14.09.2026, 21:13
Für einen kurzen Moment glitt Antares’ Blick an Syrena vorbei, und obwohl sie nicht wissen konnte, wohin seine Gedanken verschwanden, bemerkte sie doch den kleinen Bruch in seiner Aufmerksamkeit. Früher hatte sie ihn oft genug aus der Entfernung beobachtet, wenn Amy neben ihm gestanden hatte, wachsam und mit jener stillen Bereitschaft, irgendeinen Grund zu finden, weshalb ihre Cousine Besseres verdient hatte. Damals war Amy noch da gewesen, lebendig genug, dass Syrena Antares um ihretwillen wenigstens ertragen hatte. Dass ausgerechnet dieser Verlust etwas war, das sie beide miteinander verband, war ein Gedanke, dem Syrena keinen Raum geben wollte. Er strich zu dicht an etwas entlang, das sie längst verschlossen hatte, und sie drängte ihn zurück, bevor er sich noch mehr ihrer bemächtigen konnte. Antares hatte denselben Menschen verloren wie sie. Das änderte jedoch rein nichts zwischen ihnen!
„Fühlt sich nicht gut an, wenn jemand anderes einem seine Magie und damit seinen Willen aufzwingt, hm?“ Syrenas Blick schoss zu ihm. „Das war etwas völlig anderes.“ Die Antwort kam scharf und ohne Zögern. „Oh, bitte. Versuch jetzt nicht ernsthaft, dich mit mir gleichzusetzen. Du hast Amy das Herz gebrochen. Erzähl mir nicht, du wärst damals das Opfer gewesen. Aber sowas ist für dich natürlich einfacher, als Rückgrat für dein eigenes charakterloses Verhalten zu zeigen.“ Und trotzdem blieb seine Bemerkung für einen lästigen Augenblick in ihr drin. Nicht lange genug, um reumütig zu werden, nicht einmal annähernd! Aber lang genug, dass sie den Vergleich überhaupt erkannte und sofort von sich stieß. Nicht dasselbe. Er hatte Amy verletzt. Sie hatte darauf reagiert. Für Syrena war dieser Unterschied groß genug.
Endlich trat Antares zurück. Die fremde Magie löste sich von ihrem Schmerz, und obwohl die Schusswunde selbst weiter pochte, gehörte dieser Schmerz wenigstens wieder ihr. Syrena gönnte ihm weder Erleichterung noch Dankbarkeit. Dann spürte sie das Nachziehen. Nur ein Hauch, kaum genug, um jemand anderem aufzufallen, aber Syrena kannte ihre eigene Kraft zu genau. In einem Reservoir, das ohnehin beinahe leer war, fehlte plötzlich etwas. Ihre Augen hoben sich langsam zu Antares. Kein Wort, nur die sehr ruhige Gewissheit, dass sie sich zurückholen würde, was er sich gerade genommen hatte, sobald dieser gemeinsame Zwangsauftrag beendet war. Notfalls mit Zinsen.
„Dein Ego braucht Platz. Da will ich dich nicht einengen.“ Ihr Mund verzog sich. „Endlich etwas, worin du lernfähig bist.“ Hatte er ihr gerade ein Kompliment gemacht? Tz, was ein rhetorisch ungeschicktes Fellknäuel. Dass er tatsächlich Abstand hielt, wertete Syrena ganz selbstverständlich als verspätete Einsicht. Während sie der Resonanz folgte, störte sie jedoch zunehmend etwas anderes. Ein schwacher, vertrauter Unterton hing an Antares, kaum mehr als ein altes Echo, das in seiner Nähe deutlicher wurde. Es war nicht seine Magie, sondern ihre. Syrena registrierte es, schob es jedoch beiseite. Dafür war später Zeit, denn jetzt führte die Münze sie weiter.
Der Weg endete in einer ruhigen Straße vor einem Bunker. Quasi ein Bunker. Natürlich lebten dort Menschen, doch das Gebäude erinnerte eher an eine Verwahrstelle für jene, die die elitäre Gesellschaft lieber nicht in ihrer unmittelbaren Umgebung wusste – eine Gesellschaft, zu der Syrena sich zweifelsohne selbst zählte. Der Eingang war bereits mit zahlreichen, überaus hässlichen Graffiti-Zeichnungen versehen und der Putz bröckelte hier und da ab. Das machte Syrena misstrauischer, nicht beruhigter, was jedoch auch an dem Gedanken an die Eltern des Mädchens lag. Sie konnten ahnungslos sein, beteiligt oder gar nicht hier; aus dem schäbigen Gebäude an sich ließ sich noch keine Schuld ableiten, obwohl die Hexe kurzzeitig diesen Impuls in sich aufkeimen spürte.
