07.09.2026, 11:21
Der zweite Schuss traf Syrena außen am rechten Oberschenkel und riss ihr das Bein unter dem Körper weg. Für einen hässlichen Moment war da nur Schmerz, heiß und tief genug, dass ihr Atem stockte, während ihre Knie auf dem schmutzigen Asphalt aufschlugen und Vincire ihre Arme weiterhin eng an den Körper presste. Zwei Kugeln. Diese Bastarde hatten sie tatsächlich zweimal angeschossen!
Die roten Fäden zwischen ihren Fingern flackerten nur noch dünn, und genau das traf ihren Stolz fast schlimmer als der Schmerz selbst. Niemand beförderte Syrena Blackwell auf die Knie! Niemand schrieb ihr vor, wann sie ihre Magie benutzen durfte, niemand schoss sie Stück für Stück weich, bis sie gehorchte. Und ganz sicher nahm niemand ihr diese Münze ab. Nicht an ihn. Die Entscheidung saß inzwischen tiefer als jeder vernünftige Gedanke daran, einfach Wolfram & Hart Bericht zu erstatten. Zwölf, ein Mädchen und eine Spur. Und Syrena war längst zu wütend, um all das wieder ordentlich in irgendeine berufliche Schublade zurückzusortieren.
Dann hörte sie ausgerechnet Antares’ Stimme. Syrenas Kopf hob sich ruckartig, und für einen winzigen Augenblick passten die Bilder nicht zusammen: Der schwarze Kater auf dem Mauervorsprung, den sie kaum eines Blickes gewürdigt hatte, und Antares, der nun aus dem Schatten trat. Natürlich. Natürlich war dieser verdammte Kater Antares gewesen! Und natürlich hatte er hier gesessen und zugesehen.
Wie lange genau, würde er ihr später erklären dürfen, doch sein „Meinetwegen könntet ihr weiterhin Löcher in sie schießen“ half ihm bereits hervorragend dabei, ihre miserable Stimmung noch weiter zu verschlechtern. Wie großzügig. Doch jetzt eine große Klappe zu haben war allerdings keine Leistung, das sollte er sich ja nicht einbilden!
Ihre Wut bekam einen weiteren Adressaten. Trotzdem registrierte Syrena, wann Antares sich eingemischt hatte. Nicht beim ersten Schuss, nicht bei Vincire. Erst nachdem gefallen war, wozu die Münze diente. Zwölf. Sein Zorn im Valen, das zerknüllte Poliertuch, dieser beinahe blanke Hass in seinen Augen – plötzlich ergab es ein ausgesprochen lästiges Bild. Ausgerechnet Antares Lexington besaß offenbar tatsächlich eine moralische Grenze. Und Kinder lagen auf der richtigen Seite davon. Verächtlich schnaubte die Hexe. Eine Frau, die ihn kurioserweise mit jeder Faser geliebt hatte, gehörte da jedoch offenbar nicht dazu!
Sein „Invisibilis“ ließ ihn für gewöhnliche Augen verschwinden, doch Syrena spürte die Verzerrung seiner Magie trotz Vincire noch am Rand ihrer Wahrnehmung. Sie sah nicht jedes Detail, aber genug. Er griff offenbar den Schützen an und traf ihn recht gezielt an der Schläfe, bevor der Mann benommen zusammensackte, und kurz darauf war der Revolver fort – in ein Insekt verwandelt, das sich irgendwo in die Nacht verabschiedete. Na, diese Form der Körperbeherrschung schien ihm offenbar noch nicht verloren gegangen zu sein. Mehr Anerkennung würde Antares dafür nicht bekommen.
Dann richtete er seine Magie auf den anderen Mann, und Syrena spürte die Veränderung sofort. Vincire zuckte. Der Druck um ihre Arme verlor seine Geschlossenheit. Ihre Finger bekamen einen Hauch mehr Raum, und die roten Fäden, die bisher direkt an der unsichtbaren Grenze des Banns verendet waren, griffen plötzlich weiter.
Antares’ „Du hast sie wütend gemacht und das war ein schwerer Fehler“ ließ beinahe ein trockenes Lachen in ihr aufsteigen. Du übrigens auch. Er hatte zugesehen, sie provoziert und benahm sich jetzt, als wäre ausschließlich der Magier verantwortlich. Das wirklich Ärgerliche war nur, dass er im Grunde auch recht hatte. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, was ihre Wut bedeutete. Gleichzeitig verschaffte es ihr eine gewisse Genugtuung, da sie ihm auf diese Weise scheinbar gut im Gedächtnis geblieben war.
