Gestern, 23:48
Vieles hatte Lilith erwartet, als sie entschieden hatte, den Weg hinüber zur Bar zu nehmen und Jezahel anzusprechen. Einen Schlagabtausch sicherlich, und dass er herausfordernd sein konnte ebenso. Aber das hier? Wie bereitwillig die Vorzeige-Soldatin der himmlischen Scharen sich auf eine Diskussion mit ihr einließ, die schon eine Weile nicht mehr nur unterschwellig durchzogen war von Provokation und Herausforderung; wie sie dabei sogar grinste und sich noch ein wenig weiter zu ihr umdrehte – damit hatte Lilith nicht gerechnet.
Sie war allerdings niemand, der eine offensichtliche Einladung zum Spielen ausschlagen würde, insbesondere wenn sich ein Gegner als annährend ebenbürtig erwies… wie es leider nur selten vorkam. Und sie war noch high genug, um sich nicht allzu lange aufzuhalten mit den Hintergründen, die sie beide in diese Situation gebracht hatten.
Ein leises Lachen entwich ihren Lippen als direkte, ungefilterte Reaktion auf den Konter.
„Das hoffe ich doch. Ich kann dir versichern, dass meine Absichten so verdorben sind, wie sie nur sein können.“
Lilith hatte keinerlei Gründe, das in irgendeiner Form zu beschönigen oder zu verschleiern. Sie hatte wenige persönliche Grenzen und auch kein Schamgefühl, so wie es für Engel generell üblich war… und anders als ihre Gegenparts, die im Himmel dienten, hatte sie auch keine Moral, der sie zwangsweise verpflichtet wurde. Sie war – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Ausgeburt der Hölle; Natürlich war es weit mehr Kompliment als Beleidigung, ihren Gedanken eine Doppeldeutigkeit zu unterstellen, und genau so verstand Lilith es auch. Konkrete Absichten – Ziele, Pläne, Gedanken – hatte sie zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch keine… aber das bedeutete nicht, dass sie die nicht noch entwickeln konnte. Der Abend war noch jung.
„Aber sie sind, zweifelsohne, auch enorm unterhaltsam“, fügte sie anschließend noch hinzu, ein gleichermaßen als einladend wie auch provokant deutbares Funkeln in dem Blick, mit dem sie Jezahel einen Augenblick lang fixierte.
Mit Spaß hatten sie es nicht so im Himmel, das hatte Gabriel ihr zu Genüge berichtet. Es ging alles um die göttlichen Aufgaben, die Bestimmung, die Dienste an der Menschheit, um jeden Preis. Einer der Gründe, aus denen er sich von dort verabschiedet hatte, und es inzwischen nun seit Jahrhunderten vorzog, hier auf der Erde zu leben. Ob Jezahel einen ähnlichen Weg eingeschlagen hatte? War sie dem immer währenden Kreislauf an Aufopferung und Selbstgeißelung endlich überdrüssig geworden, der kompletten Abwesenheit einer eigenen Identität und Bedeutung im großen Ganzen? War das der Grund, aus dem sie nun hier saß – war sie zur Vernunft gekommen?
Nun, Lilith war sicherlich nicht abgeneigt, in dieser Sache zu unterstützen.
Selbstverständlich fiel ihr auf, wie Jezahels Blick ein klein wenig zu lang an ihren Lippen hängen blieb, wie sie ihn anschließend wieder hob, fast schon mit einem Hauch unterliegendem Trotz, und ihr Lächeln erwiderte mit einem ihrer eigenen, das Liliths Herausforderung ebenso spiegelte. Sie nahm sie an, anstatt auszuweichen oder zurückzuschrecken. Das war mehr als interessant, waren doch all diese Dinge – Begierde, Lust, reines Vergnügen – den himmlischen Engeln streng untersagt.
„Ich könnte dir bestimmt ein paar unterbreiten… vorausgesetzt du traust dich, danach zu fragen.“ Lilith hob kurz die Augenbrauen und versah die subtile Provokation mit der Andeutung eines frechen Grinsens. An Kreativität mangelte es ihr sicherlich nicht, aber solange sie sich hier lediglich mit verbalem Geplänkel die Zeit vertrieben, das sie offensichtlich aktuell beide für sich als kurzweilig und amüsant definiert hatten, musste sie ja keine unnötige Energie verschwenden.
