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A little less Hell - Druckversion

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A little less Hell - Jezahel White - 16.08.2026


Das Valen & Vice war nicht der schlechteste Ort, an den der Rat Jezahel jemals geschickt hatte, allerdings gehörte es mit ziemlicher Sicherheit zu jenen, bei denen man ihr im Vorfeld etwas deutlicher hätte sagen können, was genau sie hinter den Türen erwartete. Nicht, weil sie Anstoß an dem genommen hätte, was sich dort abspielte. Nach mehr als zwei Jahrtausenden brauchte es etwas mehr als Alkohol, nackte Haut, sündhaft teure Einrichtung und Menschen, die bereitwillig Entscheidungen trafen, die ihnen am nächsten Morgen vermutlich leidtun würden, um sie aus der Ruhe zu bringen. Viel eher war es die eigentümliche Mischung aus Vertrautem und Fremdem, die ihr auffiel, sobald sie den Club betreten hatte.
Oberflächlich war das Valen genau das, was es sein wollte: Dunkel, luxuriös, sinnlich, beinahe übertrieben geschmackvoll in all dem Schwarz, dem schweren Rot und den warmen goldenen Lichtinseln, die sich über polierte Flächen zogen und Gesichter immer nur für wenige Sekunden vollständig erkennen ließen.
Darunter lag jedoch etwas, das sich nicht mit teurem Parfüm, Alkohol oder Musik überdecken ließ. Zu viele Wesen bewegten sich durch diese Räume, die nur auf den ersten Blick menschlich wirkten, zu viele Spuren alter Magie hafteten an Schmuckstücken, Haut oder Dingen, die achtlos auf Tischen lagen, und selbst dort, wo Jezahel nicht auf Anhieb bestimmen konnte, womit sie es zu tun hatte, blieb dieses beständige leise Gefühl zurück, dass hinter beinahe jedem zweiten Gesicht noch etwas anderes wartete.

Es hätte sie früher kaum beschäftigt. Damals hätte sie einen solchen Ort betreten, ohne auch nur darüber nachzudenken, wie sie ihn im Zweifel wieder verließ. Ihre Gnade wäre bei ihr gewesen, ebenso selbstverständlich wie ihr eigener Atem, ihre Flügel verborgen und dennoch vorhanden, ihre Kräfte nur einen Gedanken entfernt.
Heute ertappte sie sich bereits wenige Schritte hinter dem Eingang dabei, wie ihr Körper auf eine Bewegung dicht hinter ihr reagierte, sich ihre Schultern kaum merklich spannten und etwas in ihr für einen Sekundenbruchteil auf Raum hoffte, den Flügel schaffen konnten, die längst nicht mehr existierten. Der Reflex verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war, hinterließ jedoch diesen bitteren Nachgeschmack, den Jezahel inzwischen besser kannte, als ihr lieb war.
Sie blieb nicht stehen und sah sich auch nicht um, sondern schob lediglich eine Hand in die Tasche ihrer hoch geschnittenen schwarzen Hose, während der lange Blazer bei jedem Schritt leicht gegen ihre Beine strich. Vielleicht war es gerade deshalb gut gewesen, dass sie sich gegen ein Kleid entschieden hatte. Sie fügte sich problemlos in das Publikum ein, ohne sich verkleidet zu fühlen, der schwarze Satin ihres Oberteils fing hin und wieder einen warmen Lichtreflex ein, und abgesehen von den Absätzen ihrer Stiefeletten, die auf dem dunklen Boden kaum hörbar waren, gab es wenig an ihr, das unnötig Aufmerksamkeit verlangte.

Der Rat hatte ihr ohnehin ausdrücklich nahegelegt, genau das zu vermeiden. Beobachten, identifizieren, einschätzen und berichten. Keine Konfrontation, solange sie nicht notwendig wurde, kein Versuch, dem Händler seinen Besitz mitten in diesem Club abzunehmen, und nach Möglichkeit auch kein diplomatischer Zwischenfall mit irgendeinem der dort anwesenden Höllenwesen.
Jezahel hatte sich bei dieser letzten Anweisung nur schwer die Bemerkung verkneifen können, dass man möglicherweise jemand anderen hätte schicken sollen, wenn man ausgerechnet einen ehemaligen Kriegerengel mit jahrhundertelanger Erfahrung im Umgang mit Dämonen für derart wenig beherrscht hielt. Doch der Rat hatte ja keine Ahnung, wer sie eigentlich wirklich war und so hatte sie sich erfolgreich auf die Zunge gebissen. Zweitausend Jahre Wissen hingegen ließen sich offensichtlich trotzdem hervorragend nutzen, sobald irgendwo ein Gegenstand auftauchte, den niemand sonst einordnen konnte.

Genau darum ging es diesmal. Ein Artefakt, von dem der Rat bislang kaum mehr als widersprüchliche Gerüchte und eine miserable Fotografie besaß, sollte an diesem Abend seinen Besitzer wechseln. Je nach Quelle war es ein Bindungsobjekt, ein Schlüssel, ein Gefäß oder schlicht eine geschickt vermarktete Fälschung, wobei zumindest die wenigen sichtbaren Zeichen auf der Aufnahme alt genug wirkten, dass Jezahel die letzte Möglichkeit nicht ohne Weiteres unterschreiben wollte.
Der Mann, der es besaß, war unter so vielen Namen bekannt, dass man sich irgendwann auf Morrow geeinigt hatte; ein Händler für Dinge, die offiziell nicht existierten, nicht verkauft wurden oder besser niemals in die Hände zahlungskräftiger Interessenten gelangten. Dass ausgerechnet der Inhaber eines doppeldeutigen, zwielichtigen Clubs einem solchen Mann gestattete, hier Geschäfte zu machen, hatte Jezahel nicht wirklich überrascht.

Sie hatte sich schließlich einen Platz an der Bar gesucht, von dem aus sie einen Großteil des Raumes überblicken konnte, und ein Glas bestellt, mehr aus Tarnung als aus tatsächlichem Verlangen danach. Seit beinahe einer halben Stunde stand es nun vor ihr, der Inhalt nur langsam weniger werdend, während Jezahel über den Rand hinweg Gesichter musterte, Hände beobachtete und sich immer wieder dabei ertappte, an Dingen hängen zu bleiben, die mit ihrem eigentlichen Auftrag überhaupt nichts zu tun hatten. Ein Ring an der Hand eines Mannes zwei Plätze weiter trug eine Schutzgravur, die mindestens vierhundert Jahre älter sein musste als sein übriges Auftreten vermuten ließ; an einer Frau, die kurz darauf an ihr vorbeiging, glaubte Jezahel für einen Augenblick eine Symbolfolge zu erkennen, die sie zuletzt irgendwann im achtzehnten Jahrhundert gesehen hatte, und auf einem der hinteren Tische stand eine kleine bronzene Figur, für die Giles vermutlich bereit gewesen wäre, mehrere Stunden lang jeden anderen Gesprächsgegenstand zu vergessen.
Das Valen war auf eine eigentümliche Weise beinahe interessanter, als Jezahel ihm zugestehen wollte. Nicht angenehm, nicht vertrauenerweckend, aber interessant genug, dass sie verstand, weshalb ein Ort wie dieser Menschen und andere Wesen gleichermaßen anzog.

Ihr Blick glitt erneut über den Raum, blieb kurz an einer Bewegung hängen und wanderte bereits weiter, bevor etwas sie zurücksehen ließ. Nicht das Gesicht des Mannes, sondern der Gegenstand. Nur ein Teil davon war zwischen seiner Hand und dem dunklen Material zu erkennen, in dem er ihn offenbar bei sich trug, doch die schmale metallene Einfassung und eines der eingeschnittenen Zeichen genügten. Jezahel richtete sich etwas gerader auf, während ihre Finger das Glas umschlossen, ohne es anzuheben.
Die Fotografie des Rates war schlecht gewesen, verwackelt und aus einem Winkel aufgenommen, der beinahe mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet hatte, aber dieses Symbol hatte sie sich eingeprägt.
Da war er also. Morrow.
Jezahel ließ sich nichts anmerken, während sie ihn nun genauer betrachtete und sich die Position, mögliche Ausgänge und die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung einprägte. Sie sollte zunächst nur bestätigen, dass er das Artefakt tatsächlich besaß, und genau das konnte sie nun tun. Alles Weitere würde davon abhängen, ob sie eine Gelegenheit bekam, näher heranzukommen, ohne dass der Mann sofort begriff, weshalb sie sich für ihn interessierte.

Dann wanderte ihr Blick zu der Person bei ihm und für einen Moment bewegte Jezahel sich überhaupt nicht mehr. Das Gesicht kannte sie, zu gut sogar. Ihre Finger lösten sich langsam wieder vom Glas, während sie den Kopf kaum merklich zur Seite neigte und noch einmal hinsah, als könnte die Beleuchtung des Clubs ihr gerade einen schlechten Scherz spielen. Tat sie aber nicht. Von allen Wesen, die an diesem Abend neben einem Schwarzmarkthändler mit einem möglicherweise gefährlichen Artefakt auftauchen konnten, musste es ausgerechnet sie sein.
Jezahel atmete leise durch die Nase aus und ließ ihren Blick einen Augenblick länger auf der vertrauten Gestalt ruhen. Lilith. Offenbar hatte der Abend beschlossen, komplizierter zu werden.


RE: A little less Hell - Lilith - 20.08.2026


Seit ihrer Rückkehr vor ein paar Tagen hatte Lilith ein ambivalentes Verhältnis zum Valen. Es gab keinen anderen Ort, an dem sie sich gleichzeitig so heimisch und doch so vollkommen fremd fühlte. Der Club an sich war ein Geschenk – perfekt durchdacht bis ins kleinste Detail, kein Wunsch blieb offen. Unendliche Möglichkeiten für all das, worüber bei Tag niemand sprechen wollte. Früher hätte sie den Großteil ihrer Geschäfte hier abgewickelt, sich souverän bewegt in dieser Welt, die sie besser kannte und navigieren konnte als jede andere, eine Welt geprägt von Machtspielen, Begierde, Handel, Versuchung. Sie wusste, wie Menschen funktionierten und sie wusste, wie Dämonen funktionierten – alle von ihnen. Sie las ihre innersten Wünsche wie ein Buch und nahm ihnen das ab, was ihnen am teuersten war. Sie wusste zu jedem Zeitpunkt, was sie wollte und was sie zu tun hatte.
All das existierte hier auch noch: Die Menschen, die Dämonen, die zwielichtigen Geschäfte, das Verlangen, das sich im Laufe des Abends direkt hier oder in diversen Separées entlud. Die schiere Hitze mit der der Club zu fortgeschrittener Stunde förmlich pulsierte, wenn man – wie sie – ein dafür empfängliches Wesen war und derartige Prozesse wahrnehmen konnte.
Bis vor kurzem war genau das ihre Welt gewesen.