Als Antares’ violette Lichtkugeln den Magier trafen und dessen Konzentration endgültig ins Wanken geriet, brach Vincire weit genug auf. Syrena sprang nicht auf; ihr rechtes Bein hätte ihr diese Würde ohnehin verweigert. Stattdessen richtete sie sich auf einem Knie höher auf, hob langsam den Kopf und zog ihre Magie beinahe gierig zurück zu sich.
Die roten Fäden wurden kräftiger, krochen über ihre Finger und griffen wieder hinaus in die Gasse. Noch nicht sauber. Noch nicht vollständig. Aber genug. Der Schütze versuchte sich gerade wieder aufzurappeln, nachdem Antares ihm zusätzlich das Knie ins Gesicht gerammt hatte. Syrenas Blick fand ihn und fixierte ihn sogleich. Der Mann, der sie zweimal angeschossen hatte. Der sie kontrollieren, schwächen und zum Gehorchen bringen wollte. Der ihre Versace-Lederjacke durchlöchert hatte.
Ihre Magie griff nach ihm – und diesmal kam sie an. Der Mann wurde vom Boden gerissen und mit solcher Wucht gegen die Backsteinwand geschleudert, dass sein Hinterkopf hart aufschlug, doch Syrena dachte gar nicht daran, ihn danach loszulassen. Unsichtbarer Druck presste ihn an das Mauerwerk, während ihr kaltes Lächeln langsam zurückkehrte.
Ihr Blick glitt zum großen Müllcontainer neben der Wand. Metall schabte kreischend über den Asphalt, als Syrena ihn telekinetisch aus seiner Position riss. Der Mann begriff spätestens jetzt, was sie vorhatte. Sein Körper stemmte sich verzweifelt gegen den Druck, doch Syrena hielt ihn fest. Der Container schoss vor und traf ihn mit einem dumpfen, widerwärtigen Krachen. Luft und ein abgerissener Schrei wurden gleichzeitig aus ihm gepresst, doch die Hexe stoppte nicht. Ihre Magie zuckte heftig über ihre Hände, während sie den Container beinahe genüsslich weiter gegen ihn drückte. Knochen knackten erst vereinzelt, dann in einer hässlichen Folge. Etwas im Brustkorb gab nach. Blut lief an der Wand herab und zog sich dunkel unter dem Container hervor. Aus seinem nächsten Schrei wurde nur noch ein ersticktes Geräusch, bevor sein Körper unter dem zunehmenden Druck endgültig nachgab. Syrena hielt trotzdem noch einen Moment länger dagegen. Nicht weil es nötig gewesen wäre, sondern weil sie den Moment voll auskosten wollte. Weil er sie angeschossen hatte, versucht hatte, sie zu brechen. Weil er für Ashcroft arbeitete und weil irgendwo ein zwölfjähriges Mädchen für diese Menschen offenbar nur Ware war. Und weil er ihre verdammte Jacke ruiniert hatte. Und weil der Magier daneben sehr genau sehen sollte, was geschah, wenn Syrena Blackwell ihre Bewegungsfreiheit zurückbekam. Mit ihm war sie schließlich noch nicht fertig.
Erst als keinerlei Bewegung mehr von ihm kam, ließ Syrena den Griff nach. Ihre Wut sank nicht vollständig, aber ihr schlimmster Gipfel war vorbei. Sie blickte auf das Blut, dann auf ihren zerschossenen Ärmel und zuckte mit der unverletzten Schulter. „Er hat meine Jacke ruiniert.“
Antares bekam danach genau den Blick, den er verdient hatte: Kühl, gereizt und weit entfernt von Dankbarkeit. Er durfte sich auf keinen Fall einbilden, er hätte sie gerettet. Er hatte den Schützen entwaffnet und dem Magier die Konzentration genommen. Das bedeutete jedoch noch lange nicht, dass Syrena vergessen würde, wie lange er sich teilnahmslos ihre Demütigung angesehen hatte.