Die Münze dagegen war eindeutig. Ihr Leuchten wurde mit jedem Schritt heller, bis die magische Signatur darin beinahe aufdringlich wirkte. Zum ersten Mal empfand Syrena das Ding nicht nur als nützlich, sondern als widerwärtig. Irgendjemand hatte die Signatur eines Kindes genommen und daraus einen Wegweiser gemacht.
„Scheinbar hast du den richtigen Weg gefunden.“ Syrena warf Antares einen knappen Seitenblick zu. „Ich hätte mich ohne deine fachkundige Einschätzung beinahe verlaufen.“ Sein musternder Blick entging ihr natürlich nicht. Sie wusste selbst, wie sie aussah, und dass ausgerechnet er Blut, beschädigte Kleidung und ihre mühsam zusammengehaltene Haltung sehen konnte, gefiel ihr kein bisschen. Trotzdem schwieg sie dazu. Hinter dieser Tür war etwas, das gerade wichtiger war.
Als Antares wieder näher hinter sie trat, spannte sich ihr Körper augenblicklich an. Nach seinem Griff in der Gasse genügte seine Nähe dafür vollkommen. Sie drehte sich nicht um. Die unverletzte Hand blieb locker, bereit, die letzten Reserven ihrer Magie aufzurufen, das Gewicht bewusst so verteilt, dass das angeschossene Bein sie nicht überraschte. Dann drehte sich innen ein Schlüssel im Schloss. Syrenas ganze Aufmerksamkeit sprang zur Tür. Für einen Moment gab es weder Antares noch ihren Streit, nur den schmalen Spalt, der sich öffnete.
Ein blasses Gesicht erschien dahinter. Das Mädchen war schmal, mit etwas zu großen, dunklen Augen in einem feinen Gesicht und hellbraunem Haar, das offenbar nur hastig zu einem unordentlichen Zopf zusammengebunden worden war. Sie trug ein viel zu großes, ausgewaschenes Sweatshirt über einer dunklen Leggings und dicke Socken; nichts daran wirkte auffällig, teuer oder irgendwie besonders. Gerade das traf Syrena unerwartet. Sie sah nicht aus wie wie jemand dessen Wert bekannt war, nicht wie etwas Seltenes, das sich katalogisieren und verkaufen ließ. Sie sah aus wie ein Kind, das vermutlich bis eben noch irgendwo im Haus gesessen und darauf gewartet hatte, dass seine Eltern, die es hier zurückgelassen hatten, irgendwann zurückkamen.
Etwas in Syrenas Blick wurde für einen winzigen Bruchteil weich, bevor die gewohnte Fassade wieder darüberglitt. Verdammt. Sie war wirklich nur ein Kind. Einfach ein Mädchen, das zwei blutverschmierte Fremde durch einen Türspalt mit ihren großen Kulleraugen ansah, während irgendwo Menschen entschieden hatten, dass sich mit ihr Geld verdienen ließ. Die Betroffenheit hielt sich einen Herzschlag lang, unangenehm echt und ohne den Schutz von Sarkasmus. Dann schloss Syrena die Finger um die inzwischen hell leuchtende Münze und steckte sie weg. Das hier musste das Mädchen nicht sehen.
Erst jetzt betrachtete Syrena die Situation mit dessen Augen. Eine fremde Frau mit Blut an Arm und Bein, ruinierter Lederjacke und einem unbekannten Mann im Rücken. Großartig. Vertrauenerweckender ging es kaum. Sie ließ jede sichtbare Magie verschwinden, hielt die Hände offen und drehte den verletzten Arm ein wenig aus dem direkten Blickfeld. Vor allem machte sie keinen Schritt nach vorn. Kinder waren merkwürdig. Schwer einzuschätzen. Und Syrena hatte keinerlei Bedürfnis, eines davon anzufassen oder plötzlich irgendeine mütterliche Rolle zu improvisieren.
„Wer… wer seid ihr? Und was wollt ihr?“ Die Stimme des Mädchens troff vor Vorsicht, Misstrauen und Verängstigung.