Aber jetzt… gehörte sie nicht mehr dazu. Nicht wirklich. Ihrer Gnade beraubt, immer wieder Phantomschmerzen und den Drang, mental nach ihren Flügeln zu tasten. Ohne Aufgabe, ohne Bestimmung. Ziellos, verloren.
Alle betonten, dass es nicht so furchtbar war, wie sie dachte, dass es nicht ihre Gnade war, die sie ausmachte. Aber es fiel Lilith unfassbar schwer, herauszufinden was genau von ihr noch übrig war, jenseits davon – hauptsächlich deshalb, weil sie ständig geplagt war von irgendeiner oder anderen elendigen Emotion, die ihren Kopf vernebelte, sodass sie gar keinen klaren Gedanken fassen konnte.
Es war schier unmöglich zu sagen, welche sie am meisten hasste. Trauer war ganz vorn mit dabei, in jedem Fall, sie lähmte ihren Körper in manchen Situationen so sehr, dass es eine Herausforderung war, morgens überhaupt aufzustehen. Sorge fühlte sich ähnlich schrecklich an. Angst. Aber auch vermeidlich ‚positive‘ Dinge, die sie zu verabscheuungswürdigen Handlungen anstacheln wollten, zu denen sie sich früher nicht einmal im Traum herabgelassen hätte. Zuneigung, Dankbarkeit. Wertschätzung. Und das war nur ein Bruchteil – in den überwiegendsten Fällen konnte sie gar nicht genau zuordnen, was sie fühlte, ehe es wieder in etwas anderes umschlug.
Es war nicht so, als hätte sie mit ihrer Gnade keinerlei Empfindungen gehabt. Aber jetzt war alles tausendmal intensiver, auf eine unausweichliche, konfrontative Weise, der sie sich einfach nicht entziehen konnte, ganz egal was sie tat. Früher… distanzierte sie sich einfach, auch wenn ihr die Auren anderer Wesen in ihrer Umgebung zu viel wurden, egal ob menschliche oder dämonische. Jetzt war es, als hätte ihr jemand jegliche Filter und Schutzmechanismen abgenommen, und obendrein war sie jeder Gefühlsregung, die ihr eigener Körper in einer gegebenen Situation hervorwürgte, zusätzlich noch hilflos ausgeliefert.

Das Valen bedeutete also permanente Reizüberflutung für sie – und dennoch war sie hier. Jeden Abend, zuverlässig. Weil es gleichzeitig auch ein Stück wie zuhause war… und weil hier niemand fragte, was sie brauchte oder wie es ihr ging. Niemand sah sie anders an als vorher. Wenn sie ihre eigene Aura maskierte, dann hielt sie hier weiterhin die Position, unter der sie bekannt war: Prinzessin der Hölle, Luzifers Tochter. Sie war kein verstümmeltes Abbild ihrer selbst, sie war einfach… Lilith. Unter all den Gefühlen, die sie so hatte, verschaffte dieses ihr in der Regel eine tröstliche Form von Erleichterung. Und womöglich war es genau das, was sie immer wieder hierher zog, auch wenn sie objektiv gesehen von mehr Ruhe vielleicht eher profitiert hätte: Ein kleines Stück von dem, was sie einmal gewesen war, und Linderung, die sie so verzweifelt suchte, aber nur schwerlich fand.

Und Linderung… die hatte auch Morrow für sie. Mammon hatte ihr empfohlen, sich mit ihm zu unterhalten – es war eines seiner unterstützenden Angebote, neben seinem bizarren Katalog und dem freien Zutritt zu all den spannenden Räumen, die der Club und der Rest dieses Gebäudes so boten. Es war nicht mehr als ein Name, den ihr Bruder ihr gegeben hatte, aber der war ausreichend gewesen. Sein Ruf eilte ihm voraus, und es gestaltete sich nicht besonders schwer, Morrow vor einigen Tagen im Club ausfindig zu machen.
Die Partnerschaft, die sie schlossen, gestaltete sich schnell und unkompliziert. Er handelte, mit allem – auch Dingen, die nicht verhandelbar waren. Kein Wunder also, dass sie sich auf Anhieb verstanden; war doch jedweden Kreaturen eben jene Dinge abzuknöpfen, die nicht verhandelbar waren, so lange Kern ihres eigenen Geschäfts gewesen. Aber Morrow war unter anderem so gut in seinem Job, weil er enorm aufmerksam war, und es waren nur Stunden vergangen, als er ihr erstmals die Tabletten anbot, die in den folgenden Tagen ihre nahezu einzige Erleichterung werden sollten.

Nox war keine Droge im eigentlichen menschlichen Sinn. Zumindest nicht für jene, für die sie ursprünglich geschaffen worden war. Menschen konnten mit ihr wenig anfangen – ihre Körper waren zu empfindlich, ihre Wahrnehmung zu begrenzt. Nox war für Wesen gemacht worden, deren Sinne und Emotionen weit über das hinausgingen, was ein menschlicher Geist normalerweise verarbeiten musste.
Seine Wirkung war entsprechend nicht berauschend, sondern dämpfend. Es legte sich wie eine unsichtbare Schicht zwischen ein Wesen und die Intensität seiner eigenen Wahrnehmung. Es unterdrückte keine Empfindung, sondern… entfernte sie nur ein wenig, und es schaffte Lilith die dringend nötige Distanz, die sie selbst nicht mehr herstellen konnte.
Der immer wieder aufkeimende Phantomschmerz wurde zu einem gut ignorierbaren Hintergrundpochen, die Trauer, die sie nie ganz loswurde, verlor ihre lähmende Schwere. Sie hatte nicht mehr ganz so häufig das Bedürfnis, ihre Hand auf ihr Brustbein zu pressen, wo sie den Verlust ihrer Gnade immer noch fühlte.
Es war das Einzige, was wirklich half.

Und so hatte sie ihn am heutigen Abend wieder aufgesucht, noch leicht high von ihrer letzten Dosis: Die Musik im Club gedämpfter, die Lichter angenehm, die Auren um sie herum anwesend, die meisten uninteressant, aber definitiv keine davon überwältigend.
„Ich brauche mehr“, hatte sie direkt verkündet. Kein Grund, sich mit Nichtigkeiten aufzuhalten.
„Du hattest erst gestern welche.“ Sie bedachte ihn mit einem Blick, der ihre verbale Reaktion erübrigte.
„Das Zeug ist nicht dafür gedacht, dass du es wie Aspirin nimmst, Lilith.“ Aber er zog dennoch eine der kleinen, schwarzen Schachteln aus seinem Jackett, während sie leicht zynisch antwortete.
„Dann verkauf’ mir etwas, das dafür gedacht ist.“ Er schnaubte, reichte ihr aber schließlich die Schachtel. Lilith nahm sie an sich und öffnete sie – ein kurzer, prüfender Blick genügte. Dann steckte sie sie ein.
„Was willst du dafür?“
„Deine Einschätzung.“ Interessiert – zum ersten Mal aufrichtig, an diesem Abend, sogar durch ihre gedämpfte Wahrnehmung – hob sie den Kopf. Er hob die andere Hand, und erstmals sah sie, dass er noch etwas bei sich trug. Womöglich war auch ihre Aufmerksamkeit ein wenig getrübt.
„Du kennst dich doch aus mit…“ Aber den Rest seines Satzes hörte sie gar nicht mehr, weil ihre getrübte Aufmerksamkeit sich plötzlich auf jemand anderen fokussierte, nachdem sie das unverkennbare Gefühl eines innehaltenden Blickes auf sich gespürt hatte.

So dunkel sie sich auch kleidete, so sehr sie sich bemühte, unauffällig an der Bar zu sitzen, und so high Lilith auch sein mochte – ihr Haar, ihre Schönheit, ihr Wesen, alles an ihr war rein. Sie blendete nicht so wie sonst, aber auch das schrieb Lilith dem teilweisen Verlust ihrer eigenen Fähigkeiten, gepaart mit ihrer gedämpften Wahrnehmung zu. Doch selbst auf die Distanz war Jezahel unverkennbar, jetzt, wo sie sie einmal wahrgenommen hatte.
„Entschuldige mich kurz.“ Sie ließ Morrow stehen und ging hinüber zur Bar. Ob es klug war, sich mit einem Engel anzulegen, in ihrem derzeitigen Zustand? Höchstwahrscheinlich nicht. Allerdings war Lilith nicht wirklich in bester Verfassung, um rational schlüssige Entscheidungen zu treffen, und derzeit ließ sie sich leiten von der Tatsache, dass jemand auf ihrem Terrain spielte, der hier absolut nicht hingehörte… und der Neugier, wie es dazu gekommen war.
„Du bist weit weg von deinem Zuständigkeitsbereich.“ Ihr Tonfall war ruhig, beinahe beiläufig, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, Jezahel darauf hinzuweisen.


RE: A little less Hell - Jezahel White - 20.08.2026

Jezahel hatte durchaus damit gerechnet, dass Lilith sie früher oder später bemerken würde; womit sie weniger gerechnet hatte, war, dass Luzifers Tochter ihr die Entscheidung abnahm, ob und wann sie selbst die Distanz zwischen ihnen überbrücken wollte. Für einen kurzen Moment blieb ihr Blick deshalb noch bei Morrow, während Lilith sich bereits von ihm löste und auf die Bar zusteuerte, und fast automatisch registrierte sie dabei die kleine schwarze Schachtel, die kurz zuvor den Besitzer gewechselt hatte. Zu wenig, um daraus irgendeine brauchbare Schlussfolgerung zu ziehen. Morrow handelte mit Dingen, die auf gewöhnlichen Märkten nicht zu finden waren, und eine unscheinbare Verpackung konnte in seinem Geschäft vermutlich ebenso gut einen harmlosen Talisman wie etwas enthalten, das eine halbe Stadt in Schwierigkeiten brachte.
Dennoch prägte Jezahel sie sich ein, ebenso wie die Tatsache, dass Lilith offenbar nicht zufällig neben dem Mann gestanden hatte, den sie selbst seit einer halben Stunde suchte. Dass diese nun ausgerechnet zu ihr herüberkam, machte ihren Auftrag nicht unbedingt leichter, allerdings konnte sie kaum behaupten, dass der Abend damit weniger interessant geworden wäre.

Bei Liliths Begrüßung hob Jezahel lediglich ein wenig die Brauen, und für den Bruchteil einer Sekunde lag etwas beinahe Amüsiertes in ihrem Gesicht, ohne ihren warmen Ausdruck zu verlieren, der auch jetzt darauf lag. Ertappt fühlte sie sich jedenfalls nicht. Wenn irgendjemand glaubte, ihr erklären zu müssen, wo sie sich aufhalten durfte, dann war die Seelensammlerin nicht unbedingt die erste Instanz, deren Zuständigkeit ihr dabei eingefallen wäre.
„Interessant“, erwiderte sie deshalb ruhig und drehte das Glas zwischen ihren Fingern ein kleines Stück auf der dunklen Oberfläche der Bar, ehe sie Lilith wieder ansah. „Ich hätte schwören können, Los Angeles läge noch immer auf der Erde.“ Die Worte waren nicht scharf genug, um eine tatsächliche Provokation daraus zu machen, eher eine sanfte Erinnerung daran, dass Jezahel keinerlei Absicht hatte, sich für ihre Anwesenheit zu entschuldigen. Trotzdem blieb das angedeutete Lächeln nur kurz bestehen, denn nun, da Lilith unmittelbar vor ihr stand und nicht mehr mehrere Meter entfernt zwischen wechselndem Licht und anderen Gästen, fiel ihr etwas auf, das sich nur schwieriger beiseiteschieben ließ.
Beim letzten Mal hatte Lilith eine Präsenz besessen, die kaum zu übersehen gewesen war. Nicht allein deshalb, weil Jezahel gewusst hatte, was sie vor sich hatte, sondern weil an ihr etwas von jener Selbstverständlichkeit gelegen hatte, die sie von Engeln kannte: Dieses kaum greifbare Bewusstsein für eine Macht, die nicht erst herbeigerufen werden musste, weil sie Bestandteil des eigenen Wesens war. Jezahel hatte sie damals nicht mögen müssen, um das zu erkennen. Im Gegenteil. Und gerade die Tatsache, dass ausgerechnet dieses Geschöpf seine Gnade besaß, während ihre eigene seit so kurzer Zeit nur noch in Erinnerungen existierte, setzte sich gerade noch einmal mehr unangenehm tief in ihr fest.