Den Rest hatte sie selbst erledigt. Zumindest war das die Version, mit der sie hervorragend leben konnte. Viel störender war ohnehin, dass Antares nicht wegen ihr eingeschritten war. Er war wegen der Münze eingeschritten, wegen des Mädchens. Und Syrena hatte dieselbe Münze trotz zweier Kugeln nicht herausgegeben. Diese Gemeinsamkeit war so lästig, dass sie sie am liebsten sofort wieder aus ihrem Kopf verbannt hätte. Doch der Vincire-Magier lebte noch, angeschlagen, aber lebendig genug, um nützlich zu sein. Vorerst.
Syrena verlagerte ihr Gewicht vorsichtig auf das unverletzte Bein und griff telekinetisch nach dem Mann, bevor dieser auch nur auf die Idee kommen konnte, erneut zu zaubern. Seine Schultern wurden gegen die Wand gepresst, während ihre roten Fäden unruhig über die Finger liefen. Die Magie gehorchte wieder, aber sie kostete Kraft, mehr als Syrena gefiel. Mit der freien Hand griff sie in ihre Tasche und holte die Resonanzmünze hervor. Auf ihrer Handfläche wirkte sie beinahe unscheinbar, bis ein matter Schimmer über das Metall kroch. Sehr schwach, kaum mehr als ein Pulsieren.
Syrenas Augen verengten sich. Dann sah sie wieder zu dem Magier. „Wie finde ich das Mädchen?“ Ihre Stimme war ruhig, zu ruhig. Gleichzeitig verlagerte sich ihre Magie nicht länger nur auf Schultern und Gliedmaßen. Syrena tastete tiefer, bis sie den schnellen Rhythmus in seiner Brust erfasste. Sein Herz. Ihre Finger krümmten sich leicht. Der Mann riss die Augen auf, als brutaler Schmerz durch seinen Brustkorb fuhr. Syrena zog, wirklich nur ein wenig. Gerade genug, dass sein Herzschlag ins Stolpern geriet und sein Atem in kurzen, panischen Stößen kam. „Ich würde antworten.“ Ihre Stimme klang fast schon liebevoll, während sie ihm mit einem eiskalten Lächeln zublinzelte.
Er tat es. Mühsam, mit zusammengepressten Zähnen und zwischen Atemzügen, die kaum noch gleichmäßig kamen. „Sie… trägt ihre Signatur. Die Münze. Die magische Signatur des Mädchens.“
Syrena hielt den Druck. „Je näher… je richtiger die Richtung… desto stärker die Resonanz. Das Leuchten.“ Ihr Blick fiel auf die Münze. Also deshalb. Kein bloßer Beweis für Ashcrofts Handel, sondern eine Spur. Dann spürte sie etwas Warmes an ihrer Oberlippe. Der erste dünne Blutstreifen lief bis an ihren Mundwinkel. Auch noch Nasenbluten! Ihr Körper begann den Preis einzufordern: Der pochende Oberarm, der brennende Oberschenkel, Vincire, die Magie, die sie trotzdem mit Gewalt weitertrieb. Syrena wischte das Blut mit dem Handrücken weg und sah den roten Streifen darauf mit tiefer persönlicher Beleidigung an. Ihr eigener Körper wagte es gerade, vor Publikum zuzugeben, dass selbst sie die beiden Treffer und Vincire nicht völlig unbeeindruckt wegsteckte. Jetzt erst recht.
Die Münze glomm schwach in ihrer Hand. Syrena wusste jetzt, wie sie das Mädchen finden konnte. Nicht, wie Ashcroft die Münze eingesetzt hätte – sondern wie sie dieser Spur folgen konnte. Erst jetzt bemerkte sie diesen Unterschied wirklich, und er gefiel ihr nicht. Es ging sie nichts an, das hatte sie sich oft genug gesagt. Nur war diese Behauptung inzwischen ziemlich lächerlich geworden, während sie angeschossen in einer Gasse stand, einen Mann zwischen Container und Wand zerquetscht hatte und einem zweiten telekinetisch das Herz aus der Brust ziehen wollte, weil beide versucht hatten, ihr die Spur zu einem zwölfjährigen Mädchen abzunehmen.
