02.09.2026, 11:30
Für einen kaum greifbaren Augenblick veränderte sich etwas in Antares’ Gesicht. Syrena hätte es vermutlich übersehen, hätte sie ihn nicht ohnehin mit jener besonderen Aufmerksamkeit betrachtet, die Menschen zuteilwurde, denen sie am liebsten gleichzeitig widersprechen und etwas an den Kopf werfen wollte. Etwas Großes, Schweres und vor allem Hartes. Der selbstgefällige Ausdruck war fort, ersetzt durch etwas Dunkleres.
Da war etwas gewesen. Vielleicht hatte eine ihrer Spitzen tatsächlich getroffen. Die Vorstellung war befriedigend, doch ehe sie sich daran erfreuen konnte, war der Moment verschwunden. Und sie hatte weder Zeit noch Interesse daran, Antares Lexingtons Seelenleben zu sezieren.
Sein anschließendes Lachen und die Bemerkung darüber, dass sie Leid offenbar besonders gut ertragen konnte, entlockten ihr dagegen ein kaum merkliches Zucken des Mundwinkels. Nicht, weil der Spruch sie getroffen hätte. Dafür mochte Syrena sich selbst entschieden zu gern. Aber vollkommen erbärmlich war er zumindest nicht gewesen. Na bitte. Vier Jahre auf vier Pfoten hatten seinen Wortschatz offenbar doch nicht vollständig ruiniert.
Weniger amüsant wurde es, als Antares ihren Fluch als sein kleines Geschenk bezeichnete. Syrenas Augen verengten sich minimal. Seine Worte änderten nichts an dem, was sie bereits gespürt hatte: Die fremde Magie in seinem Anhänger war real. Vielleicht hatte er sich Unterstützung verschafft, ihrem Zauber zeitweise zu widerstehen. Das machte ihren Fluch noch lange nicht schwach.
Viel lästiger war ohnehin der Rest seiner Aussage. Er wusste, wer die Dämonin war. Und inzwischen wusste er genauso gut, dass Syrena es nicht wusste. Wie reizend. Jetzt wusste der Kater auch noch, dass er etwas wusste, das sie wissen wollte. Ihr Lächeln wurde schmaler. Wenn er jetzt noch selbstgefälliger wurde, musste sie überprüfen, ob menschliche Schädel wirklich so stabil waren, wie medizinische Lehrbücher behaupteten. Rein theoretisch selbstverständlich. Noch.
Als er behauptete, sie hielte sich angeblich für besser als alle in ihrer Umgebung, hob Syrena lediglich eine Braue. „Angeblich?“ Wenn er schon versuchte, sie zu beleidigen, konnte er wenigstens bei den Tatsachen bleiben.
Sein „Have fun“ beantwortete sie nicht mehr. Dafür veränderte sich beinahe zeitgleich die Magie hinter dem Tresen. Der Schleier war subtil, für Syrena jedoch sofort spürbar. Natürlich sah sie hindurch, ohne den Zauber zu brechen oder auch nur anzutasten. Hinter der harmlosen Cocktailzubereitung kamen deutlich speziellere Zutaten zum Vorschein. Ein Eidechsenkopf verschwand im Shaker, danach raspelte Antares etwas von einem Einhornhorn ab, während sich seine Lippen in einem kaum hörbaren Zauberspruch bewegten.
Als er eine Schublade magisch öffnete und eine Phiole mit zähflüssigem roten Inhalt hervorholte, blieb Syrenas Aufmerksamkeit daran hängen. Was zur Hölle war das? Nur wenige Tropfen landeten in der Mischung, bevor diese grellorange aufleuchtete. Das eigentlich Ärgerliche daran war nicht einmal, was er dort zusammenmischte. Das Ärgerlichste war, dass der Mistkerl offensichtlich genau wusste, was er tat. Kein Zögern, keine Unsicherheit. Der Zauber saß, die Dosierung ebenfalls. Syrena kannte genug schlechte Hexer, um Kompetenz zu erkennen, wenn sie sie sah, und ausgerechnet Antares diese zugestehen zu müssen, fühlte sich beinahe wie eine persönliche Beleidigung an. Natürlich musste er ausgerechnet darin gut sein. Was genau dieser eigenartige Cocktail allerdings bewirken sollte, blieb selbst der dunklen Hexe verborgen.
Seine nächste Bemerkung lieferte ihr dafür etwas Brauchbareres. Seit er hier arbeitete, hatte er offenbar noch niemanden erlebt, der dumm genug gewesen war, diese Dämonin offen anzugehen. Die Frau war bekannt. Ihre Gefährlichkeit ebenfalls. Selbst in einem Club wie diesem schien niemand darauf erpicht zu sein, sie herauszufordern. Wie reizend. Eine wandelnde gesellschaftliche Sperrzone. Angst löste das in Syrena nicht aus. Aufmerksamkeit schon. Ihr Auftrag lautete beobachten, nicht konfrontieren.