Jetzt jedoch brauchte Jezahel einige Augenblicke, um überhaupt zu bestimmen, was sie störte. Lilith stand aufrecht, sprach deutlich und bewegte sich nicht wie jemand, der mehr Alkohol zu sich genommen hatte, als ihm guttat, und dennoch wirkte ihre Aufmerksamkeit merkwürdig abgefedert, als läge zwischen ihr und dem Raum eine dünne Schicht, durch die Geräusche, Licht und Bewegungen erst hindurchdringen mussten, bevor sie sie erreichten.
Jezahels Blick glitt einen Moment über ihr Gesicht, aufmerksam, ohne dabei unverhohlen zu starren. Alkohol erschien ihr unwahrscheinlich. Erschöpfung vielleicht, auch wenn sie sich schwer vorstellen konnte, dass gewöhnliche Müdigkeit bei Lilith genau diesen Eindruck hinterließ. Eine Verletzung hätte sie ebenfalls nicht ausgeschlossen, doch nichts an ihrer Haltung deutete unmittelbar darauf hin.
Damit blieb noch eine wesentlich naheliegendere Möglichkeit, besonders nachdem sie gesehen hatte, woher Lilith gerade gekommen war und was Morrow ihr übergeben hatte. Irgendeine Substanz also. Was genau, konnte sie nicht wissen und es wäre voreilig gewesen, aus einer schwarzen Schachtel und einem etwas veränderten Verhalten bereits eine Geschichte zusammenzusetzen, die womöglich überhaupt nicht stimmte. Trotzdem schob sie die Beobachtung gedanklich dorthin, wo sie auch all die anderen kleinen Details dieses Abends sammelte. Morrow war nicht dafür bekannt, Dinge zu verkaufen, die man ebenso gut in der nächsten Apotheke bekam. Doch selbst diese Erklärung reichte nicht ganz aus.
Etwas anderes an Lilith war verändert, und je länger Jezahel sie betrachtete, desto deutlicher wurde das eigentümliche Unbehagen, das sie nicht sauber benennen konnte. Es war weniger etwas, das ihre Augen wahrnahmen, als ein alter Instinkt, der längst hätte verkümmern dürfen und sich offenbar trotzdem weigerte, vollständig zu verschwinden. Jahrhunderte hatte sie andere Engel nicht allein gesehen, sondern auf eine Art erkannt, die sich nur schwer in menschliche Begriffe übersetzen ließ. Gnade war kein Schmuckstück, das man trug, kein Licht, das ständig sichtbar um einen herum schimmerte, und dennoch hatte sie zu einem Engel gehört wie Herzschlag und Atem zu einem Menschen. Bei Lilith hatte Jezahel sie bei ihrer ersten Begegnung gespürt. Jetzt suchte etwas in ihr unwillkürlich nach genau diesem vertrauten Eindruck – und fand ihn nicht dort, wo sie ihn erwartete. Ihre Stirn legte sich kaum merklich in Falten.
Vielleicht verbarg Lilith ihre Aura? Oder war es eine Nebenwirkung dessen, was auch immer Morrow ihr verkauft hatte? Vielleicht lag es an diesem Ort, an der Menge übernatürlicher Energien, die sich hier gegenseitig überlagerten und selbst Jezahels Wahrnehmung zuweilen mit mehr Eindrücken versorgten, als hilfreich war… dieses Gefühl blieb hartnäckig bestehen, selbst nachdem sie versucht hatte, es vernünftig einzuordnen.
Die Erkenntnis brachte eine unangenehme Resonanz mit sich, deren Ursprung Jezahel lieber nicht näher untersuchte. Zu vertraut war dieses kaum erklärbare Fehlen von etwas, das eigentlich da sein sollte; zu frisch die eigene Erfahrung damit, morgens aufzuwachen und noch vor dem Öffnen der Augen für einen winzigen Moment davon auszugehen, dass nichts sich verändert hatte, nur damit der eigene Körper einen Sekundenbruchteil später nach Kräften griff, die nicht mehr antworteten. Sie schob den Gedanken fort, bevor er sich weiter entfalten konnte. Dass Lilith heute anders auf sie wirkte, bedeutete nicht, dass ihr dasselbe widerfahren war, und allein die Vermutung erschien Jezahel zu gewagt, um sie ernsthaft weiterzuverfolgen. Vor allem hatte sie keinen Grund, Luzifers Tochter plötzlich mit jener Fürsorge zu begegnen, die sie einem verletzten Menschen selbstverständlich entgegengebracht hätte. Dafür erinnerte sie sich noch deutlich genug an einen Toten und an eine Seele, die Lilith vor ihren Augen mit sich genommen hatte.

Ihr Blick löste sich deshalb für einen Moment von ihr und wanderte scheinbar beiläufig an ihrer Schulter vorbei. Morrow befand sich noch dort, wo Lilith ihn zurückgelassen hatte, und soweit Jezahel erkennen konnte, war auch der Gegenstand weiterhin in seinem Besitz. Gut. Wenigstens hatte sich innerhalb der letzten Minute nicht auch noch dieser Teil ihres Abends entschieden, komplizierter zu werden. Dennoch stellte Liliths offensichtliche Bekanntschaft mit dem Händler eine zusätzliche Variable dar, die der Rat in seinen spärlichen Informationen nicht erwähnt hatte. Vielleicht hatte ihr Gespräch nichts mit dem Artefakt zu tun. Vielleicht hatte es ausschließlich um den Inhalt jener schwarzen Schachtel gegangen. Vielleicht wusste Lilith aber auch wesentlich mehr über Morrows heutige Geschäfte, als Jezahel nach stundenlanger Vorbereitung in Erfahrung gebracht hatte. Keine der Möglichkeiten war etwas, das sie jetzt offen ansprechen wollte, solange sie nicht einmal wusste, weshalb Lilith überhaupt zu ihr gekommen war.

Als Jaze sich ihr wieder vollständig zuwandte, war ihre Haltung deshalb weniger abweisend, als ihre Vorsicht vielleicht nahegelegt hätte. Misstrauen war schließlich kein Grund für Unhöflichkeit, und sie hatte in ihrem langen Leben gelernt, dass man meistens mehr erfuhr, wenn man seinem Gegenüber nicht bereits mit gezückter Klinge begegnete – sinnbildlich oder tatsächlich.
Dazu kam, dass Lilith momentan ohnehin nicht wirkte, als wäre sie eigens durch den Raum gekommen, um einen Kampf anzufangen. Was sie stattdessen wollte, blieb der Blonden allerdings ein Rätsel. Sie konnte schlecht wissen, dass allein ihre Nähe bereits einen Unterschied machte, und hätte sie überhaupt bemerkt, dass Lilith länger bei ihr verweilte, als für einen kurzen territorialen Hinweis notwendig gewesen wäre, hätte sie vermutlich zuerst nach einer weit weniger schmeichelhaften Erklärung gesucht. Dass sie ausgehorcht werden sollte, etwa. Dass Lilith herausfinden wollte, weshalb sie sich im Valen aufhielt. Oder dass sie sie ganz bewusst von dem Mann fernhielt, mit dem sie eben noch gesprochen hatte.

Jezahel nahm schließlich ihr Glas wieder auf und führte es an die Lippen, ohne Lilith dabei aus den Augen zu lassen, trank einen kleinen Schluck und stellte es anschließend ebenso ruhig zurück. Dass ihre bloße Anwesenheit etwas von jener sanften, kaum merklichen Wärme mit sich brachte, die Menschen in ihrer Nähe manchmal ruhiger atmen ließ, nahm sie selbst schon lange nicht mehr bewusst wahr; sie war kein Werkzeug, nach dem sie greifen musste, solange sie niemandem gezielt Trost schenken wollte, sondern eher ein leiser Bestandteil dessen, was nach allem, was ihr genommen worden war, offenbar trotzdem noch von ihr übrig geblieben war. Jezahel dachte in diesem Moment jedenfalls nicht daran, sie einzusetzen. Sie dachte an Morrow, an das Artefakt, an die schwarze Schachtel und an die Frau vor sich, die sich auf eine Weise verändert hatte, die ihr ehemaliger Engelinstinkt bemerkte, ohne ihr erklären zu können, weshalb.
Erst dann erschien wieder ein kleines, wesentlich freundlicheres Lächeln in ihren Mundwinkeln, während sie mit einem flüchtigen Blick auf ihr eigenes Glas deutete. „Ich nehme an, du bist nicht nur herübergekommen, um mir etwas von der Getränkekarte zu empfehlen?“


RE: A little less Hell - Lilith - 25.08.2026

Jezahels Antwort auf ihre einleitenden Worte war bestimmt, aber nicht defensiv oder abweisend. Im Gegenteil, sie sah sogar auf subtile Weise erheitert aus, als ihre Anwesenheit im Valen in seiner Ungewöhnlichkeit ausgedeutet wurde, eine Tatsache die Lilith deutlich unterhaltsam fand. Der Umgang mit ihresgleichen – egal ob nun mit Vertretern der Erzengelriege, wie Michael oder Raphael, oder aufrichtigen, überzeugend dienenden Kämpfern, wie Jezahel eine war – bewegte sich einfach auf einem ganz anderen Level, als das bei den restlichen Lebewesen auf dieser Ebene der Fall war. Sie waren alle eins, irgendwie, auch wenn sie auf unterschiedlichen Seiten standen, und sie kannten und verstanden einander, ihre Lebensweise, die Stärken und Schwächen der anderen, wie ihre Körper und Kräfte funktionierten, und wo deren Grenzen lagen. Es gab nur wenige Spezies auf der Erde, die nicht vor der inhärenten Macht, die die Engel innehatten, instinktiv zurückscheuten.
Umso erfrischender war es, einem von ihnen zu begegnen, ganz gleich welcher Natur diese Begegnung auch sein mochte. Denn auch, wenn sie unterschiedliche Seiten des Gleichgewichtes bespielten – am Ende des Tages war es doch genau das, ein Gleichgewicht, sorgsam aufgestellt und in Balance gehalten von all ihren jeweiligen Handlungen. Sie befolgten Regeln, manche davon offensichtlich, andere subtiler, aber alle davon so bekannt, dass niemand sie vollkommen überwarf. Sie töteten einander nicht, sofern nicht unabdingbar; alles dazwischen waren Spielzüge, die manchmal zugunsten der einen, manchmal der anderen Seite ausfielen. Und wie jedes Spiel war auch dieses am unterhaltsamsten mit einem ebenbürtigen Mitspieler – oder einer Spielerin, in diesem Fall.