Es geht mich nichts an. Der Gedanke klang nicht einmal mehr überzeugend genug, um sie selbst zu täuschen. Syrenas Blick hob sich wieder zu dem Magier. Sie hatte ihre Antwort. Sie könnte ihn jetzt loslassen. Stattdessen krümmten sich ihre Finger noch etwas stärker. Der Schmerz in seinem Gesicht verschärfte sich sofort, sein Herz stolperte erneut unter ihrem Griff, und die rote Energie um Syrenas Hand wurde heller, obwohl wieder Blut aus ihrer Nase trat. Syrena schenkte ihm ein beinahe freundliches Lächeln. „Danke. Das war tatsächlich hilfreich.“
Die roten Fäden zwischen ihren Fingern flackerten nur noch dünn, und genau das traf ihren Stolz fast schlimmer als der Schmerz selbst. Niemand beförderte Syrena Blackwell auf die Knie! Niemand schrieb ihr vor, wann sie ihre Magie benutzen durfte, niemand schoss sie Stück für Stück weich, bis sie gehorchte. Und ganz sicher nahm niemand ihr diese Münze ab. Nicht an ihn. Die Entscheidung saß inzwischen tiefer als jeder vernünftige Gedanke daran, einfach Wolfram & Hart Bericht zu erstatten. Zwölf, ein Mädchen und eine Spur. Und Syrena war längst zu wütend, um all das wieder ordentlich in irgendeine berufliche Schublade zurückzusortieren.
Dann hörte sie ausgerechnet Antares’ Stimme. Syrenas Kopf hob sich ruckartig, und für einen winzigen Augenblick passten die Bilder nicht zusammen: Der schwarze Kater auf dem Mauervorsprung, den sie kaum eines Blickes gewürdigt hatte, und Antares, der nun aus dem Schatten trat. Natürlich. Natürlich war dieser verdammte Kater Antares gewesen! Und natürlich hatte er hier gesessen und zugesehen.
Wie lange genau, würde er ihr später erklären dürfen, doch sein „Meinetwegen könntet ihr weiterhin Löcher in sie schießen“ half ihm bereits hervorragend dabei, ihre miserable Stimmung noch weiter zu verschlechtern. Wie großzügig. Doch jetzt eine große Klappe zu haben war allerdings keine Leistung, das sollte er sich ja nicht einbilden!
Ihre Wut bekam einen weiteren Adressaten. Trotzdem registrierte Syrena, wann Antares sich eingemischt hatte. Nicht beim ersten Schuss, nicht bei Vincire. Erst nachdem gefallen war, wozu die Münze diente. Zwölf. Sein Zorn im Valen, das zerknüllte Poliertuch, dieser beinahe blanke Hass in seinen Augen – plötzlich ergab es ein ausgesprochen lästiges Bild. Ausgerechnet Antares Lexington besaß offenbar tatsächlich eine moralische Grenze. Und Kinder lagen auf der richtigen Seite davon. Verächtlich schnaubte die Hexe. Eine Frau, die ihn kurioserweise mit jeder Faser geliebt hatte, gehörte da jedoch offenbar nicht dazu!
Sein „Invisibilis“ ließ ihn für gewöhnliche Augen verschwinden, doch Syrena spürte die Verzerrung seiner Magie trotz Vincire noch am Rand ihrer Wahrnehmung. Sie sah nicht jedes Detail, aber genug. Er griff offenbar den Schützen an und traf ihn recht gezielt an der Schläfe, bevor der Mann benommen zusammensackte, und kurz darauf war der Revolver fort – in ein Insekt verwandelt, das sich irgendwo in die Nacht verabschiedete. Na, diese Form der Körperbeherrschung schien ihm offenbar noch nicht verloren gegangen zu sein. Mehr Anerkennung würde Antares dafür nicht bekommen.
Dann richtete er seine Magie auf den anderen Mann, und Syrena spürte die Veränderung sofort. Vincire zuckte. Der Druck um ihre Arme verlor seine Geschlossenheit. Ihre Finger bekamen einen Hauch mehr Raum, und die roten Fäden, die bisher direkt an der unsichtbaren Grenze des Banns verendet waren, griffen plötzlich weiter.
Antares’ „Du hast sie wütend gemacht und das war ein schwerer Fehler“ ließ beinahe ein trockenes Lachen in ihr aufsteigen. Du übrigens auch. Er hatte zugesehen, sie provoziert und benahm sich jetzt, als wäre ausschließlich der Magier verantwortlich. Das wirklich Ärgerliche war nur, dass er im Grunde auch recht hatte. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, was ihre Wut bedeutete. Gleichzeitig verschaffte es ihr eine gewisse Genugtuung, da sie ihm auf diese Weise scheinbar gut im Gedächtnis geblieben war.
