14.09.2026, 21:33
Liliths Definition von Freundschaft war allerdings kaum weniger erheiternd. Nicht, weil Jaze überrascht gewesen wäre, dass ausgerechnet Lilith ihre Absichten mit unverhohlenem Stolz als verdorben bezeichnete – alles andere hätte beinahe enttäuschend gewirkt –, sondern weil sie darin weder Warnung noch Geständnis sah. Eher ein Versprechen. Und das Funkeln in ihren Augen machte deutlich, dass sie Jezahel überließ, wie ernst sie es nehmen wollte.
Vernünftiger wäre vermutlich gewesen, sich davon nicht noch unterhalten zu fühlen. Stattdessen vertiefte sich ihr Grinsen. „Das glaube ich dir sofort.“ Spätestens bei der Aufforderung, sie müsse sich nur trauen zu fragen, hob Jezahel das Kinn ein wenig. „Du verwechselst Vorsicht gerade mit mangelndem Mut.“ Ihr Lächeln wurde schmaler, wärmer, aber keineswegs zahmer. „Wer sagt, dass ich mich nicht traue? Vielleicht bin ich nur noch nicht überzeugt, dass deine Vorschläge gut genug sind.“
Bei der Sache mit der Freundschaft hätte sie fast erneut aufgelacht. Denn während Lilith ihre Vergangenheit großzügig umdeutete, musste Jezahel ihr widerwillig einen Punkt zugestehen. Freunde lernte man kennen, weil man es wollte. Feinde manchmal, weil man musste – und nicht selten wusste man über Letztere am Ende erschreckend viel mehr. Wer jemanden aufhalten wollte, studierte Gewohnheiten, Reaktionen, Grenzen und Schwächen, weil andere davon abhingen, dass man keine Fehler machte.
Jezahel hatte als Kriegerengel Lilith nie bekämpft, weil sie sie hasste – allein aufgrund ihrer durch ihre Gnade nicht vorhanden Emotionen war dies schon nicht möglich gewesen –, sondern wenn Menschen oder deren Seelen zwischen ihnen gestanden hatten. Das machte sie nicht zu Freundinnen, aber fremd waren sie sich schon lange nicht mehr. „Wenn eine Klinge an der Kehle bei dir schon unter Freundschaft fällt, möchte ich deine Definition von Feindschaft lieber nicht kennenlernen.“ Der amüsierte Zug um ihren Mund verlor allerdings etwas von seiner Harmlosigkeit, als Lilith genau jene Kehle mit beinahe demonstrativer Bereitwilligkeit freigab.
Jezahels Augen folgten der Bewegung. Erst beiläufig, dann deutlich weniger beiläufig. Früher hatte sie genau dort eine Klinge angesetzt, konzentriert auf Winkel, Abstand und jede Veränderung in Liliths Haltung. Jetzt gab es keinen Kampf und keinen Grund, diese Stelle so genau zu betrachten – und trotzdem wurde ihr Blick fast schon magisch davon angezogen. Die Linie ihres Halses, die freigelegte Haut unter dem Kinn, das verschmitzte Lächeln dazu verschoben eine vertraute Erinnerung in einen erheblich weniger unschuldigen Zusammenhang.
Ein warmes Gefühl regte sich unter ihren Rippen, und Jezahel erkannte es früh genug, um zu wissen, was es bedeutete, aber zu spät, um es noch glaubhaft zu übersehen. Früher hatte sie dort eine Waffe gehalten. Heute fiel ihr ein, dass es sehr viel unvernünftigere Gründe gab, an genau dieser Stelle hinzusehen. Als sie schließlich wieder Liliths Augen suchte, machte sie sich nicht die Mühe, so zu tun, als wäre ihr das kleine Starren gerade nicht passiert. Sie hätte es wohl sowieso längst bemerkt.
Das erneute Kompliment fühlte sich nicht weniger angenehm an als die Wärme, die ihre Widersacherin wenige Augenblicke zuvor in ihr ausgelöst hatte. Als Liliths Aufmerksamkeit zu den Fingern am Revers wanderte, ließ Jezahel den Stoff schließlich los. Vielleicht war es albern, dass ausgerechnet ihr Urteil etwas von der Unsicherheit glättete, die das ungewohnte Outfit in ihr auslöste, aber das tat es trotzdem. Das weichere Lächeln machte es nur schwerer, alles als bloßes Geplänkel abzutun.
„Dann vertraue ich deinem Urteil fürs Erste.“ Nun musterte sie Lilith ihrerseits, und nach allem, was zwischen ihnen bereits mitschwang, erschien übertriebene Zurückhaltung beinahe unnötig. „Allerdings bist du heute auch nicht gerade ein überzeugendes Argument gegen Schwarz.“ Das Kompliment kam ruhig und ohne den schützenden Nachsatz eines Scherzes.
