Gestern, 21:37
Schwäche war ein Luxus, den Syrena sich nie gut hatte leisten können. Verletzlichkeit besaß in Maureen Blackwells Welt keinen Wert, solange sie sich nicht in etwas Nützliches verwandeln ließ. Leistung konnte Anerkennung bringen, manchmal sogar Stolz – jedenfalls so lange, bis Maureen sie nicht mehr nur als Tochter, sondern als Konkurrenz betrachtet hatte. Syrena hatte früh begriffen, wie widersprüchlich die Regeln waren: Sie musste glänzen, um gesehen zu werden, und gleichzeitig darauf achten, nicht so hell zu leuchten, dass Maureen sich bedroht fühlte.
Also lernte sie, Dinge zu beherrschen. Magie, Haltung, ihren Körper, ihre Wirkung auf andere. Und Gefühle ebenso. Verletztheit wurde Schärfe, Angst wurde Kontrolle, Trauer fand leichter einen Weg in Wut als in Tränen. Mitgefühl war am erträglichsten, wenn man es in Handlung verwandelte, bevor jemand auf die Idee kam, es beim Namen zu nennen. Vielleicht war dieses zwölfjährige Mädchen genau deshalb so verdammt lästig geworden. Syrena handelte längst. Und damit gab sie etwas von sich preis, das sie lieber unter Verschluss gehalten hätte.
Amy war eine der wenigen Ausnahmen gewesen. Bei ihr hatte es nichts zu gewinnen gegeben, nichts zu beweisen, keine unsichtbare Waage, auf der Schönheit, Begabung oder Erfolg gegeneinander aufgerechnet wurden. Ihre Cousine hatte einfach dazugehört, so selbstverständlich, dass "Schwester" vermutlich längst das passendere Wort gewesen wäre. Vielleicht hatte Syrena sie gerade deshalb immer mit beinahe aggressiver Selbstverständlichkeit beschützen wollen. Sie selbst konnte Härte aushalten, Amy sollte sie nicht müssen.
Tiefe Partnerschaften hatte Syrena dagegen nie besonders lange zugelassen. Es hatte Menschen gegeben, die sie begehrt hatte, sogar solche, bei denen das gefährliche Gefühl entstand, sie könnten irgendwann mehr bedeuten. Spätestens dann zog sie sich zurück oder zerstörte es bewusst. Kälte an der richtigen Stelle. Untreue, wenn sie wusste, dass genau das reichen würde. Ein Satz, der tief genug traf, damit derjenige, von dem sie sich abwandte, nicht hinter ihr herlief. Menschen konnten einem nichts entreißen, was man ihnen nie vollständig in die Hände gab.
Und genau deshalb hätte Syrena die hässliche Ähnlichkeit zu Antares niemals anerkannt. Er hatte Amy ebenfalls bewusst verloren – nur kannte Syrena keinen noblen Grund dafür. Für sie hatte ihre Cousine ihm etwas gegeben, das Syrena selbst kaum jemandem gab: Vertrauen, Liebe und die Erlaubnis, wichtig zu werden. Und Antares hatte dafür gesorgt, dass Amy ihn mit einer anderen Frau im Bett fand. Er hatte damit scheinbar nur bewiesen, was Syrena ohnehin wusste: Wer jemanden nahe genug heranließ, gab ihm irgendwann die Waffe gleich mit. Der Fluch war deshalb nie bloß Rache gewesen. Wut, Magie und Strafe waren leichter gewesen als Amys Schmerz mit zutragen.
Ihr eigener Magiestoß prallte an Antares' Abwehr ab und riss Syrena endgültig aus diesen Gedanken. Die roten Fäden brachen auseinander, und der Anblick traf ihren Stolz härter, als sie ihm je zugestanden hätte. Sie wusste verdammt genau, warum es ihm gerade so leichtfiel: Blutverlust, die Nachwirkungen des Banns und eine Magie, deren Präzision bereits einem Mann das Genick gekostet hatte. Dass sie diese Erklärung überhaupt brauchte, baute ihren Stolz nicht merklich auf.