Als Antares’ violette Lichtkugeln den Magier trafen und dessen Konzentration endgültig ins Wanken geriet, brach Vincire weit genug auf. Syrena sprang nicht auf; ihr rechtes Bein hätte ihr diese Würde ohnehin verweigert. Stattdessen richtete sie sich auf einem Knie höher auf, hob langsam den Kopf und zog ihre Magie beinahe gierig zurück zu sich.
Die roten Fäden wurden kräftiger, krochen über ihre Finger und griffen wieder hinaus in die Gasse. Noch nicht sauber. Noch nicht vollständig. Aber genug. Der Schütze versuchte sich gerade wieder aufzurappeln, nachdem Antares ihm zusätzlich das Knie ins Gesicht gerammt hatte. Syrenas Blick fand ihn und fixierte ihn sogleich. Der Mann, der sie zweimal angeschossen hatte. Der sie kontrollieren, schwächen und zum Gehorchen bringen wollte. Der ihre Versace-Lederjacke durchlöchert hatte.
Ihre Magie griff nach ihm – und diesmal kam sie an. Der Mann wurde vom Boden gerissen und mit solcher Wucht gegen die Backsteinwand geschleudert, dass sein Hinterkopf hart aufschlug, doch Syrena dachte gar nicht daran, ihn danach loszulassen. Unsichtbarer Druck presste ihn an das Mauerwerk, während ihr kaltes Lächeln langsam zurückkehrte.
Ihr Blick glitt zum großen Müllcontainer neben der Wand. Metall schabte kreischend über den Asphalt, als Syrena ihn telekinetisch aus seiner Position riss. Der Mann begriff spätestens jetzt, was sie vorhatte. Sein Körper stemmte sich verzweifelt gegen den Druck, doch Syrena hielt ihn fest. Der Container schoss vor und traf ihn mit einem dumpfen, widerwärtigen Krachen. Luft und ein abgerissener Schrei wurden gleichzeitig aus ihm gepresst, doch die Hexe stoppte nicht. Ihre Magie zuckte heftig über ihre Hände, während sie den Container beinahe genüsslich weiter gegen ihn drückte. Knochen knackten erst vereinzelt, dann in einer hässlichen Folge. Etwas im Brustkorb gab nach. Blut lief an der Wand herab und zog sich dunkel unter dem Container hervor. Aus seinem nächsten Schrei wurde nur noch ein ersticktes Geräusch, bevor sein Körper unter dem zunehmenden Druck endgültig nachgab. Syrena hielt trotzdem noch einen Moment länger dagegen. Nicht weil es nötig gewesen wäre, sondern weil sie den Moment voll auskosten wollte. Weil er sie angeschossen hatte, versucht hatte, sie zu brechen. Weil er für Ashcroft arbeitete und weil irgendwo ein zwölfjähriges Mädchen für diese Menschen offenbar nur Ware war. Und weil er ihre verdammte Jacke ruiniert hatte. Und weil der Magier daneben sehr genau sehen sollte, was geschah, wenn Syrena Blackwell ihre Bewegungsfreiheit zurückbekam. Mit ihm war sie schließlich noch nicht fertig.
Erst als keinerlei Bewegung mehr von ihm kam, ließ Syrena den Griff nach. Ihre Wut sank nicht vollständig, aber ihr schlimmster Gipfel war vorbei. Sie blickte auf das Blut, dann auf ihren zerschossenen Ärmel und zuckte mit der unverletzten Schulter. „Er hat meine Jacke ruiniert.“
Antares bekam danach genau den Blick, den er verdient hatte: Kühl, gereizt und weit entfernt von Dankbarkeit. Er durfte sich auf keinen Fall einbilden, er hätte sie gerettet. Er hatte den Schützen entwaffnet und dem Magier die Konzentration genommen. Das bedeutete jedoch noch lange nicht, dass Syrena vergessen würde, wie lange er sich teilnahmslos ihre Demütigung angesehen hatte.
Den Rest hatte sie selbst erledigt. Zumindest war das die Version, mit der sie hervorragend leben konnte. Viel störender war ohnehin, dass Antares nicht wegen ihr eingeschritten war. Er war wegen der Münze eingeschritten, wegen des Mädchens. Und Syrena hatte dieselbe Münze trotz zweier Kugeln nicht herausgegeben. Diese Gemeinsamkeit war so lästig, dass sie sie am liebsten sofort wieder aus ihrem Kopf verbannt hätte. Doch der Vincire-Magier lebte noch, angeschlagen, aber lebendig genug, um nützlich zu sein. Vorerst.