Die Bemerkung darüber, häufiger Dinge zu tun, die niemand von ihr erwartete, traf dagegen tiefer, als Lilith ahnen konnte. Wenn sie wüsste, wie wenig von Jezahels gegenwärtigem Leben inzwischen noch zu dem passte, was einmal für sie vorgesehen gewesen war. Der Himmel bestimmte ihren Weg nicht mehr, der Rat kannte nicht einmal die Wahrheit über ihre Herkunft, und sie lernte längst, Verantwortung auf eine Weise zu tragen, die mit ihrem früheren Dasein kaum etwas gemein hatte. Selbst das dunkle Outfit war dagegen eher nebensächlich.
Der Gedanke zog ein Lächeln über ihre Lippen, diesmal eines, das eine Wahrheit kannte, von der Lilith nichts wusste. „Du wärst überrascht, wie häufig ich das inzwischen tue.“ Ihre Stimme wurde für einen Augenblick leiser, ehe wieder etwas Leichtigkeit hineinfand. „Vielleicht wollte ich heute tatsächlich einmal etwas anderes ausprobieren, etwas, das man bei mir nicht erwarten würde.“
Liliths letzte Frage nahm ihr schließlich den bequemeren Platz der Beobachterin. Jezahel hatte nachgehakt, weil die angebotenen Antworten sie nicht überzeugt hatten; nun sollte sie erklären, warum ihr überhaupt etwas daran lag. Und erstaunlicherweise fand sie keine taktische Begründung, die ihr besser gefiel als die schlichte Wahrheit. Sie musste es nicht wissen. Es hatte nichts mit ihrem Auftrag zu tun und auch nichts mit der Notwendigkeit, Lilith als mögliche Gefahr einzuschätzen. Sie wollte es wissen. Diese Erkenntnis war ungewohnt, aber nicht unangenehm. Ihre Neugier war persönlicher geworden, als sie zu Beginn dieses Gesprächs erwartet hatte.
„Wichtig ist vielleicht das falsche Wort.“ Jezahel hielt ihren Blick ruhig auf Lilith gerichtet, ohne das Lächeln ganz zu verlieren. „Aber du hast meine Neugier geweckt.“ Ihr Mundwinkel hob sich wieder ein wenig. „Und falls du dich tatsächlich schon seit Tagen nach intellektuell stimulierender Gesellschaft sehnst, wäre es wohl ausgesprochen unhöflich von mir, dich jetzt schon wieder deiner Langeweile zu überlassen.“ Sie fixierte Lilith dabei in kurzen Passagen und trank ihren Drink aus. Er hatte ausgesprochen gemundet, das musste man Lilith lassen. Dann faltete Jaze ihre Hände auf dem Tresen, als wollte sie nun anfangen zu beten. In dieser Location war dies eine fast schon absurde Geste. Doch würde die Seelensammlerin ihre Neugier nun befriedigen wollen?
Vernünftiger wäre vermutlich gewesen, sich davon nicht noch unterhalten zu fühlen. Stattdessen vertiefte sich ihr Grinsen. „Das glaube ich dir sofort.“ Spätestens bei der Aufforderung, sie müsse sich nur trauen zu fragen, hob Jezahel das Kinn ein wenig. „Du verwechselst Vorsicht gerade mit mangelndem Mut.“ Ihr Lächeln wurde schmaler, wärmer, aber keineswegs zahmer. „Wer sagt, dass ich mich nicht traue? Vielleicht bin ich nur noch nicht überzeugt, dass deine Vorschläge gut genug sind.“
Bei der Sache mit der Freundschaft hätte sie fast erneut aufgelacht. Denn während Lilith ihre Vergangenheit großzügig umdeutete, musste Jezahel ihr widerwillig einen Punkt zugestehen. Freunde lernte man kennen, weil man es wollte. Feinde manchmal, weil man musste – und nicht selten wusste man über Letztere am Ende erschreckend viel mehr. Wer jemanden aufhalten wollte, studierte Gewohnheiten, Reaktionen, Grenzen und Schwächen, weil andere davon abhingen, dass man keine Fehler machte.
Jezahel hatte als Kriegerengel Lilith nie bekämpft, weil sie sie hasste – allein aufgrund ihrer durch ihre Gnade nicht vorhanden Emotionen war dies schon nicht möglich gewesen –, sondern wenn Menschen oder deren Seelen zwischen ihnen gestanden hatten. Das machte sie nicht zu Freundinnen, aber fremd waren sie sich schon lange nicht mehr. „Wenn eine Klinge an der Kehle bei dir schon unter Freundschaft fällt, möchte ich deine Definition von Feindschaft lieber nicht kennenlernen.“ Der amüsierte Zug um ihren Mund verlor allerdings etwas von seiner Harmlosigkeit, als Lilith genau jene Kehle mit beinahe demonstrativer Bereitwilligkeit freigab.