Gleichzeitig ließ der künstlich hochgeschraubte Schmerz in ihrem Bein etwas nach. Nicht vollständig, seine Magie blieb weiterhin an der Verletzung wirksam, spürbar genug, dass Syrena sie wie eine fremde Hand empfand, die jederzeit wieder fester zugreifen konnte. Ihr Blick verhärtete sich. Sie hatte ihm gesagt, er solle seine Magie von ihr nehmen. Er hatte sich anders entschieden
„Sag mal, hört das auch mal wieder auf?“ Für einen Moment zuckte etwas fast Vergnügtes durch ihren Ärger. Offenbar hörte er ihr also doch zu. Mehr noch, sie ging ihm auf die Nerven. Sein Vergleich mit einem verzogenen Kind löschte die Genugtuung allerdings schnell wieder aus. Syrena hob nur eine Braue. Nachdem sie wusste, wozu die Münze diente, unter vorgehaltener Waffe nicht nachzugeben, war für Antares also Fußaufstampfen. Wie praktisch, wenn man Tatsachen so lange kleinredete, bis sie zum eigenen Urteil passten. Auf seine Kirsche und die Geste zum Hintereingang sah sie nur kurz. „Du hättest natürlich weniger Rückgrat gehabt und sie ihnen überlassen. Das war mir schon klar.“ Sie schnaubte verächtlich.
Sein nächster Satz traf unangenehmer, obwohl Syrena das nicht zeigte. „Ich weiß, dass ich dir nicht vertrauen kann und deine moralische Einstellung hast du gerade sehr eindrucksvoll bewiesen.“ Der Tote am Müllcontainer interessierte sie herzlich wenig. Der Tote am Müllcontainer interessierte sie herzlich wenig. Bei ihm war ihre Entscheidung bewusst gefallen. Beim zweiten Körper war es komplizierter. Nicht moralisch, sondern technisch. Den Hexer hatte sie nicht töten wollen. Dass sein Genick trotzdem gebrochen war, erinnerte sie daran, wie unsauber ihre Kontrolle geworden war, und dieser Gedanke bohrte tiefer als Antares' Urteil. Also bekam er davon nichts.
„Der eine hat mich zweimal angeschossen. Der andere hat mich magisch gefesselt. Wenn du Beileidskarten schreiben möchtest, halte ich dich nicht auf.“ Bei seiner Bemerkung über die "Seelenverkäufer-Anwaltsfirma" verzog sich ihr Mund. „Du solltest mit moralischen Urteilen über Arbeitgeber vorsichtig sein. Deiner liegt schließlich auch nicht gerade neben einem Kloster.“ Viel interessanter war ohnehin, was er nicht sagte. Auf ihre eigentliche Frage, warum ausgerechnet er sich moralisch über sie stellen durfte, während er im Valen Menschen wie Ashcroft bediente, kam nichts. Typisch. Ausgerechnet darauf hatte der Kater plötzlich nichts zu sagen.
Als sie die Münze erneut geöffnet hatte, war Antares still geworden. Syrena bemerkte sehr wohl, wie aufmerksam er das schwache Flackern beobachtete. Es ging um die Spur, um das Mädchen. Dieser Teil von ihm war offenbar echt, und genau das machte ihn blöderweise glaubwürdiger, ohne ihn sympathischer zu machen. Dann erklärte er tatsächlich, dass er mitkommen würde. Syrenas Mundwinkel hoben sich kaum merklich. Wie reizend. Der Kater konnte offenbar doch hören, wenn man ihm etwas erlaubte.