Dass ihr salopper Kommentar über ihre gemeinsame Vergangenheit bei Jaze zu einer gewissen Irritation führte, damit hatte Lilith gerechnet. Verständlicherweise stieß sie sich an ihrer Formulierung.
„Eventuell ist deine Definition von Freundschaft auch einfach nur traurig eng gefasst“, entgegnete sie gelassen, ihr eigenes Glas anhebend, um einen weiteren Schluck ihres Cocktails zu nehmen, während Jaze ihren musterte, als müsse sie darüber nachdenken, ob das Getränk dabei war, sie zu verraten.
„Und ‚alte Bekannte‘ klingt doch eher unpassend distanziert in Anbetracht der Tatsache, wie häufig sich deine Klinge schon an meiner Kehle befunden hat, findest du nicht?“
Sie drehte sich ebenfalls ein Stück, lehnte sich mit dem Rücken an die Bar, beide Ellenbogen darauf abgelegt, und neigte den Kopf ein kleines Stück, um den Blick auf besagte Kehle mit einem verschmitzten Schmunzeln freizugeben. Auch diese Aussage tätigte sie beiläufig, so als sei es ein Kompliment, sich gegenseitig mit scharfen Waffen zu bedrohen. Das mochte befremdlich wirken, von außen – aber es ließ sich wohl kaum leugnen, dass derartige Situationen eine gewisse… Intimität schafften. Besonders wenn man, wie sie, nach anderen als den hier geläufigen, irdischen Regeln spielte.
Ihre weiteren aufgelisteten Begründungen – in ihrer Natur primär charmant getarnte Ausweichmanöver, auch wenn sie sich hervorragend eigneten, um ihr Spiel noch etwas auszubauen – fanden besseren Anklang. Und besonders letztere erzeugte bei Jezahel eine interessante Reaktion: Sie schien plötzlich gar nicht mehr so überzeugt, stattdessen erkannte Lilith zum ersten Mal auch körperlich, dass der Stil, in dem ihre Gesprächspartnerin sich wohlfühlte, sonst typischerweise ein anderer war. Ihr Blick folgte beinahe beiläufig deren Hand, die noch immer über das Revers des Blazers strich, ehe er wieder zu Jazes Gesicht zurückkehrte. Dass sie sich selbst darin noch nicht ganz wiedererkannte, war kaum zu übersehen.
„Fast schade, dass du selbst noch so sehr zweifelst. Er steht dir besser, als du offenbar glaubst“, setzte sie nach. Ihr Lächeln wurde weicher, bekam fast schon einen aufrichtigen Schimmer.
„Vielleicht solltest du häufiger Dinge ausprobieren, die nicht zu dem passen, was man von dir erwartet… sonst drängt sich ja nahezu der Gedanke auf, du hättest heute einen besonderen Grund dafür.“
Es entging ihr natürlich nicht, dass Jazes Blick den ihren suchte, und dass sie ihn bewusst hielt. Ähnlich wie ihre Konfrontationen damals war auch jetzt einer der für Lilith interessantesten Aspekte an Jezahel, dass ihre Züge nicht so vorhersehbar waren wie die der meisten anderen Wesen, denen sie hier so begegnete. Womöglich lag das an ihrer eigenen getrübten Wahrnehmung… womöglich aber auch schlichtweg daran, dass sie eine ebenso unterhaltsame Gesprächspartnerin wie Gegnerin war.
Kurz darauf stellte Jezahel ihr Glas auf den Tresen, ihre Hand daneben ruhend. Die Geste mochte auf den ersten Blick unscheinbar sein; nach der Art jedoch, wie sie den Drink nun eine ganze Weile zwischen ihnen gehalten hatte, als eine Art Anker und fast schon Mittel zur Distanz, bekam sie eine andere Bedeutung. Welche auch immer das sein mochte.
„Oder weißt du selbst noch nicht so recht, welche davon die richtige Antwort ist?“
Die Frage hatte großes Potenzial, unangenehm zu sein, weil sie gefährlich nah an der Wahrheit kratzte. Eine Wahrheit, von der Lilith sich nicht sicher war, ob sie bereit wäre, sie einzugestehen – schon gar nicht laut. Nicht offen. Sie könnte unangenehm sein, weil sie ein gewisses Element des Ertappt-Seins mit sich brachte… und ihre gewöhnliche Reaktion wäre in der Regel wohl eine weitere Ablenkung.