Jezahels Augen folgten der Bewegung. Erst beiläufig, dann deutlich weniger beiläufig. Früher hatte sie genau dort eine Klinge angesetzt, konzentriert auf Winkel, Abstand und jede Veränderung in Liliths Haltung. Jetzt gab es keinen Kampf und keinen Grund, diese Stelle so genau zu betrachten – und trotzdem wurde ihr Blick fast schon magisch davon angezogen. Die Linie ihres Halses, die freigelegte Haut unter dem Kinn, das verschmitzte Lächeln dazu verschoben eine vertraute Erinnerung in einen erheblich weniger unschuldigen Zusammenhang.
Ein warmes Gefühl regte sich unter ihren Rippen, und Jezahel erkannte es früh genug, um zu wissen, was es bedeutete, aber zu spät, um es noch glaubhaft zu übersehen. Früher hatte sie dort eine Waffe gehalten. Heute fiel ihr ein, dass es sehr viel unvernünftigere Gründe gab, an genau dieser Stelle hinzusehen. Als sie schließlich wieder Liliths Augen suchte, machte sie sich nicht die Mühe, so zu tun, als wäre ihr das kleine Starren gerade nicht passiert. Sie hätte es wohl sowieso längst bemerkt.
Das erneute Kompliment fühlte sich nicht weniger angenehm an als die Wärme, die ihre Widersacherin wenige Augenblicke zuvor in ihr ausgelöst hatte. Als Liliths Aufmerksamkeit zu den Fingern am Revers wanderte, ließ Jezahel den Stoff schließlich los. Vielleicht war es albern, dass ausgerechnet ihr Urteil etwas von der Unsicherheit glättete, die das ungewohnte Outfit in ihr auslöste, aber das tat es trotzdem. Das weichere Lächeln machte es nur schwerer, alles als bloßes Geplänkel abzutun.
„Dann vertraue ich deinem Urteil fürs Erste.“ Nun musterte sie Lilith ihrerseits, und nach allem, was zwischen ihnen bereits mitschwang, erschien übertriebene Zurückhaltung beinahe unnötig. „Allerdings bist du heute auch nicht gerade ein überzeugendes Argument gegen Schwarz.“ Das Kompliment kam ruhig und ohne den schützenden Nachsatz eines Scherzes.
Die Bemerkung darüber, häufiger Dinge zu tun, die niemand von ihr erwartete, traf dagegen tiefer, als Lilith ahnen konnte. Wenn sie wüsste, wie wenig von Jezahels gegenwärtigem Leben inzwischen noch zu dem passte, was einmal für sie vorgesehen gewesen war. Der Himmel bestimmte ihren Weg nicht mehr, der Rat kannte nicht einmal die Wahrheit über ihre Herkunft, und sie lernte längst, Verantwortung auf eine Weise zu tragen, die mit ihrem früheren Dasein kaum etwas gemein hatte. Selbst das dunkle Outfit war dagegen eher nebensächlich.
Der Gedanke zog ein Lächeln über ihre Lippen, diesmal eines, das eine Wahrheit kannte, von der Lilith nichts wusste. „Du wärst überrascht, wie häufig ich das inzwischen tue.“ Ihre Stimme wurde für einen Augenblick leiser, ehe wieder etwas Leichtigkeit hineinfand. „Vielleicht wollte ich heute tatsächlich einmal etwas anderes ausprobieren, etwas, das man bei mir nicht erwarten würde.“
Liliths letzte Frage nahm ihr schließlich den bequemeren Platz der Beobachterin. Jezahel hatte nachgehakt, weil die angebotenen Antworten sie nicht überzeugt hatten; nun sollte sie erklären, warum ihr überhaupt etwas daran lag. Und erstaunlicherweise fand sie keine taktische Begründung, die ihr besser gefiel als die schlichte Wahrheit. Sie musste es nicht wissen. Es hatte nichts mit ihrem Auftrag zu tun und auch nichts mit der Notwendigkeit, Lilith als mögliche Gefahr einzuschätzen. Sie wollte es wissen. Diese Erkenntnis war ungewohnt, aber nicht unangenehm. Ihre Neugier war persönlicher geworden, als sie zu Beginn dieses Gesprächs erwartet hatte.
„Wichtig ist vielleicht das falsche Wort.“ Jezahel hielt ihren Blick ruhig auf Lilith gerichtet, ohne das Lächeln ganz zu verlieren. „Aber du hast meine Neugier geweckt.“ Ihr Mundwinkel hob sich wieder ein wenig. „Und falls du dich tatsächlich schon seit Tagen nach intellektuell stimulierender Gesellschaft sehnst, wäre es wohl ausgesprochen unhöflich von mir, dich jetzt schon wieder deiner Langeweile zu überlassen.“ Sie fixierte Lilith dabei in kurzen Passagen und trank ihren Drink aus. Er hatte ausgesprochen gemundet, das musste man Lilith lassen. Dann faltete Jaze ihre Hände auf dem Tresen, als wollte sie nun anfangen zu beten. In dieser Location war dies eine fast schon absurde Geste. Doch würde die Seelensammlerin ihre Neugier nun befriedigen wollen?