Der Aussage, dass Los Angeles zum aktuellen Stand noch immer auf der Erde lag, begegnete Lilith mit einem belustigten Blitzen in ihren Augen, während sie sich locker an den Tresen der Bar lehnte, einen Unterarm darauf abgestützt.
„Tut es. Aber manche Orte haben ihre eigenen Grenzen–“ Souveräne Staaten in fremdem Hoheitsgebiet, wenn man so wollte, die eigenständig regiert wurden und dementsprechend auch ihren eigenen Gesetzen unterlagen.
„–und wenn man nicht aufpasst, dann steht man an ihnen mit einem Fuß in der Hölle.“
Ihr Tonfall war keineswegs drohend, eher im Gegenteil. In Liliths Augen war die Hölle kein verabscheuungswürdiger Ort, es war ihr Zuhause. Sie war nie selbst im Himmel gewesen, also fehlten ihr die Erfahrungen aus erster Hand, aber nach allem, was sie über diesen Ort gehört oder erschlossen hatte, ob nun von Gabriel oder aufgrund des Verhaltens der anderen Engel, war es in ihren Augen auch kein sonderlich erstrebenswertes Ziel. All die Restriktionen, denen man unterlag, die Grenzen dessen, was toleriert wurde, die Geißelung, irgendwelchen willkürlichen Aufgaben nachzugehen, um den Menschen zu dienen. Nein… ein Ausflug in die Hölle war keine Drohung, sondern vielmehr eine Offenbarung, und genau so sprach sie auch davon.
Liliths Blick glitt für einen Moment über Jezahels gesamte Erscheinung, ihren Körper, ganz in schwarz gehüllt und in so starkem Kontrast zu ihrer ansonsten hellen, engelsgleichen Erscheinung. Dann hob sie ihn langsam wieder, sodass er erneut ihre Augen fand. Der sanfte Anflug eines Lächelns umspielte ihre Lippen.
„Wobei ich nicht ganz sicher bin… ob die Hölle dich so einfach wieder gehen lassen würde.“ Vermutlich war ihr Tonfall deutlich lockerer, als man erwarten könnte, in Anbetracht dessen, dass sie so lange Zeit Rivalinnen (gewesen?) waren. Auswirkungen ihres derzeitigen Zustandes? Möglich. Immerhin arbeitete sie nicht, schon seit Tagen nicht mehr. Es gab keine Aufgabe, der sie nachging, keinen Vertrag, den sie zu schließen hatte… keine Seele, die ihrer Aufmerksamkeit bedurfte. Sie war ausnahmsweise einfach nur hier, weil sie hier sein wollte, zu nichts weiter als ihrem persönlichen Vergnügen – oder dem Zeitvertreib, je nachdem, wie der Abend so verlief. Warum sollte sie also ausgerechnet jetzt einen Streit vom Zaun brechen?
Wenn zu besagtem Zeitvertreib dann eine Unterhaltung mit Jezahel gehörte, in Ordnung. Immerhin war sie interessant. Und vielleicht war es irgendwie auch genau das, was sie hier verweilen ließ: Die ungewohnte Freiheit, in diesem Moment einmal nichts erreichen, leisten oder gewinnen zu müssen. Vielleicht hatte sie deshalb auch keinen Grund dafür, jedes Wort vorher auf all seine möglichen Konsequenzen hin abzuwägen. Es hatte einfach in diesen Augenblicken keinerlei Relevanz für sie – geschweige denn genug Gewicht, um ihr Handeln zu beeinflussen. Und am Ende des Tages musste Lilith wahrscheinlich auch nicht jede interessante Unterhaltung in einen strategischen Vorteil für sich verdrehen.

Und im Grunde war das tatsächlich der Grund, warum sie hergekommen war: Anders als sie machte Jezahel nicht den Eindruck, als wäre sie zu Unterhaltungszwecken hier. Zu aufmerksam war ihr Blick, zu umfassend die Eindrücke, die sie offensichtlich viel schneller aufzunehmen und zu katalogisieren schien, als Lilith sich bemühen wollte zu verfolgen. Sie schien durchaus ein Ziel zu haben, einen Auftrag, an dem sie arbeitete, und wenn Lilith eines war, dann war es neugierig.
Jezahel und sie waren in der Vergangenheit häufiger mal aneinander geraten, weil gerade Lilith sich schwer tat damit, die besagten Regeln, nach denen sie alle ihre Züge durchführten, als absolut und unverhandelbar zu akzeptieren.
Weil sie gerne Schlupflöcher suchte, um die strikten Vorgaben in diesem nie endenden, kosmischen Spiel, das zwischen Himmel und Hölle bestand, zu testen und herauszufordern.
Weil sie ihr Seelen gestohlen hatte – oder in manchen Fällen versucht hatte, sie zu stehlen, nicht immer erfolgreich –, die eigentlich für den Aufstieg in den Himmel gedacht waren. Und während die Kriegerin in Jezahel niemals vor einer direkten Konfrontation mit ihr zurückgeschreckt war und sie jederzeit gerne herausgefordert hatte, um den Verbleib der betroffenen Seele zu kämpfen, war sie ihr doch niemals in die Hölle gefolgt, um sie zurückzufordern, sobald Lilith sie einmal hatte. Die Schwelle zu übertreten, die ihre eigene Zugehörigkeit zum Himmelreich hätte riskieren können, war immer eine Grenze gewesen, vor der sie zurückzuscheuen schien; Jezahel wusste offenbar, wo sie hingehörte und setzte diese Tatsache auch nicht aufs Spiel.
Oder zumindest hatte Lilith sie so kennengelernt.
Umso überraschender war es für sie, sie heute Abend hier anzutreffen, im Club ihres Bruders, in dem ein Laster das andere jagte. Wie auch immer der Auftrag aussah, den sie verfolgte, er musste entsprechend gewichtig sein, wenn sie den Weg hierher fand… oder etwas an ihr hatte sich verändert. Etwas, das ihre bisher so deutlichen und klaren Grenzen verschoben hatte. Konnte das möglich sein? Eine der hellsten Kriegerinnen der Mächte, Vorzeigebeispiel für Pflichtbewusstsein und Tugend, und jetzt war sie… was?
Aber Lilith war nicht in der Lage, den Gedanken zu Ende zu führen. Zu trüb war ihre Aufmerksamkeit, zu unerreichbar ihr Bezug zu den Fähigkeiten, die sie noch hatte, zumindest jetzt gerade. Vielleicht später, wenn sie wieder etwas klarer bei Verstand war.

Und bis dahin… konnte sie sich hier auch ein wenig die Zeit vertreiben. So unerwartet diese Begegnung auch gewesen sein mochte, eins würde sie vermutlich nicht werden, und das war langweilig. Jezahel war kompetent, in dem was sie tat, und sie war klug, dem Intellekt von 99% des anwesenden Klientel hier deutlich überlegen. Warum sollte sie sich nicht eine Weile mit ihr beschäftigen?
Einer der Gründe: Womöglich war sie zu klug. Zuerst schien sie auf irgendetwas zu warten – oder irgendwen –, den Raum zu beobachten, konstant. Eine Sekunde lang fühlte auch Lilith sich unangenehm beobachtet, aber Jezahels Blick verweilte nie lange genug, als dass sie sich wirklich sicher sein konnte, dass es nicht nur diesem gewissen Misstrauen zu verdanken war, das sie derzeit mit sich herumtrug wie einen Mantel, den sie einfach nicht ablegen konnte. Konnte sie sie sehen? Alles an ihr, hinter die Maske, die sie inzwischen so routiniert und gekonnt aufsetzte, wenn sie sich in diesen Räumen bewegte?
Sollte dem so sein, dann ließ Jezahel sich zumindest nichts anmerken, und so schnell das heimsuchende Gefühl aufgekommen war, so schnell löste es sich seltsamerweise auch wieder. Vielleicht ebenfalls deshalb, weil keines von Liliths Gefühlen in ihrem aktuellen Rauschzustand sonderlich lange blieb – daher schätzte sie Nox so sehr. Es war alles… viel weniger wichtig. Misstrauen und Zweifel wichen einem viel angenehmerem Gefühl der Gleichgültigkeit. Wobei, mehr noch – diese Unterhaltung war ihr nicht gleichgültig, sie wurde viel mehr… unterhaltsam.

Auf die subtil suggestive, aber weiterhin offen freundliche Frage, ob sie lediglich hier war, um etwas von der Getränkekarte zu empfehlen, hob Lilith lediglich eine Augenbraue, ein kaum merkliches, verschmitztes Lächeln auf den Lippen.
„Könnte ich, wenn du interessiert bist“, entgegnete sie souverän, drehte sich ein Stück weit um, und hob zwei Finger. Mehr war nicht nötig, um den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen, er hatte sie längst bemerkt, als sie an die Bar gekommen war. Lilith bevorzugte ihre Drinks tendenziell schwerer und eher auf der bitteren Seite – Jezahel schätzte sie allerdings eher auf der frischeren, perligeren Seite der Cocktailauswahl ein. Entsprechend schmucklos gab sie neben ihrer eigenen auch eine zweite Bestellung auf, ohne sich unnötig lange damit aufzuhalten. Erst danach wandte sie sich wieder ihrem Gespräch zu.
„Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass du deine Abende bevorzugt an einem Ort wie diesem hier verbringst“, griff sie schließlich ihren Punkt von zuvor noch einmal auf. Allerdings deutlich weniger provokant, als vielmehr geprägt von aufrichtigem Interesse, wie es nur jemand aufbrachte, der aktuell sonst keinerlei Verpflichtungen zu erfüllen hatte.
„Welcher Auftrag ist also wichtig genug, dass du dafür eine Ausnahme machst?“


RE: A little less Hell - Jezahel White - 25.08.2026

Die Art, wie Lilith locker an dem Tresen der Bar lehnte, vermittelte Jazie etwas Nostalgie. Nicht, dass sie der Tochter des Teufels schon oft in dieser Pose begegnet war – und nach dem letzten Seelenklau war das auch sicher nicht unbedingt eine gute Idee gewesen – doch obwohl sie souverän wirken wollte, konnte die Blonde ihr das nicht so ganz abnehmen. Doch da sie den Gedanken mit einer in Jezahels Augen derartig offensiv zur Schau stellenden Leichtigkeit weiterspann, brachte das den ehemaligen Kriegerengel dazu, sie einen Moment aufmerksamer anzusehen. Es war wie ein Spiel auf einer Wippe, bei dem jeder von ihnen auf einer anderen Seite stand und sie dennoch im Gleichgewicht bleiben mussten, selbst wenn es bedeutet hätte, dass er gegen den Daseinsgrund des anderen handeln musste. Und auch das Gleichgewicht auf der Wippe schien nicht so ausgeglichen zu sein wie bei ihrer letzten Begegnung, so empfand es Jaze zumindest.

Als sie von den Grenzen sprach, die ein Ort offenbar unabhängig von Stadt- oder Landesgrenzen ziehen konnte, folgte Jezahels Blick für einen Augenblick ihrer eigenen Körperlinie hinab bis zu den schwarzen Stiefeletten, als ob auf dem Boden vor ihr tatsächlich eine eindeutige Linie prangte. „Dann sollte ich wohl darauf achten, wo ich hintrete, was?“ Ein Anflug von Belustigung lag in ihrer Stimme, auch wenn die Metapher unangenehm gut gewählt war. Der Himmel hatte ihre frühere Eindeutigkeit gründlich genug zerstört, ohne ihr dafür irgendetwas zu bieten, wo sie sich erneut zugehörig fühlen konnte; ausgerechnet jetzt darüber nachzudenken, auf welcher Seite einer unsichtbaren Schwelle sie eigentlich stand, war genau das, was ihr unangenehm war.
Dass Lilith anschließend auch noch mutmaßte, die Hölle könnte sie womöglich nicht ohne Weiteres wieder herausgeben, machte diesen Gedankengang nicht unbedingt attraktiver, auch, wenn Jaze ihre Äußerung auch durchaus als ein kleines Kompliment verstand, das sie insgeheim zurückgeben konnte. Doch im Gegensatz zu ihr selbst hatte sich für sie zumindest an Liliths Kleidungsstil nicht sonderlich viel verändert – Jazie dagegen trug für sie ungewöhnlich dunkle Kleidung, wo ansonsten Pastellfarben und florale Muster zu finden waren. Für einen flüchtigen Moment fragte Jezahel sich, was ein solches Reich heute überhaupt in ihr erkennen würde, wenn selbst sie noch versuchte, die Antwort darauf neu zu finden. „Ich hatte eigentlich vor, es nicht darauf ankommen zu lassen“, erwiderte sie und für einen Bruchteil einer Sekunde flatterten ihre Augenlider. Sie war bereits so lange auf der Erde, dass sie eine gewisse Souveränität besaß und das Aufrechterhalten einer Fassade gehörte durchaus dazu. So war dies die einzige Reaktion, die darauf hindeuten konnte, dass Lilith damit gerade einen ziemlich empfindlichen Punkt getroffen hatte. Wenn sie nur wüsste!