Aber seltsamerweise fühlte sie sich nicht unangenehm. Die Frage hatte nichts Angreifendes, und entsprechend regte sich in ihr auch keinerlei Widerstand. Lilith stellte ihr eigenes Glas ab.
„Warum ist es dir so wichtig, dass ich mich auf eine Antwort festlege?“
Sie war allerdings niemand, der eine offensichtliche Einladung zum Spielen ausschlagen würde, insbesondere wenn sich ein Gegner als annährend ebenbürtig erwies… wie es leider nur selten vorkam. Und sie war noch high genug, um sich nicht allzu lange aufzuhalten mit den Hintergründen, die sie beide in diese Situation gebracht hatten.
Ein leises Lachen entwich ihren Lippen als direkte, ungefilterte Reaktion auf den Konter.
„Das hoffe ich doch. Ich kann dir versichern, dass meine Absichten so verdorben sind, wie sie nur sein können.“
Lilith hatte keinerlei Gründe, das in irgendeiner Form zu beschönigen oder zu verschleiern. Sie hatte wenige persönliche Grenzen und auch kein Schamgefühl, so wie es für Engel generell üblich war… und anders als ihre Gegenparts, die im Himmel dienten, hatte sie auch keine Moral, der sie zwangsweise verpflichtet wurde. Sie war – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Ausgeburt der Hölle; Natürlich war es weit mehr Kompliment als Beleidigung, ihren Gedanken eine Doppeldeutigkeit zu unterstellen, und genau so verstand Lilith es auch. Konkrete Absichten – Ziele, Pläne, Gedanken – hatte sie zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch keine… aber das bedeutete nicht, dass sie die nicht noch entwickeln konnte. Der Abend war noch jung.
„Aber sie sind, zweifelsohne, auch enorm unterhaltsam“, fügte sie anschließend noch hinzu, ein gleichermaßen als einladend wie auch provokant deutbares Funkeln in dem Blick, mit dem sie Jezahel einen Augenblick lang fixierte.
Mit Spaß hatten sie es nicht so im Himmel, das hatte Gabriel ihr zu Genüge berichtet. Es ging alles um die göttlichen Aufgaben, die Bestimmung, die Dienste an der Menschheit, um jeden Preis. Einer der Gründe, aus denen er sich von dort verabschiedet hatte, und es inzwischen nun seit Jahrhunderten vorzog, hier auf der Erde zu leben. Ob Jezahel einen ähnlichen Weg eingeschlagen hatte? War sie dem immer währenden Kreislauf an Aufopferung und Selbstgeißelung endlich überdrüssig geworden, der kompletten Abwesenheit einer eigenen Identität und Bedeutung im großen Ganzen? War das der Grund, aus dem sie nun hier saß – war sie zur Vernunft gekommen?
Nun, Lilith war sicherlich nicht abgeneigt, in dieser Sache zu unterstützen.
Selbstverständlich fiel ihr auf, wie Jezahels Blick ein klein wenig zu lang an ihren Lippen hängen blieb, wie sie ihn anschließend wieder hob, fast schon mit einem Hauch unterliegendem Trotz, und ihr Lächeln erwiderte mit einem ihrer eigenen, das Liliths Herausforderung ebenso spiegelte. Sie nahm sie an, anstatt auszuweichen oder zurückzuschrecken. Das war mehr als interessant, waren doch all diese Dinge – Begierde, Lust, reines Vergnügen – den himmlischen Engeln streng untersagt.
„Ich könnte dir bestimmt ein paar unterbreiten… vorausgesetzt du traust dich, danach zu fragen.“ Lilith hob kurz die Augenbrauen und versah die subtile Provokation mit der Andeutung eines frechen Grinsens. An Kreativität mangelte es ihr sicherlich nicht, aber solange sie sich hier lediglich mit verbalem Geplänkel die Zeit vertrieben, das sie offensichtlich aktuell beide für sich als kurzweilig und amüsant definiert hatten, musste sie ja keine unnötige Energie verschwenden.
Dass ihr salopper Kommentar über ihre gemeinsame Vergangenheit bei Jaze zu einer gewissen Irritation führte, damit hatte Lilith gerechnet. Verständlicherweise stieß sie sich an ihrer Formulierung.