Die Genugtuung hielt nicht lange. Antares' Hand schloss sich blitzschnell um ihr Handgelenk, ausgerechnet an dem Arm, den der Streifschuss bereits in ein pochendes Ärgernis verwandelt hatte. Syrena sog scharf Luft ein, doch ihre andere Hand zog die Münze instinktiv näher an den Körper und schloss sich fest darum. Dann kam seine Drohung. „Wenn du irgendwelche Tricks vorhast, lass ich dich bluten, verstanden?“ Syrena sah an sich hinab: Blut am Arm, Blut am Bein, Reste unter ihrer Nase. Dann blickte sie beinahe ungläubig wieder zu ihm. „Du hast gerade ausreichend Gelegenheit gehabt zu beobachten, wie schlecht Drohungen bei mir funktionieren. Fass mich noch einmal so an und der Müllcontainer war die freundliche Variante.“
Der magische Blitz durch den verletzten Arm ließ ihre Muskeln schlagartig verkrampfen. Ein gepresster Laut entkam ihr und rote Energie flammte über ihrem Unterarm auf, schoss aggressiv in Richtung seiner Hand, gerade als sein Griff sich wieder löste. Und die Wut folgte augenblicklich, heiß und beißend, nicht nur wegen des Schmerzes. Weil er es schon wieder tat. Ihr Körper, seine Magie, seine Entscheidung darüber, wie viel davon sie auszuhalten hatte. Und dieser Mann hielt sich gerade tatsächlich für die vernünftigere Hälfte dieser Zusammenarbeit!
Bemerkenswert. Syrena hätte ihn mit größtem Vergnügen richtig hart gegen die nächste Wand geschickt, aber der tote Hexer lag wenige Schritte entfernt als anschauliche Erinnerung daran, dass ihre Magie gerade nicht die Präzision besaß, die sie gewohnt war. Außerdem wartete irgendwo am Ende dieser Spur ein Kind. Antares war es nicht wert, dafür noch mehr Kraft zu verbrennen.
„Da hilft dir dann auch dein Gesöff von eben nichts mehr.“ Syrena sah ihn an, als hätte er gerade versucht, sie mit einer besonders mittelmäßigen magischen Darbietung zu beeindrucken. „Erstaunlich viel Aufwand für einen Trick, den jeder drittklassige Folterknecht beherrscht.“ Ihr Blick glitt demonstrativ über ihn. „Aber vielleicht überschätze ich auch deine Ausbildung. Kater lecken Wunden ja normalerweise wenigstens sauber.“ Dann wurde ihre Stimme härter. „Und bevor wir auch nur einen Meter gemeinsam gehen, nimmst du deine Magie vollständig von mir.“ Ihre Finger schlossen sich fester um die Münze. „Ich werde dich nicht daran hindern, mitzukommen. Aber gerade du legst mir keine Leine an.“
Und natürlich folgte darauf ausgerechnet „Ladies first.“ Syrena musterte seine ausgestreckte Hand, dann sein Gesicht. „Dein Timing für gute Manieren ist genauso schlecht wie dein Aftershave.“ Mehr Aufmerksamkeit bekam seine plötzlich wiederentdeckte Ritterlichkeit nicht. Sie öffnete die Faust und ließ die Resonanzmünze auf ihrer Handfläche sichtbar werden. Das Glimmen war schwach, aber noch da.
Syrena setzte sich in Bewegung, weil sie die Spur führte, nicht weil Antares ihr den Vortritt gewährt hatte. Bereits der erste Schritt erinnerte sie daran, dass das Notfallelixier keine Wunder vollbrachte. Das rechte Bein protestierte, ihr Gang verlor für einen Moment etwas von seiner Sicherheit, bevor sie das Gewicht kontrollierter verlagerte. Der Arm pochte und ihre Magie fühlte sich unangenehm ausgedünnt an. Sie ignorierte alles davon mit jener sturen Disziplin, die ihr beigebracht hatte, unter der Anleitung von Maureen Blackwell weiter zu üben, wenn der eigene Körper etwas anderes wollte.