Dass sie ihre Bemerkung über die Getränkekarte anschließend tatsächlich als Anlass nahm, eine Bestellung aufzugeben, brachte dagegen offenere Überraschung in Jezahels Gesicht. Zwei Finger in Richtung des Barkeepers, kein Nachfragen, kein prüfender Blick, was sie überhaupt mochte – Lilith entschied offenbar einfach. Das war für sie die Lilith, die sie kannte. So, wie sie damals einfach über den Verbleib der Menschenseele entschieden hatte. Jazies Kiefer spannte sich für einen kurzen Moment an, als sie an ihre letzte Begegnung zurückdachte.

Als das zweite Glas vor Jezahel abgestellt wurde, erkannte sie einen French 75: Blassgolden, fein perlend, mit einer schmalen Zitronenzeste versehen. Sie hob ihn zunächst prüfend an, kostete und musste Lilith nach dem ersten Schluck zugestehen, dass die Wahl erstaunlich gut getroffen war. Die Zitrone hielt die Mischung frisch, der Gin gab ihr genug Trockenheit und der Schaumwein nahm ihr jede unnötige Schwere. Jezahels Mundwinkel verzog sich schließlich doch zu einem leichten Grinsen. „Nicht schlecht, auch wenn ich heute nicht vorhatte, einen Cocktail zu trinken.“ Nein, eigentlich hatte sie bei ihrer Coke bleiben wollen – immerhin hatte sie einen Auftrag! Innerlich seufzte die Blonde, und sie wusste nicht, ob es an der anderen Art des Umgangs mit ihr lag, dass sie der Tochter des Teufels nicht wortlos, aber dankend nickend, das Getränk zurückschob.
Dass Lilith ihren Humor aufgriff und ihr kurzerhand einen Drink bestellte, machte sie dabei auf eine vollkommen andere Weise schwer einzuschätzen. Bei einer Drohung wusste Jezahel wenigstens, woran sie war. Bei ehrlicher Neugier war sie sich bei Luzifers Tochter deutlich weniger sicher.

Als Lilith schließlich trotzdem auf den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit zu sprechen kam, war dies kaum überraschend. Jezahel musste kein besonders überzeugendes Bild einer Frau abgegeben haben, die sich spontan entschieden hatte, ihren freien Abend im Valen zu verbringen, und Lilith kannte sie gut genug, um das zu erkennen. Die Frage selbst störte sie deshalb nicht; lediglich die Antwort würde deutlich knapper ausfallen, als ihr Gegenüber vermutlich hoffte. Jezahel nahm noch einen Schluck von ihrem Cocktail, bevor sie das Glas wieder abstellte. Ja, das war eindeutig besser als die Coke. „Einer, über den ich an einem Ort wie diesem vermutlich besser nicht zu ausführlich spreche.“ Freundlich ausgesprochen, aber eindeutig genug, dass sie nicht beabsichtigte, daraus eine ausführlichere Erklärung werden zu lassen.
Ein paar Sekunden betrachtete sie Lilith noch, ehe ihre Miene wieder etwas weicher wurde. Schließlich war sie nicht die Einzige von ihnen, die an diesem Abend offenbar nicht vollkommen ohne Beschäftigung hierhergekommen war. „Du warst allerdings gerade selbst beschäftigt.“ Ein Hauch von Amüsement schwang in ihrer Stimme mit, als sie den French 75 erneut anhob. „Was macht meinen Abend plötzlich interessanter als deinen?“


RE: A little less Hell - Lilith - 30.08.2026

Liliths Mundwinkel zuckten einen Moment lang amüsiert, als Jezahel ihre gewählte Metapher so selbstverständlich annahm und mit Blick auf ihre Füße mutmaßte, dass sie besser darauf achten sollte, wohin sie trat. Dennoch überraschte sie die lockere Erwiderung auf ihre leicht provokanten Aussagen mindestens ebenso sehr, wie sie sie amüsierte. Die Jezahel, der sie zuletzt begegnet war, hätte nicht derart spielerisch auf Andeutungen reagiert, die ihre Zugehörigkeit infrage stellten. Ihre Natur. Es gab gute Gründe, warum sie in der Position arbeitete, in der sie sich befand – Eignung, Loyalität, Zuverlässigkeit. Überzeugung.
Aber nun stand sie hier, an der Bar im sündigsten Club von Los Angeles, und ließ sich auf eine Unterhaltung mit ihr ein, die unterschwellig Grenzen auslotete… oder zumindest mit der Idee spielte, sie zu verschieben. Das war womöglich Liliths liebster Zeitvertreib, in privaten wie beruflichen Begegnungen. Sie hatte nur niemals damit gerechnet, dass Jezahel darauf einstieg.
Und mehr noch – sie setzte sogar nach.
„Ich hatte eigentlich vor, es nicht darauf ankommen zu lassen“
„Eigentlich?“ Lilith griff das Wort, das sich ihr nahezu aufgedrängt hatte, augenblicklich auf. Derartige Einladungen ungenutzt im Raum stehen zu lassen, widersprach fundamental ihrer Natur. Sie musterte Jezahel mit einem prüfenden Blick.
„Das klingt verdächtig nach einer Hintertür.“ Worte trugen Bedeutung, die unbewusst fallen gelassenen meist noch vielmehr als die, die man im Gespräch wohlbedacht und sorgsam auswählte. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie, sogar eine körperliche Reaktion an ihrer Gesprächspartnerin wahrnehmen zu können. Ein Zucken ihrer Augenlider, das nicht passte zum Bild, das sie sich sonst so sehr bemühte abzugeben – das der souveränen Geschäftsfrau, die hier war wegen eines Auftrags, sonst nichts weiter.

Und zum ersten Mal an diesem Abend verfluchte Lilith sich womöglich ein klein wenig dafür, dass sie nicht bei klarem Verstand war. Ihr Kopf fühlte sich langsam an, und es gelang ihr einfach nicht, die Eindrücke, die sie sammelte, schnell genug zu verarbeiten um sie so zusammenzusetzen, wie sie das normalerweise tun würde, wenn sie jemanden las. Um eben genau die Dinge abzuleiten, die nicht offen gesagt wurden.
Jetzt gerade war sie Analphabetin, und anders als mit dem Rest ihrer Fähigkeiten, die sie kürzlich hatte einbüßen müssen, hatte sie diesen Verlust niemandem zuzuschreiben als sich selbst… beziehungsweise den Substanzen, mit denen sie ihren eigenen Geist getrübt hatte. So sehr sie Gefallen gefunden hatte an der Wirkung, die Nox auf sie hatte; das hier war die erste Situation seit Tagen, in der sie sich wünschte, nüchtern(er) zu sein. Weil Jaze sich anders anfühlte als sonst – jenseits ihrer so ungewöhnlichen Kleidung und der Tatsache, dass sie hier im Valen an der Bar saß – aber sie einfach nicht greifen konnte, was genau es war.
Womöglich machte sie das nun für Lilith allerdings nur noch spannender.

Kurz darauf wurden ihre Drinks serviert, und Lilith nahm mit einer gewissen Genugtuung wahr, dass Jezahel sich zufrieden mit ihrer Auswahl zeigte, während sie ihr eigenes Glas an die Lippen hob. Sie ließ ihrem Black Manhattan den kurzen Moment, sich zu entfalten, genoss die herbe, trockene Schwere und die angenehme Wärme, die sich langsam über ihre Zunge und den Rachen legte, dicht gefolgt von der Bitterkeit, die eine Weile nachhing. Guter Alkohol verdiente den Raum, geschmeckt zu werden.
Dann erwiderte sie das Grinsen ihrer Gesprächspartnerin mit einem ihrer eigenen, allerdings deutlich geprägt von einer gewissen Erheiterung, als ihr erneut eine Art verbale Hintertür in Jazes Formulierung auffiel.
„Mh… noch ein paar andere Dinge auf der Liste, die du eigentlich nicht vorhast zu tun?“, hakte sie augenblicklich nach, in deutlich kokettem Unterton. Dabei nahm sie den Spieß mit der in Brandy getränkten Kirsche aus ihrem Glas und drehte ihn kurz zwischen zwei Fingern, ehe sie die Kirsche schließlich mit der Zungenspitze nach oben schob und zwischen ihren Lippen auffing. Deren Süße und der Geschmack des Brandys waren ein willkommener Kontrast zur Bitterkeit, die noch auf ihrer Zunge lag.
Aussagen wie diese klangen in Liliths Ohren schlichtweg immer wie eine direkte Herausforderung, und welch ausgesprochen schlechte Gastgeberin wäre sie, wenn sie nicht noch mehr der Unterhaltung anbot, die das Valen bereithielt? Ob Jezahel bewusst war, wie sehr sie mit dem Club tatsächlich verwoben war, ob ihr der gesamte Hintergrund dessen, was hier vor sich ging, klar war – das konnte Lilith nicht sagen. Aber es spielte auch keine elementare Rolle; sie war niemandem verpflichtet, nicht mehr. Sie konnte tun und lassen, was sie als unterhaltsam empfand, und genau das tat sie.
„Solange wir darauf achten, wohin du trittst, versteht sich.“

Dass sie auf ihre recht direkte Frage zur Natur des Auftrags, den Jezahel hier heute Abend offensichtlich zu erledigen hatte, keine detaillierte Antwort erhielt, war für Lilith nicht sonderlich überraschend.
„Natürlich“, entgegnete sie daher, leicht schmunzelnd. Allerdings hatte Jezahel auch nicht abgestritten, dass es ein Auftrag war, und selbst wenn da nicht ihre persönliche Neugier auf ihre Person gewesen wäre – welche Interessen genau die Mächte der Ewigkeit oder sonstige himmlische Institutionen hier im Club verfolgten, wäre sicherlich auch für Mammon spannend zu erfahren. Oder wohl vielmehr Kisai, wenn sie ehrlich war.
Die Grenze allerdings konnte Lilith akzeptieren – es war schließlich nicht so, als hätte sie irgendwelche persönlichen Absichten oder Ziele, die hiervon gefährdet werden konnten. In der Vergangenheit hätte sie eine derartige Aussage wahrscheinlich noch einmal – wenn auch subtil – versucht, herauszufordern und doch noch zu erfahren, worum es ging, allein für den Fall, dass womöglich eine besonders wertvolle Seele involviert war. Nun jedoch war es ihr schlichtweg einerlei, und sie ließ das Thema fallen, zumindest für den Moment, ohne sichtbare Enttäuschung, ohne Widerstand.