„Hallo.“ Schon dieses eine Wort kam ruhiger und weicher heraus, als Syrena beabsichtigt hatte. Das irritierte sie fast ebenso sehr wie die Frage selbst. „Ich heiße Syrena.“ Ihr Blick wanderte kurz zu Antares. „Das ist… niemand von Belang.“ Mehr Vorstellung bekam er von ihr nicht. Die Augen hinter dem Türspalt wurden größer. „Meine Eltern haben gesagt, ich soll niemanden hineinlassen, wenn sie weg sind.“
Die war also allein.
Syrena registrierte die Information sofort, ohne sich anmerken zu lassen, wie gelegen ihr diese Situation kam, denn so müsste sie beide nicht auch noch den Eltern etwas erklären. „Das ist wohl eine vernünftige Regel.“ Und jetzt? Wie fing man so ein Gespräch mit einer Zwölfjährigen an? Mit Menschenhandel? Einer Münze, die ihre magische Signatur trug? Hervorragende Themen für ein Gespräch mit einer Zwölfjährigen, die ihnen ohnehin kaum die Tür geöffnet hatte. Die Hexe verfluchte sich schon wieder dafür, dass sie sich doch dazu entschlossen hatte, sich auf diese Rettungsaktion einzulassen und blieb weit genug entfernt, dass das Mädchen den Spalt jederzeit wieder schließen konnte. „Wir wollen dir nichts tun.“
Natürlich. Ausgerechnet Antares und sie. Syrena korrigierte sich trotzdem nicht; vor dem Kind zu erklären, dass der Mann hinter ihr streng genommen nicht zu ihr gehörte, würde die Sache kaum vertrauenerweckender machen.
„Wir wollen dich…“ Sie stockte. Verdammt. Warum war es leichter, einen bewaffneten Mann zu töten, als einem Kind zu erklären, dass man vor seiner Haustür stand, um ihm zu helfen? Syrena blieb weiterhin auf Abstand, die Hände sichtbar, und sah in das blasse Gesicht hinter der Tür. „…retten?“ Das letzte Wort geriet beinahe zu einer Frage. Einen Moment lang hätte sie sich dafür selbst ohrfeigen können. Aber vielleicht war es gerade deshalb das Ehrlichste, was sie sagen konnte. Und sie würde ganz sicherlich nicht hilfesuchend zu dem Hexen-Kater neben ihr blicken. Sie fixierte daher mit ihrem Blick angestrengt ein ziemlich schlampig gesprühtes Graffiti-Zeichen direkt neben den Rahmen der Eingangstür. Dieser schäbige Flur bot dafür auf jeden Fall genug Anhaltspunkte.
„Fühlt sich nicht gut an, wenn jemand anderes einem seine Magie und damit seinen Willen aufzwingt, hm?“ Syrenas Blick schoss zu ihm. „Das war etwas völlig anderes.“ Die Antwort kam scharf und ohne Zögern. „Oh, bitte. Versuch jetzt nicht ernsthaft, dich mit mir gleichzusetzen. Du hast Amy das Herz gebrochen. Erzähl mir nicht, du wärst damals das Opfer gewesen. Aber sowas ist für dich natürlich einfacher, als Rückgrat für dein eigenes charakterloses Verhalten zu zeigen.“ Und trotzdem blieb seine Bemerkung für einen lästigen Augenblick in ihr drin. Nicht lange genug, um reumütig zu werden, nicht einmal annähernd! Aber lang genug, dass sie den Vergleich überhaupt erkannte und sofort von sich stieß. Nicht dasselbe. Er hatte Amy verletzt. Sie hatte darauf reagiert. Für Syrena war dieser Unterschied groß genug.
Endlich trat Antares zurück. Die fremde Magie löste sich von ihrem Schmerz, und obwohl die Schusswunde selbst weiter pochte, gehörte dieser Schmerz wenigstens wieder ihr. Syrena gönnte ihm weder Erleichterung noch Dankbarkeit. Dann spürte sie das Nachziehen. Nur ein Hauch, kaum genug, um jemand anderem aufzufallen, aber Syrena kannte ihre eigene Kraft zu genau. In einem Reservoir, das ohnehin beinahe leer war, fehlte plötzlich etwas. Ihre Augen hoben sich langsam zu Antares. Kein Wort, nur die sehr ruhige Gewissheit, dass sie sich zurückholen würde, was er sich gerade genommen hatte, sobald dieser gemeinsame Zwangsauftrag beendet war. Notfalls mit Zinsen.