Syrena verlagerte ihr Gewicht vorsichtig auf das unverletzte Bein und griff telekinetisch nach dem Mann, bevor dieser auch nur auf die Idee kommen konnte, erneut zu zaubern. Seine Schultern wurden gegen die Wand gepresst, während ihre roten Fäden unruhig über die Finger liefen. Die Magie gehorchte wieder, aber sie kostete Kraft, mehr als Syrena gefiel. Mit der freien Hand griff sie in ihre Tasche und holte die Resonanzmünze hervor. Auf ihrer Handfläche wirkte sie beinahe unscheinbar, bis ein matter Schimmer über das Metall kroch. Sehr schwach, kaum mehr als ein Pulsieren.
Syrenas Augen verengten sich. Dann sah sie wieder zu dem Magier. „Wie finde ich das Mädchen?“ Ihre Stimme war ruhig, zu ruhig. Gleichzeitig verlagerte sich ihre Magie nicht länger nur auf Schultern und Gliedmaßen. Syrena tastete tiefer, bis sie den schnellen Rhythmus in seiner Brust erfasste. Sein Herz. Ihre Finger krümmten sich leicht. Der Mann riss die Augen auf, als brutaler Schmerz durch seinen Brustkorb fuhr. Syrena zog, wirklich nur ein wenig. Gerade genug, dass sein Herzschlag ins Stolpern geriet und sein Atem in kurzen, panischen Stößen kam. „Ich würde antworten.“ Ihre Stimme klang fast schon liebevoll, während sie ihm mit einem eiskalten Lächeln zublinzelte.
Er tat es. Mühsam, mit zusammengepressten Zähnen und zwischen Atemzügen, die kaum noch gleichmäßig kamen. „Sie… trägt ihre Signatur. Die Münze. Die magische Signatur des Mädchens.“
Syrena hielt den Druck. „Je näher… je richtiger die Richtung… desto stärker die Resonanz. Das Leuchten.“ Ihr Blick fiel auf die Münze. Also deshalb. Kein bloßer Beweis für Ashcrofts Handel, sondern eine Spur. Dann spürte sie etwas Warmes an ihrer Oberlippe. Der erste dünne Blutstreifen lief bis an ihren Mundwinkel. Auch noch Nasenbluten! Ihr Körper begann den Preis einzufordern: Der pochende Oberarm, der brennende Oberschenkel, Vincire, die Magie, die sie trotzdem mit Gewalt weitertrieb. Syrena wischte das Blut mit dem Handrücken weg und sah den roten Streifen darauf mit tiefer persönlicher Beleidigung an. Ihr eigener Körper wagte es gerade, vor Publikum zuzugeben, dass selbst sie die beiden Treffer und Vincire nicht völlig unbeeindruckt wegsteckte. Jetzt erst recht.
Die Münze glomm schwach in ihrer Hand. Syrena wusste jetzt, wie sie das Mädchen finden konnte. Nicht, wie Ashcroft die Münze eingesetzt hätte – sondern wie sie dieser Spur folgen konnte. Erst jetzt bemerkte sie diesen Unterschied wirklich, und er gefiel ihr nicht. Es ging sie nichts an, das hatte sie sich oft genug gesagt. Nur war diese Behauptung inzwischen ziemlich lächerlich geworden, während sie angeschossen in einer Gasse stand, einen Mann zwischen Container und Wand zerquetscht hatte und einem zweiten telekinetisch das Herz aus der Brust ziehen wollte, weil beide versucht hatten, ihr die Spur zu einem zwölfjährigen Mädchen abzunehmen.
Es geht mich nichts an. Der Gedanke klang nicht einmal mehr überzeugend genug, um sie selbst zu täuschen. Syrenas Blick hob sich wieder zu dem Magier. Sie hatte ihre Antwort. Sie könnte ihn jetzt loslassen. Stattdessen krümmten sich ihre Finger noch etwas stärker. Der Schmerz in seinem Gesicht verschärfte sich sofort, sein Herz stolperte erneut unter ihrem Griff, und die rote Energie um Syrenas Hand wurde heller, obwohl wieder Blut aus ihrer Nase trat. Syrena schenkte ihm ein beinahe freundliches Lächeln. „Danke. Das war tatsächlich hilfreich.“