Und dann bekam sie die Frage zurück. Verständlich, sehr wahrscheinlich hätte Lilith ähnlich reagiert, wären ihre Positionen vertauscht. Sie hob kaum merklich die Brauen ob der provokanten Formulierung, die ihr ebenfalls die Aussage als eine Tatsache unterstellte, so wie sie es gerade selbst getan hatte.
„Was macht meinen Abend plötzlich interessanter als deinen?“
„Ist er das?“ Das Lächeln auf ihren Lippen wurde wieder ein wenig deutlicher.
„Vielleicht lade ich einfach gern alte Freunde auf gute Getränke ein“, antwortete sie dann gelassen, griff nach ihrem Martini-Glas, hob es in einer angedeuteten Geste des gemeinsamen Trinkens an und nahm noch einen langsam-genussvollen Schluck.
„Vielleicht sehne ich mich schon seit Tagen nach intellektuell stimulierender Gesellschaft. Oder vielleicht gefällt mir dein Outfit, und ich erhoffe mir insgeheim, dass du mir später verrätst, wo du es her hast.“
Ihr Tonfall blieb spielerisch, sogar mit leichtem Witz, aber Lilith war sich sehr wohl bewusst, dass auch das nicht die Antwort war, die Jaze vermutlich hören wollte – aber Fakt war, dass es diese Antwort schlichtweg nicht gab. Sie war bekannt dafür, anderen um drei gedankliche Sprünge voraus zu sein, selten etwas ohne Plan in der Hinterhand zu tun und in den meisten Fällen auf ein Ziel hinzuarbeiten, wenn sie bewusst die Gesellschaft von jemandem suchte, der nicht zu ihrem inneren Kreis gehörte. Jezahel kannte sie nicht erst seit gestern, und sie war klug. Offensichtlich wusste sie allerdings noch nichts davon, wie sich Liliths Umstände kürzlich verändert hatten… und wie sehr sich das auf sie selbst und ihr Verhalten auswirkte, das war etwas, das Lilith selbst noch dabei war, für sich zu ergründen.
Bis dahin war ihre präferierte Methode schlichtweg Deflektion. Alles, was sie bisher wusste, war, dass sie es gerade vorzog, hier an der Bar zu bleiben, anstatt zu Morrow zurückzukehren… und fürs erste genügte ihr das. Sie folgte dem Bedürfnis, ohne sich Gedanken darüber zu machen, woher es kam.


RE: A little less Hell - Jezahel White - 06.09.2026

Lilith brauchte offenbar nicht mal eine Sekunde, um sich an dem kleinen „eigentlich“ festzubeißen, und genau das brachte Jezahel nun doch zu einem deutlicheren Grinsen. Dabei drehte sie den Oberkörper ein wenig mehr zu Lilith und stützte einen Ellbogen locker auf dem Tresen ab, als hätte sie sich nun endgültig darauf eingelassen, diese Unterhaltung zumindest für den Moment weiterzuführen.
Natürlich tat Lilith das. Natürlich nahm sie ausgerechnet jenes Wort, drehte es zwischen ihnen einmal um und erklärte es zur Einladung, noch bevor Jezahel selbst überhaupt auf die Idee gekommen wäre, darin eine zu verstecken.
„Dass du darin gleich eine Hintertür hörst, verrät mir vermutlich mehr über deine Absichten als über meine.“ Ihre Stimme blieb leicht, doch der Blick, mit dem sie Lilith dabei musterte, war von ihr beabsichtigt. Wenn diese schon mit Bedeutungen spielen wollte, durfte sie sich nicht wundern, wenn Jezahel den Ball zurückspielte.

Spätestens bei der nächsten Frage ließ sich der Unterton allerdings kaum noch als bloße Wortklauberei abtun. Jezahels Blick folgte der Kirsche einen Moment länger, als dafür eigentlich nötig gewesen wäre, blieb kurz an Liliths Mund hängen und kehrte anschließend zu ihren Augen zurück. Diesmal wich sie nicht sofort wieder aus, sondern hob das Kinn kaum merklich, während sich ein leicht herausforderndes Lächeln auf ihre Lippen legte. Sie war nicht blind und mittlerweile auch nicht mehr so tugendhaft, dass ihr entgangen wäre, wohin sich diese Unterhaltung gerade bewegte. Dass ausgerechnet Lilith diesen Weg einschlug, machte die Sache allerdings deutlich interessanter.
„Das klingt, als hättest du bereits eigene Vorschläge?“ fragte sie schließlich, ohne ihr dabei jedoch mehr zu versprechen als genau diese eine offene Tür im Gespräch. Auf den erneuten Hinweis, sie müssten nur darauf achten, wohin Jezahel trat, folgte lediglich ein kleines Kopfschütteln, halb amüsiert, halb ergeben, während sie den French 75 zwischen Daumen und Zeigefinger einmal langsam am Stiel drehte. Lilith schien Gefallen an ihrer eigenen Metapher gefunden zu haben; sie würde ihr diesen Triumph fürs Erste lassen.
Fast auffälliger war, was danach nicht geschah. Auf Jezahels knappe Antwort zu ihrem Auftrag kam kein weiteres Nachhaken, kein Versuch, die Grenze mit Charme, Provokation oder irgendeinem anderen Mittel doch noch zu verschieben. Für den Bruchteil eines Augenblicks wartete Jezahel beinahe darauf, dann hob sich lediglich eine ihrer Brauen, als Lilith das Thema tatsächlich ruhen ließ. Das war neu genug, um es zu registrieren, aber nicht wichtig genug, um es zu kommentieren.

Dafür bot Lilith ihr unmittelbar darauf etwas ganz anderes an. Alte Freunde. Jezahel zog die Braue nun noch ein Stück höher und hob den French 75 ein kleines Stück zwischen ihnen an, um ihn demonstrativ zu betrachten, als müsste sie kurz überprüfen, ob ein Cocktail tatsächlich ausreichte, ihre gemeinsame Vergangenheit auf diese Weise umzuschreiben. Erst dann sah sie wieder zu Lilith.
„Alt lasse ich gelten. Bei Freunde bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Falls der Cocktail als Beweis für diese plötzlich entdeckte Freundschaft gedacht war, musste Lilith sich vermutlich noch ein wenig mehr Mühe geben. Aber Jaze musste sich eingestehen, dass der angebotene Drink sie auf alle Fälle irritiert hatte… war das so etwas wie ein überraschend überzeugendes Friedensangebot? War das die eigentliche Strategie dahinter: Erst Gin, dann eine großzügige Neufassung ihrer gemeinsamen Vergangenheit?

Bei der nächsten angebotenen Erklärung wanderten ihre Augen wiederholend zu Lilith. Intellektuell stimulierende Gesellschaft konnte sie als Kompliment problemlos gelten lassen; das Outfit erwischte sie dagegen auf eine andere Weise. Jezahel sah an sich hinab, während ihre Finger wie beiläufig über das Revers des langen schwarzen Blazers strichen und den Stoff ein wenig glattzogen, als könnte sie durch Liliths Bemerkung plötzlich selbst entscheiden, was sie davon hielt. Noch immer war ihr der Anblick an sich selbst ungewohnt und gleichzeitig passte er beinahe irritierend gut zu diesem Ort.
„Ist das so?“ fragte sie mit leicht schief gelegtem Kopf und einem kleinen Lächeln, ehe sie noch einmal an sich hinabsah. „Das Kompliment nehme ich. Ich weiß aber gar nicht, ob mir mein Outfit selbst gerade unbedingt gefällt.“ Dass Lilith ihren sonst deutlich helleren, weicheren Stil kannte, machte die Bemerkung beinahe noch amüsanter. „Vielleicht verrate ich dir das später.“ Dabei fand ihr Blick Liliths erneut und blieb diesmal bewusst bei ihr.
Dem später gab sie keine nähere Bedeutung, Lilith konnte für sich selbst entscheiden, was dies nun heiße. Jezahel nahm einen weiteren Schluck und wog die drei Erklärungen einen Augenblick gegeneinander ab. Gute Getränke, anspruchsvolle Gesellschaft. Ein Outfit, das offenbar gefiel. Alles durchaus möglich, alles charmant genug vorgetragen – und trotzdem beantwortete keine dieser Möglichkeiten so recht, weshalb Lilith ausgerechnet ihre Gesellschaft der Beschäftigung vorgezogen hatte, der sie kurz zuvor noch nachgegangen war.
Normalerweise hätte Jezahel angenommen, dass genau darin die Absicht lag: Viele plausible Antworten anzubieten, damit niemand nach der eigentlichen fragte. Nur wirkte es diesmal weniger wie das sorgfältige Verdecken einer bestimmten Wahrheit als wie ein Sammeln von Möglichkeiten, aus denen Lilith selbst noch keine ausgewählt hatte. Dieser Unterschied war klein, aber groß genug, dass Jezahels Neugier endgültig geweckt war.

Sie stellte das Glas langsam zurück auf den Tresen, ließ ihre Hand diesmal jedoch daneben liegen, statt gleich wieder danach zu greifen, und betrachtete Lilith für einen Moment. Das spielerische Lächeln verlor sich nicht vollständig, wurde aber merklich schwächer, während sie ihr nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Schließlich neigte Jezahel den Kopf ein wenig zur Seite, aufrichtig interessiert. „Oder weißt du selbst noch nicht so recht, welche davon die richtige Antwort ist?“


RE: A little less Hell - Lilith - 07.09.2026

Vieles hatte Lilith erwartet, als sie entschieden hatte, den Weg hinüber zur Bar zu nehmen und Jezahel anzusprechen. Einen Schlagabtausch sicherlich, und dass er herausfordernd sein konnte ebenso. Aber das hier? Wie bereitwillig die Vorzeige-Soldatin der himmlischen Scharen sich auf eine Diskussion mit ihr einließ, die schon eine Weile nicht mehr nur unterschwellig durchzogen war von Provokation und Herausforderung; wie sie dabei sogar grinste und sich noch ein wenig weiter zu ihr umdrehte – damit hatte Lilith nicht gerechnet.
Sie war allerdings niemand, der eine offensichtliche Einladung zum Spielen ausschlagen würde, insbesondere wenn sich ein Gegner als annährend ebenbürtig erwies… wie es leider nur selten vorkam. Und sie war noch high genug, um sich nicht allzu lange aufzuhalten mit den Hintergründen, die sie beide in diese Situation gebracht hatten.
Ein leises Lachen entwich ihren Lippen als direkte, ungefilterte Reaktion auf den Konter.
„Das hoffe ich doch. Ich kann dir versichern, dass meine Absichten so verdorben sind, wie sie nur sein können.“
Lilith hatte keinerlei Gründe, das in irgendeiner Form zu beschönigen oder zu verschleiern. Sie hatte wenige persönliche Grenzen und auch kein Schamgefühl, so wie es für Engel generell üblich war… und anders als ihre Gegenparts, die im Himmel dienten, hatte sie auch keine Moral, der sie zwangsweise verpflichtet wurde. Sie war – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Ausgeburt der Hölle; Natürlich war es weit mehr Kompliment als Beleidigung, ihren Gedanken eine Doppeldeutigkeit zu unterstellen, und genau so verstand Lilith es auch. Konkrete Absichten – Ziele, Pläne, Gedanken – hatte sie zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch keine… aber das bedeutete nicht, dass sie die nicht noch entwickeln konnte. Der Abend war noch jung.
„Aber sie sind, zweifelsohne, auch enorm unterhaltsam“, fügte sie anschließend noch hinzu, ein gleichermaßen als einladend wie auch provokant deutbares Funkeln in dem Blick, mit dem sie Jezahel einen Augenblick lang fixierte.
Mit Spaß hatten sie es nicht so im Himmel, das hatte Gabriel ihr zu Genüge berichtet. Es ging alles um die göttlichen Aufgaben, die Bestimmung, die Dienste an der Menschheit, um jeden Preis. Einer der Gründe, aus denen er sich von dort verabschiedet hatte, und es inzwischen nun seit Jahrhunderten vorzog, hier auf der Erde zu leben. Ob Jezahel einen ähnlichen Weg eingeschlagen hatte? War sie dem immer währenden Kreislauf an Aufopferung und Selbstgeißelung endlich überdrüssig geworden, der kompletten Abwesenheit einer eigenen Identität und Bedeutung im großen Ganzen? War das der Grund, aus dem sie nun hier saß – war sie zur Vernunft gekommen?
Nun, Lilith war sicherlich nicht abgeneigt, in dieser Sache zu unterstützen.

