicht besonders schwer gewesen.
Sie ließ ihren eigenen Blick weiterziehen, als hätte Ashcroft sie überhaupt nicht interessiert, und entschied sich für einen freien Platz an der Bar. Von dort hatte sie eine gute Sicht auf seine Sitzgruppe, ohne sich ständig nach ihm umdrehen zu müssen und er sah sie von schräg recht hinten nicht. Perfekt!
Syrena ging mit beschwingtem Schritt in Richtung Bar, legte ihre Tasche neben sich und strich lediglich einmal den Rock glatt, ehe sie noch einmal beiläufig über den Raum sah. Jemand hinter dem Tresen näherte sich; sie schenkte ihm kaum mehr Aufmerksamkeit als den Flaschen in den Regalen dahinter. Ihre Augen waren bereits wieder bei Ashcroft und so hörte sie nur beiläufig die Standardfrage, was es sein durfte.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb es einen zweiten Blick brauchte. Syrena wandte den Kopf erst wieder zur Bar, als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm, diesmal ohne mit ihren Gedanken bereits drei Tische weiter zu sein. Ihr Blick glitt über das Gesicht vor ihr – und blieb für einen Moment an dem Gesicht des Barkeepers hängen. Für einen Sekundenbruchteil wollte ihr Verstand das Gesehene offenbar doch noch einer belanglosen Ähnlichkeit zuschreiben, bevor sich die vertrauten Züge zu einer Erinnerung zusammensetzten, die sie seit Jahren nicht gebraucht hatte. Ihre Finger, eben noch locker auf dem Tresen liegend, glitten nach unten. Knisternde rote Magie legte sich um ihre Finger, dezent genug, um nicht gleich die Blicke der anderen Gäste auf sich zu ziehen – schließlich war sie hier gewiss nicht die einzige Hexe –, aber gerade deutlich genug, um dem emotionalen Tornado in ihrem Inneren ein wenig Raum zu geben. Die Versteinerung ihres Blickes griff auf ihre restlichen Gesichtszüge über. Kein erschrockenes Zurückweichen, kein ungläubiges Starren. Doch ihr Blick begann nun, deutlich kälter zu werden. „Du“, formte ihr Mund die beiden kleinen, unbedeutenden Buchstaben.
Vier Jahre. So lange hatte sie Antares Lexington weder gesehen noch vermisst, und Syrena hätte nicht behaupten können, dass ihr in der Zwischenzeit auch nur besonders häufig der Gedanke gekommen wäre, herauszufinden, was aus ihm geworden war. Er war irgendwann schlicht zu etwas geworden, das erledigt war – Amy dagegen war das nie gewesen. Dafür genügte jetzt sein Gesicht, um viel zu mühelos wieder das Bild ihrer Cousine hervorzuholen: Amy, verletzt und gedemütigt, nachdem sie ausgerechnet den Mann, dem sie vertraut hatte, mit einer anderen erwischt hatte. Syrena musste sich weder jedes Detail jenes Tages noch ihre damalige Wut erneut ins Gedächtnis rufen, erst recht nicht ihre spätere Auflösung, in der sie durch ihre Magie in sich selbst zusammengefallen war. Das Gefühl fand auch ohne Einladung zurück. Kühl, scharf und erstaunlich unverbraucht. Nein, sie bereute den Fluch noch immer nicht. Wenn überhaupt, erinnerte dieser Anblick sie daran, warum sie ihn ausgesprochen hatte.
Ihr Blick wanderte langsam an ihm hinab und anschließend wieder nach oben. Menschlich. Ausgesprochen menschlich sogar! Das brachte sie dazu, ihre Augen leicht zu verengen und taxierend den Kopf etwas zur Seite zu neigen. „Sieh an. Du kannst mittlerweile wieder auf zwei Beinen stehen.“ Dass Antares einen Weg gefunden hatte, ihre Magie zumindest so weit zurückzudrängen, weckte weniger Anerkennung als eine gewisse widerwillige Neugier. Syrena wusste sehr genau, wie sie den Fluch gebunden hatte. Sie hatte ihn nur für ihn kreiert, es war ihre Erfindung gewesen. Dass er hier offenbar problemlos hinter einer Bar arbeiten konnte, bedeutete also nicht, dass er ihn gebrochen hatte. Das hätte sie gewusst.
Erst bei diesem genaueren Blick fiel ihr der Anhänger auf, den er um den Hals trug. Schmuck an Antares war kaum bemerkenswert genug, um länger darüber nachzudenken; schon früher hatte er eine ausgesprochene Schwäche für Silber und auffälligen Schmuck gehabt. Natürlich trug Antares Lexington inzwischen irgendeinen neuen Klunker spazieren. Nur lag etwas daran, das ihren Blick einen Herzschlag länger festhielt. Magie. Schwach wahrnehmbar und fremd genug, dass sie nicht auf Anhieb bestimmen konnte, was genau dort wirkte. Aber war das etwas Besonderes an einem Hexer? Nein, wirklich nicht. Syrena ließ ihre Augen daher wieder davon abgleiten. Ihn danach zu fragen hätte Interesse vorausgesetzt, und davon hatte er für die nächsten vier Jahre bereits genug bekommen.
„Einen Cosmopolitan.“ Ihr Ton war scharf, man konnte den Hauch eines Befehls darin vernehmen, immerhin war sie hier Gast und Antares bewirtete Gäste. Kurz glitt ihr Blick abschätzend zu dem Dunkelhaarigen und sie verzog verächtlich den Mund. „Ich hoffe, den kriegst du hin. Er ist nichts für Anfänger.“ Dann wandte sie sich fast währenddessen wieder Ashcroft zu.
Der ältere Mann hatte seine Position inzwischen kaum verändert, doch sein Blick wanderte gerade gefährlich nah an die Bar heran. Syrenas Zeigefinger strich einmal über die Kante des Tresens. Nicht mehr als ein Hauch dunklen Rots flackerte zwischen ihren Fingern auf und verging im selben Augenblick wieder, nachdem er eine kurze, dünne, leuchtend rote Spur auf dem Tresen hinterlassen hatte. Kein Zauber, der Ashcrofts Gedanken lenkte oder ihm etwas aufzwang, das vermochte die Hexe nicht ohne einen sorgfältig vorbereiteten Zauber; lediglich ein kleiner Schubs für seine Aufmerksamkeit, ein leeres Glas, das unweit von ihm umkippte, ohne auf den Boden zu fallen und zu zerbersten. Einfach ein winzig kleiner Schubs von Syrenas telekinetischer Magie. Sein Blick glitt dorthin weiter, als wäre es von Anfang an sein eigener Impuls gewesen. Schon besser!
Syrena ließ die Hand wieder sinken und behielt Ashcrofts Sitzgruppe im Auge. Dass ausgerechnet Antares hinter dem Tresen stand, änderte schließlich nichts an ihrem Auftrag. Noch weniger würde sie ihm die Genugtuung gönnen, etwas anderes zu glauben. Bis ihr Cosmopolitan vor ihr stand, gab es für sie daher keinen vernünftigen Grund, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken als unbedingt notwendig. Und danach vermutlich noch weniger.