Am Ende der Gasse prüfte Syrena die Münze erneut. Nach links wurde das Licht schwächer. Als sie die Hand nach rechts drehte, antwortete das Metall mit einem deutlicheren Pulsieren. Also dort entlang. Sie schloss die Finger wieder darum und folgte der stärkeren Resonanz. Antares konnte neben ihr gehen, hinter ihr oder sonst wo, solange er ihre Spur nicht störte. Ein gemeinsamer Weg machte sie noch lange nicht zu einem Team. Er hielt sie für moralisch nicht vertrauenswürdig; sie hielt ihn weiterhin für einen selbstgerechten Heuchler, dessen plötzlich erwachtes Gewissen einer schlechten Theatervorstellung glich. Für den Moment reichte es, dass beide dasselbe zwölfjährige Mädchen suchten. Syrena warf ihm über die Schulter einen schmalen, herausfordernden Blick zu. „Du wolltest mitkommen. Dann versuch wenigstens, Schritt zu halten.“
Also lernte sie, Dinge zu beherrschen. Magie, Haltung, ihren Körper, ihre Wirkung auf andere. Und Gefühle ebenso. Verletztheit wurde Schärfe, Angst wurde Kontrolle, Trauer fand leichter einen Weg in Wut als in Tränen. Mitgefühl war am erträglichsten, wenn man es in Handlung verwandelte, bevor jemand auf die Idee kam, es beim Namen zu nennen. Vielleicht war dieses zwölfjährige Mädchen genau deshalb so verdammt lästig geworden. Syrena handelte längst. Und damit gab sie etwas von sich preis, das sie lieber unter Verschluss gehalten hätte.
Amy war eine der wenigen Ausnahmen gewesen. Bei ihr hatte es nichts zu gewinnen gegeben, nichts zu beweisen, keine unsichtbare Waage, auf der Schönheit, Begabung oder Erfolg gegeneinander aufgerechnet wurden. Ihre Cousine hatte einfach dazugehört, so selbstverständlich, dass "Schwester" vermutlich längst das passendere Wort gewesen wäre. Vielleicht hatte Syrena sie gerade deshalb immer mit beinahe aggressiver Selbstverständlichkeit beschützen wollen. Sie selbst konnte Härte aushalten, Amy sollte sie nicht müssen.
Tiefe Partnerschaften hatte Syrena dagegen nie besonders lange zugelassen. Es hatte Menschen gegeben, die sie begehrt hatte, sogar solche, bei denen das gefährliche Gefühl entstand, sie könnten irgendwann mehr bedeuten. Spätestens dann zog sie sich zurück oder zerstörte es bewusst. Kälte an der richtigen Stelle. Untreue, wenn sie wusste, dass genau das reichen würde. Ein Satz, der tief genug traf, damit derjenige, von dem sie sich abwandte, nicht hinter ihr herlief. Menschen konnten einem nichts entreißen, was man ihnen nie vollständig in die Hände gab.
Und genau deshalb hätte Syrena die hässliche Ähnlichkeit zu Antares niemals anerkannt. Er hatte Amy ebenfalls bewusst verloren – nur kannte Syrena keinen noblen Grund dafür. Für sie hatte ihre Cousine ihm etwas gegeben, das Syrena selbst kaum jemandem gab: Vertrauen, Liebe und die Erlaubnis, wichtig zu werden. Und Antares hatte dafür gesorgt, dass Amy ihn mit einer anderen Frau im Bett fand. Er hatte damit scheinbar nur bewiesen, was Syrena ohnehin wusste: Wer jemanden nahe genug heranließ, gab ihm irgendwann die Waffe gleich mit. Der Fluch war deshalb nie bloß Rache gewesen. Wut, Magie und Strafe waren leichter gewesen als Amys Schmerz mit zutragen.
Ihr eigener Magiestoß prallte an Antares' Abwehr ab und riss Syrena endgültig aus diesen Gedanken. Die roten Fäden brachen auseinander, und der Anblick traf ihren Stolz härter, als sie ihm je zugestanden hätte. Sie wusste verdammt genau, warum es ihm gerade so leichtfiel: Blutverlust, die Nachwirkungen des Banns und eine Magie, deren Präzision bereits einem Mann das Genick gekostet hatte. Dass sie diese Erklärung überhaupt brauchte, baute ihren Stolz nicht merklich auf.