Selbstverständlich fiel ihr auf, wie Jezahels Blick ein klein wenig zu lang an ihren Lippen hängen blieb, wie sie ihn anschließend wieder hob, fast schon mit einem Hauch unterliegendem Trotz, und ihr Lächeln erwiderte mit einem ihrer eigenen, das Liliths Herausforderung ebenso spiegelte. Sie nahm sie an, anstatt auszuweichen oder zurückzuschrecken. Das war mehr als interessant, waren doch all diese Dinge – Begierde, Lust, reines Vergnügen – den himmlischen Engeln streng untersagt.
„Ich könnte dir bestimmt ein paar unterbreiten… vorausgesetzt du traust dich, danach zu fragen.“ Lilith hob kurz die Augenbrauen und versah die subtile Provokation mit der Andeutung eines frechen Grinsens. An Kreativität mangelte es ihr sicherlich nicht, aber solange sie sich hier lediglich mit verbalem Geplänkel die Zeit vertrieben, das sie offensichtlich aktuell beide für sich als kurzweilig und amüsant definiert hatten, musste sie ja keine unnötige Energie verschwenden.

Dass ihr salopper Kommentar über ihre gemeinsame Vergangenheit bei Jaze zu einer gewissen Irritation führte, damit hatte Lilith gerechnet. Verständlicherweise stieß sie sich an ihrer Formulierung.
„Eventuell ist deine Definition von Freundschaft auch einfach nur traurig eng gefasst“, entgegnete sie gelassen, ihr eigenes Glas anhebend, um einen weiteren Schluck ihres Cocktails zu nehmen, während Jaze ihren musterte, als müsse sie darüber nachdenken, ob das Getränk dabei war, sie zu verraten.
„Und ‚alte Bekannte‘ klingt doch eher unpassend distanziert in Anbetracht der Tatsache, wie häufig sich deine Klinge schon an meiner Kehle befunden hat, findest du nicht?“
Sie drehte sich ebenfalls ein Stück, lehnte sich mit dem Rücken an die Bar, beide Ellenbogen darauf abgelegt, und neigte den Kopf ein kleines Stück, um den Blick auf besagte Kehle mit einem verschmitzten Schmunzeln freizugeben. Auch diese Aussage tätigte sie beiläufig, so als sei es ein Kompliment, sich gegenseitig mit scharfen Waffen zu bedrohen. Das mochte befremdlich wirken, von außen – aber es ließ sich wohl kaum leugnen, dass derartige Situationen eine gewisse… Intimität schafften. Besonders wenn man, wie sie, nach anderen als den hier geläufigen, irdischen Regeln spielte.

Ihre weiteren aufgelisteten Begründungen – in ihrer Natur primär charmant getarnte Ausweichmanöver, auch wenn sie sich hervorragend eigneten, um ihr Spiel noch etwas auszubauen – fanden besseren Anklang. Und besonders letztere erzeugte bei Jezahel eine interessante Reaktion: Sie schien plötzlich gar nicht mehr so überzeugt, stattdessen erkannte Lilith zum ersten Mal auch körperlich, dass der Stil, in dem ihre Gesprächspartnerin sich wohlfühlte, sonst typischerweise ein anderer war. Ihr Blick folgte beinahe beiläufig deren Hand, die noch immer über das Revers des Blazers strich, ehe er wieder zu Jazes Gesicht zurückkehrte. Dass sie sich selbst darin noch nicht ganz wiedererkannte, war kaum zu übersehen.
„Fast schade, dass du selbst noch so sehr zweifelst. Er steht dir besser, als du offenbar glaubst“, setzte sie nach. Ihr Lächeln wurde weicher, bekam fast schon einen aufrichtigen Schimmer.
„Vielleicht solltest du häufiger Dinge ausprobieren, die nicht zu dem passen, was man von dir erwartet… sonst drängt sich ja nahezu der Gedanke auf, du hättest heute einen besonderen Grund dafür.“
Es entging ihr natürlich nicht, dass Jazes Blick den ihren suchte, und dass sie ihn bewusst hielt. Ähnlich wie ihre Konfrontationen damals war auch jetzt einer der für Lilith interessantesten Aspekte an Jezahel, dass ihre Züge nicht so vorhersehbar waren wie die der meisten anderen Wesen, denen sie hier so begegnete. Womöglich lag das an ihrer eigenen getrübten Wahrnehmung… womöglich aber auch schlichtweg daran, dass sie eine ebenso unterhaltsame Gesprächspartnerin wie Gegnerin war.

Kurz darauf stellte Jezahel ihr Glas auf den Tresen, ihre Hand daneben ruhend. Die Geste mochte auf den ersten Blick unscheinbar sein; nach der Art jedoch, wie sie den Drink nun eine ganze Weile zwischen ihnen gehalten hatte, als eine Art Anker und fast schon Mittel zur Distanz, bekam sie eine andere Bedeutung. Welche auch immer das sein mochte.
„Oder weißt du selbst noch nicht so recht, welche davon die richtige Antwort ist?“
Die Frage hatte großes Potenzial, unangenehm zu sein, weil sie gefährlich nah an der Wahrheit kratzte. Eine Wahrheit, von der Lilith sich nicht sicher war, ob sie bereit wäre, sie einzugestehen – schon gar nicht laut. Nicht offen. Sie könnte unangenehm sein, weil sie ein gewisses Element des Ertappt-Seins mit sich brachte… und ihre gewöhnliche Reaktion wäre in der Regel wohl eine weitere Ablenkung.
Aber seltsamerweise fühlte sie sich nicht unangenehm. Die Frage hatte nichts Angreifendes, und entsprechend regte sich in ihr auch keinerlei Widerstand. Lilith stellte ihr eigenes Glas ab.
„Warum ist es dir so wichtig, dass ich mich auf eine Antwort festlege?“


RE: A little less Hell - Jezahel White - 14.09.2026

Liliths Definition von Freundschaft war allerdings kaum weniger erheiternd. Nicht, weil Jaze überrascht gewesen wäre, dass ausgerechnet Lilith ihre Absichten mit unverhohlenem Stolz als verdorben bezeichnete – alles andere hätte beinahe enttäuschend gewirkt –, sondern weil sie darin weder Warnung noch Geständnis sah. Eher ein Versprechen. Und das Funkeln in ihren Augen machte deutlich, dass sie Jezahel überließ, wie ernst sie es nehmen wollte.
Vernünftiger wäre vermutlich gewesen, sich davon nicht noch unterhalten zu fühlen. Stattdessen vertiefte sich ihr Grinsen. „Das glaube ich dir sofort.“ Spätestens bei der Aufforderung, sie müsse sich nur trauen zu fragen, hob Jezahel das Kinn ein wenig. „Du verwechselst Vorsicht gerade mit mangelndem Mut.“ Ihr Lächeln wurde schmaler, wärmer, aber keineswegs zahmer. „Wer sagt, dass ich mich nicht traue? Vielleicht bin ich nur noch nicht überzeugt, dass deine Vorschläge gut genug sind.“

Bei der Sache mit der Freundschaft hätte sie fast erneut aufgelacht. Denn während Lilith ihre Vergangenheit großzügig umdeutete, musste Jezahel ihr widerwillig einen Punkt zugestehen. Freunde lernte man kennen, weil man es wollte. Feinde manchmal, weil man musste – und nicht selten wusste man über Letztere am Ende erschreckend viel mehr. Wer jemanden aufhalten wollte, studierte Gewohnheiten, Reaktionen, Grenzen und Schwächen, weil andere davon abhingen, dass man keine Fehler machte.
Jezahel hatte als Kriegerengel Lilith nie bekämpft, weil sie sie hasste – allein aufgrund ihrer durch ihre Gnade nicht vorhanden Emotionen war dies schon nicht möglich gewesen –, sondern wenn Menschen oder deren Seelen zwischen ihnen gestanden hatten. Das machte sie nicht zu Freundinnen, aber fremd waren sie sich schon lange nicht mehr. „Wenn eine Klinge an der Kehle bei dir schon unter Freundschaft fällt, möchte ich deine Definition von Feindschaft lieber nicht kennenlernen.“ Der amüsierte Zug um ihren Mund verlor allerdings etwas von seiner Harmlosigkeit, als Lilith genau jene Kehle mit beinahe demonstrativer Bereitwilligkeit freigab.
Jezahels Augen folgten der Bewegung. Erst beiläufig, dann deutlich weniger beiläufig. Früher hatte sie genau dort eine Klinge angesetzt, konzentriert auf Winkel, Abstand und jede Veränderung in Liliths Haltung. Jetzt gab es keinen Kampf und keinen Grund, diese Stelle so genau zu betrachten – und trotzdem wurde ihr Blick fast schon magisch davon angezogen. Die Linie ihres Halses, die freigelegte Haut unter dem Kinn, das verschmitzte Lächeln dazu verschoben eine vertraute Erinnerung in einen erheblich weniger unschuldigen Zusammenhang.
Ein warmes Gefühl regte sich unter ihren Rippen, und Jezahel erkannte es früh genug, um zu wissen, was es bedeutete, aber zu spät, um es noch glaubhaft zu übersehen. Früher hatte sie dort eine Waffe gehalten. Heute fiel ihr ein, dass es sehr viel unvernünftigere Gründe gab, an genau dieser Stelle hinzusehen. Als sie schließlich wieder Liliths Augen suchte, machte sie sich nicht die Mühe, so zu tun, als wäre ihr das kleine Starren gerade nicht passiert. Sie hätte es wohl sowieso längst bemerkt.

Das erneute Kompliment fühlte sich nicht weniger angenehm an als die Wärme, die ihre Widersacherin wenige Augenblicke zuvor in ihr ausgelöst hatte. Als Liliths Aufmerksamkeit zu den Fingern am Revers wanderte, ließ Jezahel den Stoff schließlich los. Vielleicht war es albern, dass ausgerechnet ihr Urteil etwas von der Unsicherheit glättete, die das ungewohnte Outfit in ihr auslöste, aber das tat es trotzdem. Das weichere Lächeln machte es nur schwerer, alles als bloßes Geplänkel abzutun.
„Dann vertraue ich deinem Urteil fürs Erste.“ Nun musterte sie Lilith ihrerseits, und nach allem, was zwischen ihnen bereits mitschwang, erschien übertriebene Zurückhaltung beinahe unnötig. „Allerdings bist du heute auch nicht gerade ein überzeugendes Argument gegen Schwarz.“ Das Kompliment kam ruhig und ohne den schützenden Nachsatz eines Scherzes.