„Dein Ego braucht Platz. Da will ich dich nicht einengen.“ Ihr Mund verzog sich. „Endlich etwas, worin du lernfähig bist.“ Hatte er ihr gerade ein Kompliment gemacht? Tz, was ein rhetorisch ungeschicktes Fellknäuel. Dass er tatsächlich Abstand hielt, wertete Syrena ganz selbstverständlich als verspätete Einsicht. Während sie der Resonanz folgte, störte sie jedoch zunehmend etwas anderes. Ein schwacher, vertrauter Unterton hing an Antares, kaum mehr als ein altes Echo, das in seiner Nähe deutlicher wurde. Es war nicht seine Magie, sondern ihre. Syrena registrierte es, schob es jedoch beiseite. Dafür war später Zeit, denn jetzt führte die Münze sie weiter.
Der Weg endete in einer ruhigen Straße vor einem Bunker. Quasi ein Bunker. Natürlich lebten dort Menschen, doch das Gebäude erinnerte eher an eine Verwahrstelle für jene, die die elitäre Gesellschaft lieber nicht in ihrer unmittelbaren Umgebung wusste – eine Gesellschaft, zu der Syrena sich zweifelsohne selbst zählte. Der Eingang war bereits mit zahlreichen, überaus hässlichen Graffiti-Zeichnungen versehen und der Putz bröckelte hier und da ab. Das machte Syrena misstrauischer, nicht beruhigter, was jedoch auch an dem Gedanken an die Eltern des Mädchens lag. Sie konnten ahnungslos sein, beteiligt oder gar nicht hier; aus dem schäbigen Gebäude an sich ließ sich noch keine Schuld ableiten, obwohl die Hexe kurzzeitig diesen Impuls in sich aufkeimen spürte.
Die Münze dagegen war eindeutig. Ihr Leuchten wurde mit jedem Schritt heller, bis die magische Signatur darin beinahe aufdringlich wirkte. Zum ersten Mal empfand Syrena das Ding nicht nur als nützlich, sondern als widerwärtig. Irgendjemand hatte die Signatur eines Kindes genommen und daraus einen Wegweiser gemacht.
„Scheinbar hast du den richtigen Weg gefunden.“ Syrena warf Antares einen knappen Seitenblick zu. „Ich hätte mich ohne deine fachkundige Einschätzung beinahe verlaufen.“ Sein musternder Blick entging ihr natürlich nicht. Sie wusste selbst, wie sie aussah, und dass ausgerechnet er Blut, beschädigte Kleidung und ihre mühsam zusammengehaltene Haltung sehen konnte, gefiel ihr kein bisschen. Trotzdem schwieg sie dazu. Hinter dieser Tür war etwas, das gerade wichtiger war.
Als Antares wieder näher hinter sie trat, spannte sich ihr Körper augenblicklich an. Nach seinem Griff in der Gasse genügte seine Nähe dafür vollkommen. Sie drehte sich nicht um. Die unverletzte Hand blieb locker, bereit, die letzten Reserven ihrer Magie aufzurufen, das Gewicht bewusst so verteilt, dass das angeschossene Bein sie nicht überraschte. Dann drehte sich innen ein Schlüssel im Schloss. Syrenas ganze Aufmerksamkeit sprang zur Tür. Für einen Moment gab es weder Antares noch ihren Streit, nur den schmalen Spalt, der sich öffnete.
Ein blasses Gesicht erschien dahinter. Das Mädchen war schmal, mit etwas zu großen, dunklen Augen in einem feinen Gesicht und hellbraunem Haar, das offenbar nur hastig zu einem unordentlichen Zopf zusammengebunden worden war. Sie trug ein viel zu großes, ausgewaschenes Sweatshirt über einer dunklen Leggings und dicke Socken; nichts daran wirkte auffällig, teuer oder irgendwie besonders. Gerade das traf Syrena unerwartet. Sie sah nicht aus wie wie jemand dessen Wert bekannt war, nicht wie etwas Seltenes, das sich katalogisieren und verkaufen ließ. Sie sah aus wie ein Kind, das vermutlich bis eben noch irgendwo im Haus gesessen und darauf gewartet hatte, dass seine Eltern, die es hier zurückgelassen hatten, irgendwann zurückkamen.