Gleichzeitig ließ der künstlich hochgeschraubte Schmerz in ihrem Bein etwas nach. Nicht vollständig, seine Magie blieb weiterhin an der Verletzung wirksam, spürbar genug, dass Syrena sie wie eine fremde Hand empfand, die jederzeit wieder fester zugreifen konnte. Ihr Blick verhärtete sich. Sie hatte ihm gesagt, er solle seine Magie von ihr nehmen. Er hatte sich anders entschieden
„Sag mal, hört das auch mal wieder auf?“ Für einen Moment zuckte etwas fast Vergnügtes durch ihren Ärger. Offenbar hörte er ihr also doch zu. Mehr noch, sie ging ihm auf die Nerven. Sein Vergleich mit einem verzogenen Kind löschte die Genugtuung allerdings schnell wieder aus. Syrena hob nur eine Braue. Nachdem sie wusste, wozu die Münze diente, unter vorgehaltener Waffe nicht nachzugeben, war für Antares also Fußaufstampfen. Wie praktisch, wenn man Tatsachen so lange kleinredete, bis sie zum eigenen Urteil passten. Auf seine Kirsche und die Geste zum Hintereingang sah sie nur kurz. „Du hättest natürlich weniger Rückgrat gehabt und sie ihnen überlassen. Das war mir schon klar.“ Sie schnaubte verächtlich.
Sein nächster Satz traf unangenehmer, obwohl Syrena das nicht zeigte. „Ich weiß, dass ich dir nicht vertrauen kann und deine moralische Einstellung hast du gerade sehr eindrucksvoll bewiesen.“ Der Tote am Müllcontainer interessierte sie herzlich wenig. Der Tote am Müllcontainer interessierte sie herzlich wenig. Bei ihm war ihre Entscheidung bewusst gefallen. Beim zweiten Körper war es komplizierter. Nicht moralisch, sondern technisch. Den Hexer hatte sie nicht töten wollen. Dass sein Genick trotzdem gebrochen war, erinnerte sie daran, wie unsauber ihre Kontrolle geworden war, und dieser Gedanke bohrte tiefer als Antares' Urteil. Also bekam er davon nichts.
„Der eine hat mich zweimal angeschossen. Der andere hat mich magisch gefesselt. Wenn du Beileidskarten schreiben möchtest, halte ich dich nicht auf.“ Bei seiner Bemerkung über die "Seelenverkäufer-Anwaltsfirma" verzog sich ihr Mund. „Du solltest mit moralischen Urteilen über Arbeitgeber vorsichtig sein. Deiner liegt schließlich auch nicht gerade neben einem Kloster.“ Viel interessanter war ohnehin, was er nicht sagte. Auf ihre eigentliche Frage, warum ausgerechnet er sich moralisch über sie stellen durfte, während er im Valen Menschen wie Ashcroft bediente, kam nichts. Typisch. Ausgerechnet darauf hatte der Kater plötzlich nichts zu sagen.
Als sie die Münze erneut geöffnet hatte, war Antares still geworden. Syrena bemerkte sehr wohl, wie aufmerksam er das schwache Flackern beobachtete. Es ging um die Spur, um das Mädchen. Dieser Teil von ihm war offenbar echt, und genau das machte ihn blöderweise glaubwürdiger, ohne ihn sympathischer zu machen. Dann erklärte er tatsächlich, dass er mitkommen würde. Syrenas Mundwinkel hoben sich kaum merklich. Wie reizend. Der Kater konnte offenbar doch hören, wenn man ihm etwas erlaubte.
Die Genugtuung hielt nicht lange. Antares' Hand schloss sich blitzschnell um ihr Handgelenk, ausgerechnet an dem Arm, den der Streifschuss bereits in ein pochendes Ärgernis verwandelt hatte. Syrena sog scharf Luft ein, doch ihre andere Hand zog die Münze instinktiv näher an den Körper und schloss sich fest darum. Dann kam seine Drohung. „Wenn du irgendwelche Tricks vorhast, lass ich dich bluten, verstanden?“ Syrena sah an sich hinab: Blut am Arm, Blut am Bein, Reste unter ihrer Nase. Dann blickte sie beinahe ungläubig wieder zu ihm. „Du hast gerade ausreichend Gelegenheit gehabt zu beobachten, wie schlecht Drohungen bei mir funktionieren. Fass mich noch einmal so an und der Müllcontainer war die freundliche Variante.“
Der magische Blitz durch den verletzten Arm ließ ihre Muskeln schlagartig verkrampfen. Ein gepresster Laut entkam ihr und rote Energie flammte über ihrem Unterarm auf, schoss aggressiv in Richtung seiner Hand, gerade als sein Griff sich wieder löste. Und die Wut folgte augenblicklich, heiß und beißend, nicht nur wegen des Schmerzes. Weil er es schon wieder tat. Ihr Körper, seine Magie, seine Entscheidung darüber, wie viel davon sie auszuhalten hatte. Und dieser Mann hielt sich gerade tatsächlich für die vernünftigere Hälfte dieser Zusammenarbeit!