Die Bemerkung darüber, häufiger Dinge zu tun, die niemand von ihr erwartete, traf dagegen tiefer, als Lilith ahnen konnte. Wenn sie wüsste, wie wenig von Jezahels gegenwärtigem Leben inzwischen noch zu dem passte, was einmal für sie vorgesehen gewesen war. Der Himmel bestimmte ihren Weg nicht mehr, der Rat kannte nicht einmal die Wahrheit über ihre Herkunft, und sie lernte längst, Verantwortung auf eine Weise zu tragen, die mit ihrem früheren Dasein kaum etwas gemein hatte. Selbst das dunkle Outfit war dagegen eher nebensächlich.
Der Gedanke zog ein Lächeln über ihre Lippen, diesmal eines, das eine Wahrheit kannte, von der Lilith nichts wusste. „Du wärst überrascht, wie häufig ich das inzwischen tue.“ Ihre Stimme wurde für einen Augenblick leiser, ehe wieder etwas Leichtigkeit hineinfand. „Vielleicht wollte ich heute tatsächlich einmal etwas anderes ausprobieren, etwas, das man bei mir nicht erwarten würde.“

Liliths letzte Frage nahm ihr schließlich den bequemeren Platz der Beobachterin. Jezahel hatte nachgehakt, weil die angebotenen Antworten sie nicht überzeugt hatten; nun sollte sie erklären, warum ihr überhaupt etwas daran lag. Und erstaunlicherweise fand sie keine taktische Begründung, die ihr besser gefiel als die schlichte Wahrheit. Sie musste es nicht wissen. Es hatte nichts mit ihrem Auftrag zu tun und auch nichts mit der Notwendigkeit, Lilith als mögliche Gefahr einzuschätzen. Sie wollte es wissen. Diese Erkenntnis war ungewohnt, aber nicht unangenehm. Ihre Neugier war persönlicher geworden, als sie zu Beginn dieses Gesprächs erwartet hatte.
„Wichtig ist vielleicht das falsche Wort.“ Jezahel hielt ihren Blick ruhig auf Lilith gerichtet, ohne das Lächeln ganz zu verlieren. „Aber du hast meine Neugier geweckt.“ Ihr Mundwinkel hob sich wieder ein wenig. „Und falls du dich tatsächlich schon seit Tagen nach intellektuell stimulierender Gesellschaft sehnst, wäre es wohl ausgesprochen unhöflich von mir, dich jetzt schon wieder deiner Langeweile zu überlassen.“ Sie fixierte Lilith dabei in kurzen Passagen und trank ihren Drink aus. Er hatte ausgesprochen gemundet, das musste man Lilith lassen. Dann faltete Jaze ihre Hände auf dem Tresen, als wollte sie nun anfangen zu beten. In dieser Location war dies eine fast schon absurde Geste. Doch würde die Seelensammlerin ihre Neugier nun befriedigen wollen?


RE: A little less Hell - Lilith - 21.09.2026

Diese Seite an Jezahel – die unnachgiebige, unberechenbare, mit einem gewissen Feuer hinter ihren Augen – war Lilith selbstverständlich nicht unbekannt. Sie hatte sie oft genug gesehen; allerdings auf dem Schlachtfeld, und ausschließlich dort. Nicht, dass sie jenseits ihrer kleinen Auseinandersetzungen in der Vergangenheit regen Umgang gepflegt hatten. Aber sie hatte durchaus Referenzen, um einordnen zu können, wie sehr sich ihr aktuelles Verhalten von der Norm abhob, die für Jezahel typisch war. Allerdings genoss Lilith diese Abweichung immens, und sie gab sich keinerlei Mühe, das zu verstecken.
Und Jaze war auch so, so unterhaltsam. Zuerst erklärte sie ihr, dass es nicht mangelnder Mut war, sondern Vorsicht, die sie zurückhielt… nur um im nächsten Atemzug Liliths eigene Aussage in eine weitere Provokation umzukehren. Lilith legte den Kopf leicht in den Nacken, zog kurz die Wangen ein, um das selbstgefällige Grinsen, das sich vehement den Weg nach draußen bahnen wollte, zumindest ein wenig zu unterdrücken. Da sie ohnehin gerade mit dem Rücken an der Bar lehnte, nutzte sie den Moment, sich ein Stück weit herüber zu lehnen, um Jaze die folgenden Worte etwas leiser und… persönlicher ins Ohr sagen zu können. So als wären sie ein Geheimnis, das sonst niemand hier mitbekommen sollte.
„Bist du dir sicher, dass es vorsichtig ist, mich derart herauszufordern?“ Ihre Stimme war leiser, ja, hatte aber nichts des spielerischen Tonfalls verloren, den sie aktuell miteinander pflegten. Und gleichzeitig brachte die Verringerung der Distanz eine ganz andere Art der Aufregung und Unterhaltung in diesen Austausch… Lilith verharrte noch eine Sekunde, um eben jenen Moment auszukosten – und den Geruch von Jezahels Parfum bewusst wahrzunehmen, wenn sie schon einmal in der günstigen Position war.

Zurück an ihrem eigentlichen Platz konnte sie ihr kleines Lachen geschickt in ihrem Cocktailglas ersticken, nachdem Jaze noch darüber mutmaßte, wie Klingen an der Kehle wohl Teil einer Freundschaft sein könnten und dass sie ihre Definition von Feindschaft lieber nicht kennenlernen wollte. Oh, sie hatte so viele Erwiderungen dazu, direkt auf der Zungenspitze – allen voran wie viel Vergnügen man mit einer Messerklinge teilen konnte, wenn man nur verstand, sie geschickt zum Einsatz zu bringen.
Und dennoch hielt sie sich zurück. Das war ungewöhnlich – Lilith zensierte sich normalerweise nicht; nicht in privaten Situationen wie dieser. Aber nun nahm sie einen Schluck ihres Drinks, anstatt ihre Gedanken ungefiltert zu verbalisieren, und unterschwellig war ihr auch klar, dass sie das sehr viel bewusster tat, als sie bereit war, sich an dieser Stelle einzugestehen. Sie testete Jazes Grenzen und hatte sehr viel Vergnügen mit diesem Vorgehen – trotzdem war und blieb es ein bewusstes Verschieben, und nicht der Versuch des mutwilligen Einreißens, der eventuell entsprechenden Kollateralschaden nach sich ziehen könnte.

Kurz darauf gab es ohnehin Spannenderes, das ihre Aufmerksamkeit forderte, jenseits der belustigten Wortwechsel, die sie sich weiterhin zuspielten. Der Blick, mit dem Jezahel sie bedachte, nachdem sie unverblümt ihre Kehle gemustert hatte, verriet weit mehr, als Lilith in ihrem noch leicht benebelten Zustand zuverlässig hätte einordnen können… aber Zurückhaltung war nicht dabei, das bemerkte sie deutlich. Allein das brachte die knisternde Spannung direkt zurück, auch ohne dass sie ein weiteres Wort verlieren musste. Sie hielt lediglich ihren Blick, ließ das Gefühl auf sich wirken… und es war tatsächlich so viel mehr, jetzt wo sie fühlen konnte. Fast beiläufig ließ sie, mit einem kleinen Schmunzeln, ihre Augen kurz zu Jazes Lippen wandern, ehe deren Outfit zum Fokus wurde.
Die Einordnung, dass sie vorerst ihrem Urteil vertrauen würde, nahm Lilith mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis. Das anschließende Kompliment zu ihrem eigenen Outfit hingegen entlockte ihr ein wissendes, halbseitiges Grinsen. Sie musste keinen Blick nach unten werfen um die Anspielung zu verstehen.
„Nun, ich bemühe mich generell bevorzugt, das Argument für etwas zu sein als dagegen“, antwortete sie mit einer selbstverständlichen Sicherheit, die es schwer machte, genau zu sagen ob sie gerade scherzte… oder einfach etwas verbalisierte, das für sie ohnehin offensichtlich war.

Und scheinbar hatte sie dann vollkommen versehentlich einen Punkt getroffen, den sie leider weder komplett einordnen noch das zugehörige Verhalten deuten konnte. Aber als es darum ging, dass es Jaze ganz gut stand, Dinge zu tun, die man nicht von ihr erwartete, schien sie fast schon… nachzugeben? Für einen Moment schien die Stimmung kurz zu wechseln, so als wäre hier noch mehr, irgendetwas jenseits ihres netten kleinen Spiels, das mehr Tragweite und Gewicht hatte, als ihre unterhaltsamen Worte ausdrücken konnten. Irgendetwas jenseits des Offensichtlichen, das sich trotz Liliths benebelten Zustands hartnäckig in ihrem Hinterkopf festsetzte. Wie ein Post-it, mit dem sie sich dringend nochmal beschäftigen musste.
Normalerweise wäre sie hervorragend darin, anschließend exakt die Anschlussfragen zu stellen, um den Finger bewusst in die Wunde zu legen, auch wenn sie noch nicht genau wusste, woher der Schmerz kam. Aber… sie entschied sich dagegen. Warum konnte sie nicht genau sagen – womöglich weil sie noch immer nicht ganz klar war, und ihrem eigenen Kopf nicht ganz so weit über den Weg traute.

Sie wählte also bewusst einen anderen Weg, und fokussierte sich stattdessen auf die Aussage, dass Jaze der Option, heute tatsächlich etwas anderes ausprobieren zu wollen, eine Möglichkeit einräumte. Und da war ja immerhin auch noch diese Herausforderung, die im Raum stand – dass ihre Vorschläge potenziell nicht gut genug waren, um überzeugend zu sein. Höchste Zeit, darauf zurückzukommen.
„Und falls du dich tatsächlich schon seit Tagen nach intellektuell stimulierender Gesellschaft sehnst, wäre es wohl ausgesprochen unhöflich von mir, dich jetzt schon wieder deiner Langeweile zu überlassen.“
„Wirklich ausgesprochen unhöflich“, pflichtete Lilith bei, inzwischen gar keine Energie mehr darauf verschwendend, ihre Erheiterung unterdrücken zu wollen.
„Ähnlich unhöflich wie es von mir wäre, dich den gesamten Abend hier an der Bar sitzen zu lassen.“ Sie ließ vom Tresen ab und ging ein paar Schritte rückwärts in Richtung Tanzfläche, langsam allerdings – Provokation, Aufforderung, Herausforderung in jedem einzelnen ihrer sorgfältig gewählten Schritte, ihr Schmunzeln nun ebenfalls deutlich verheißungsvoller.
„Lass uns gehen.“
Dann drehte sie um und ging voraus, in der unbeirrten Überzeugung, dass Jezahel ihr folgen würde – da sie ihr kurz zuvor ja noch ihre Neugier eingestanden hatte, würde sie die sicherlich befriedigen wollen. Und womöglich ließ Lilith sich im Laufe des Abends ja doch noch dazu bewegen, sich für eine Antwort auf die Frage zu entscheiden, die Jaze so neugierig machte.
Nach links, am Rest der Bar vorbei, bahnte sie sich ihren Weg hin zur Treppe, die sie hinauf in die VIP-Galerie führte. Oben angekommen wechselte Lilith ein paar leise Worte mit einem der Sicherheitsleute, der kurz darauf knapp nickte. Als sie schließlich zur Sitzgruppe in der hinteren linken Ecke gelangte – ihr bevorzugter Platz im VIP-Bereich, wenn sie sich nicht oben auf dem Balkon befand, weil er ein wenig diskreter war und nicht direkt an der Balustrade, aber dennoch nah genug, um einen Überblick über das Geschehen zu behalten – hatten die Kellner ihre Sitzgruppe bereits für sie freigeräumt. Hier hielt sie inne, um ihrer Begleitung den Vortritt zu lassen… wie es sich gehörte.