Etwas in Syrenas Blick wurde für einen winzigen Bruchteil weich, bevor die gewohnte Fassade wieder darüberglitt. Verdammt. Sie war wirklich nur ein Kind. Einfach ein Mädchen, das zwei blutverschmierte Fremde durch einen Türspalt mit ihren großen Kulleraugen ansah, während irgendwo Menschen entschieden hatten, dass sich mit ihr Geld verdienen ließ. Die Betroffenheit hielt sich einen Herzschlag lang, unangenehm echt und ohne den Schutz von Sarkasmus. Dann schloss Syrena die Finger um die inzwischen hell leuchtende Münze und steckte sie weg. Das hier musste das Mädchen nicht sehen.
Erst jetzt betrachtete Syrena die Situation mit dessen Augen. Eine fremde Frau mit Blut an Arm und Bein, ruinierter Lederjacke und einem unbekannten Mann im Rücken. Großartig. Vertrauenerweckender ging es kaum. Sie ließ jede sichtbare Magie verschwinden, hielt die Hände offen und drehte den verletzten Arm ein wenig aus dem direkten Blickfeld. Vor allem machte sie keinen Schritt nach vorn. Kinder waren merkwürdig. Schwer einzuschätzen. Und Syrena hatte keinerlei Bedürfnis, eines davon anzufassen oder plötzlich irgendeine mütterliche Rolle zu improvisieren.
„Wer… wer seid ihr? Und was wollt ihr?“ Die Stimme des Mädchens troff vor Vorsicht, Misstrauen und Verängstigung.
„Hallo.“ Schon dieses eine Wort kam ruhiger und weicher heraus, als Syrena beabsichtigt hatte. Das irritierte sie fast ebenso sehr wie die Frage selbst. „Ich heiße Syrena.“ Ihr Blick wanderte kurz zu Antares. „Das ist… niemand von Belang.“ Mehr Vorstellung bekam er von ihr nicht. Die Augen hinter dem Türspalt wurden größer. „Meine Eltern haben gesagt, ich soll niemanden hineinlassen, wenn sie weg sind.“
Die war also allein.
Syrena registrierte die Information sofort, ohne sich anmerken zu lassen, wie gelegen ihr diese Situation kam, denn so müsste sie beide nicht auch noch den Eltern etwas erklären. „Das ist wohl eine vernünftige Regel.“ Und jetzt? Wie fing man so ein Gespräch mit einer Zwölfjährigen an? Mit Menschenhandel? Einer Münze, die ihre magische Signatur trug? Hervorragende Themen für ein Gespräch mit einer Zwölfjährigen, die ihnen ohnehin kaum die Tür geöffnet hatte. Die Hexe verfluchte sich schon wieder dafür, dass sie sich doch dazu entschlossen hatte, sich auf diese Rettungsaktion einzulassen und blieb weit genug entfernt, dass das Mädchen den Spalt jederzeit wieder schließen konnte. „Wir wollen dir nichts tun.“
Natürlich. Ausgerechnet Antares und sie. Syrena korrigierte sich trotzdem nicht; vor dem Kind zu erklären, dass der Mann hinter ihr streng genommen nicht zu ihr gehörte, würde die Sache kaum vertrauenerweckender machen.
„Wir wollen dich…“ Sie stockte. Verdammt. Warum war es leichter, einen bewaffneten Mann zu töten, als einem Kind zu erklären, dass man vor seiner Haustür stand, um ihm zu helfen? Syrena blieb weiterhin auf Abstand, die Hände sichtbar, und sah in das blasse Gesicht hinter der Tür. „…retten?“ Das letzte Wort geriet beinahe zu einer Frage. Einen Moment lang hätte sie sich dafür selbst ohrfeigen können. Aber vielleicht war es gerade deshalb das Ehrlichste, was sie sagen konnte. Und sie würde ganz sicherlich nicht hilfesuchend zu dem Hexen-Kater neben ihr blicken. Sie fixierte daher mit ihrem Blick angestrengt ein ziemlich schlampig gesprühtes Graffiti-Zeichen direkt neben den Rahmen der Eingangstür. Dieser schäbige Flur bot dafür auf jeden Fall genug Anhaltspunkte.