Bemerkenswert. Syrena hätte ihn mit größtem Vergnügen richtig hart gegen die nächste Wand geschickt, aber der tote Hexer lag wenige Schritte entfernt als anschauliche Erinnerung daran, dass ihre Magie gerade nicht die Präzision besaß, die sie gewohnt war. Außerdem wartete irgendwo am Ende dieser Spur ein Kind. Antares war es nicht wert, dafür noch mehr Kraft zu verbrennen.
„Da hilft dir dann auch dein Gesöff von eben nichts mehr.“ Syrena sah ihn an, als hätte er gerade versucht, sie mit einer besonders mittelmäßigen magischen Darbietung zu beeindrucken. „Erstaunlich viel Aufwand für einen Trick, den jeder drittklassige Folterknecht beherrscht.“ Ihr Blick glitt demonstrativ über ihn. „Aber vielleicht überschätze ich auch deine Ausbildung. Kater lecken Wunden ja normalerweise wenigstens sauber.“ Dann wurde ihre Stimme härter. „Und bevor wir auch nur einen Meter gemeinsam gehen, nimmst du deine Magie vollständig von mir.“ Ihre Finger schlossen sich fester um die Münze. „Ich werde dich nicht daran hindern, mitzukommen. Aber gerade du legst mir keine Leine an.“
Und natürlich folgte darauf ausgerechnet „Ladies first.“ Syrena musterte seine ausgestreckte Hand, dann sein Gesicht. „Dein Timing für gute Manieren ist genauso schlecht wie dein Aftershave.“ Mehr Aufmerksamkeit bekam seine plötzlich wiederentdeckte Ritterlichkeit nicht. Sie öffnete die Faust und ließ die Resonanzmünze auf ihrer Handfläche sichtbar werden. Das Glimmen war schwach, aber noch da.
Syrena setzte sich in Bewegung, weil sie die Spur führte, nicht weil Antares ihr den Vortritt gewährt hatte. Bereits der erste Schritt erinnerte sie daran, dass das Notfallelixier keine Wunder vollbrachte. Das rechte Bein protestierte, ihr Gang verlor für einen Moment etwas von seiner Sicherheit, bevor sie das Gewicht kontrollierter verlagerte. Der Arm pochte und ihre Magie fühlte sich unangenehm ausgedünnt an. Sie ignorierte alles davon mit jener sturen Disziplin, die ihr beigebracht hatte, unter der Anleitung von Maureen Blackwell weiter zu üben, wenn der eigene Körper etwas anderes wollte.
Am Ende der Gasse prüfte Syrena die Münze erneut. Nach links wurde das Licht schwächer. Als sie die Hand nach rechts drehte, antwortete das Metall mit einem deutlicheren Pulsieren. Also dort entlang. Sie schloss die Finger wieder darum und folgte der stärkeren Resonanz. Antares konnte neben ihr gehen, hinter ihr oder sonst wo, solange er ihre Spur nicht störte. Ein gemeinsamer Weg machte sie noch lange nicht zu einem Team. Er hielt sie für moralisch nicht vertrauenswürdig; sie hielt ihn weiterhin für einen selbstgerechten Heuchler, dessen plötzlich erwachtes Gewissen einer schlechten Theatervorstellung glich. Für den Moment reichte es, dass beide dasselbe zwölfjährige Mädchen suchten. Syrena warf ihm über die Schulter einen schmalen, herausfordernden Blick zu. „Du wolltest mitkommen. Dann versuch wenigstens, Schritt zu halten.“