„Eventuell ist deine Definition von Freundschaft auch einfach nur traurig eng gefasst“, entgegnete sie gelassen, ihr eigenes Glas anhebend, um einen weiteren Schluck ihres Cocktails zu nehmen, während Jaze ihren musterte, als müsse sie darüber nachdenken, ob das Getränk dabei war, sie zu verraten.
„Und ‚alte Bekannte‘ klingt doch eher unpassend distanziert in Anbetracht der Tatsache, wie häufig sich deine Klinge schon an meiner Kehle befunden hat, findest du nicht?“
Sie drehte sich ebenfalls ein Stück, lehnte sich mit dem Rücken an die Bar, beide Ellenbogen darauf abgelegt, und neigte den Kopf ein kleines Stück, um den Blick auf besagte Kehle mit einem verschmitzten Schmunzeln freizugeben. Auch diese Aussage tätigte sie beiläufig, so als sei es ein Kompliment, sich gegenseitig mit scharfen Waffen zu bedrohen. Das mochte befremdlich wirken, von außen – aber es ließ sich wohl kaum leugnen, dass derartige Situationen eine gewisse… Intimität schafften. Besonders wenn man, wie sie, nach anderen als den hier geläufigen, irdischen Regeln spielte.
Ihre weiteren aufgelisteten Begründungen – in ihrer Natur primär charmant getarnte Ausweichmanöver, auch wenn sie sich hervorragend eigneten, um ihr Spiel noch etwas auszubauen – fanden besseren Anklang. Und besonders letztere erzeugte bei Jezahel eine interessante Reaktion: Sie schien plötzlich gar nicht mehr so überzeugt, stattdessen erkannte Lilith zum ersten Mal auch körperlich, dass der Stil, in dem ihre Gesprächspartnerin sich wohlfühlte, sonst typischerweise ein anderer war. Ihr Blick folgte beinahe beiläufig deren Hand, die noch immer über das Revers des Blazers strich, ehe er wieder zu Jazes Gesicht zurückkehrte. Dass sie sich selbst darin noch nicht ganz wiedererkannte, war kaum zu übersehen.
„Fast schade, dass du selbst noch so sehr zweifelst. Er steht dir besser, als du offenbar glaubst“, setzte sie nach. Ihr Lächeln wurde weicher, bekam fast schon einen aufrichtigen Schimmer.
„Vielleicht solltest du häufiger Dinge ausprobieren, die nicht zu dem passen, was man von dir erwartet… sonst drängt sich ja nahezu der Gedanke auf, du hättest heute einen besonderen Grund dafür.“
Es entging ihr natürlich nicht, dass Jazes Blick den ihren suchte, und dass sie ihn bewusst hielt. Ähnlich wie ihre Konfrontationen damals war auch jetzt einer der für Lilith interessantesten Aspekte an Jezahel, dass ihre Züge nicht so vorhersehbar waren wie die der meisten anderen Wesen, denen sie hier so begegnete. Womöglich lag das an ihrer eigenen getrübten Wahrnehmung… womöglich aber auch schlichtweg daran, dass sie eine ebenso unterhaltsame Gesprächspartnerin wie Gegnerin war.
Kurz darauf stellte Jezahel ihr Glas auf den Tresen, ihre Hand daneben ruhend. Die Geste mochte auf den ersten Blick unscheinbar sein; nach der Art jedoch, wie sie den Drink nun eine ganze Weile zwischen ihnen gehalten hatte, als eine Art Anker und fast schon Mittel zur Distanz, bekam sie eine andere Bedeutung. Welche auch immer das sein mochte.
„Oder weißt du selbst noch nicht so recht, welche davon die richtige Antwort ist?“
Die Frage hatte großes Potenzial, unangenehm zu sein, weil sie gefährlich nah an der Wahrheit kratzte. Eine Wahrheit, von der Lilith sich nicht sicher war, ob sie bereit wäre, sie einzugestehen – schon gar nicht laut. Nicht offen. Sie könnte unangenehm sein, weil sie ein gewisses Element des Ertappt-Seins mit sich brachte… und ihre gewöhnliche Reaktion wäre in der Regel wohl eine weitere Ablenkung.
Aber seltsamerweise fühlte sie sich nicht unangenehm. Die Frage hatte nichts Angreifendes, und entsprechend regte sich in ihr auch keinerlei Widerstand. Lilith stellte ihr eigenes Glas ab.
„Warum ist es dir so wichtig, dass ich mich auf eine Antwort festlege?“