Als Antares ihr anschließend mit „Deine Beobachtungsgabe ist phänomenal“ die kalte Schulter zeigte, sah Syrena ihm einen Moment hinterher, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, ihn zurückzurufen. Das fehlte noch! Sollte er ruhig glauben, er hätte gewonnen, weil er ihr den Namen vorenthielt. Tatsächlich hatte er längst mehr verraten, als ihm vermutlich bewusst war: Er kannte nicht nur die Frau, sondern offenbar auch ihre Gewohnheiten gut genug, um ihre Bestellung ohne Nachfrage vorzubereiten. Sollte er ruhig glauben, er hätte ihr nichts gegeben.
Dass er sich demonstrativ wieder den Frauen widmete, änderte daran nichts. Syrena hatte längst genug von seinem Bedürfnis gesehen, sich vor Publikum aufzuspielen. Wenn er glaubte, dieses Theater würde sie unruhig machen, kannte er sie schlechter, als sie gedacht hatte.
Die Bedienung mit dem blickdichten Gefäß kam kaum weit. Die Dämonin löste sich bereits von Ashcrofts Tisch und bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit durch den Raum, als gehörten ihr der Weg und alle, die ihn freimachten. Niemand musste ihr etwas bringen, sie kam selbst. An der Theke griff sie nach dem für sie bestimmten Gefäß, ohne den Eindruck zu erwecken, eine Erlaubnis jemals nötig zu haben.
Plötzlich stand die Frau, vor der Antares sie nun zweimal gewarnt hatte, unmittelbar neben ihr. Syrena wich keinen Zentimeter zurück. Lediglich ihre Haltung wurde kontrollierter, ihre Aufmerksamkeit messerscharf. Ihre Magie blieb dicht unter der Oberfläche, unangetastet, aber bereit.
Während die Dämonin ihren Drink an sich nahm, glitt etwas Kleines über die Theke und blieb vor Syrena liegen. Eine Münze, kaum zwei Zentimeter im Durchmesser, unscheinbar genug, dass jeder gewöhnliche Beobachter sie für wertlos gehalten hätte. Syrena nicht. Noch bevor ihre Finger sie berührten, spürte sie die Magie darin. Keine bloß gebundene Kraft wie bei einem Amulett, sondern eine feine Resonanz, als wäre das Metall auf etwas Bestimmtes ausgerichtet. Syrena ließ die Münze unter ihrer Hand verschwinden und steckte sie ein, ohne eine Frage zu stellen. Warum zur Hölle gab diese Frau ausgerechnet ihr das Ding, das Ashcroft offenbar nicht bekommen sollte?
„Ashcroft hat entdeckt, dass sich Potential besser verkauft, bevor es ausgewachsen ist.“ Syrena sah die Dämonin aufmerksam an. Potential, junges Potential also. Dämonen vielleicht, noch nicht ausgereifte Kräfte, seltene Begabungen. Alles davon passte problemlos in die Art von Geschäft, die Männer wie Gideon Ashcroft betrieben. Die Dämonin prostete ihr zu, was offensichtlich Teil ihrer Tarnung war. „Das letzte Ziel hätte eigentlich morgen wieder zur Schule gemusst.“ Syrena prostete ebenfalls und nippte an ihrem Cosmo. Nicht irgendein junger Dämon. Ein Kind. „Das Mädchen ist zwölf.“
Zwölf. Hörbar schluckte Syrena ihren Cosmo herunter, doch äußerlich ließ sie sich nichts anmerken, obwohl die Zahl sich in ihrem Kopf festfraß. Moment! Zwölf war zunächst eine Information, ein Fakt innerhalb eines Auftrags, der gerade deutlich komplexer geworden war. Sie arbeitete nicht für eine Wohltätigkeitsorganisation und hatte nie behauptet, moralisch besonders sauber zu sein. Menschen benutzten andere Menschen. Dämonen taten es ebenfalls. Macht wurde verkauft, gestohlen oder aus Dingen gewonnen, über die vernünftige Leute lieber nicht nachdachten. Auch Syrena selbst hatte Grenzen überschritten, bei denen andere vermutlich längst moralische Reden gehalten hätten. Das allein beeindruckte sie also nicht.
Und trotzdem ließ sich dieses verdammte zwölf nicht so glatt zwischen den übrigen Informationen verstauen, wie sie es gern gehabt hätte. Was sie störte, war die unangenehme Konkretheit der Zahl. Zwölf ließ sich nicht hinter Begriffen wie Potential, Ware oder Ziel verstecken. Zwölf hatte Schulunterricht, Geburtstage und wahrscheinlich Eltern, die nicht wussten, mit wem Ashcroft Geschäfte machte. Oder sogar Eltern, die genau wussten, wie lukrativ ihr eigenes Fleisch und Blut sein konnte. Syrena kannte sämtliche Schlechtigkeiten dieser Welt, denn sie war ein Teil davon. Genau das machte die Information jedoch lästiger, als sie sein sollte.
Die Dämonin wandte ihren Kopf in Antares’ Richtung. „An deiner Stelle würde ich deine Freundin nicht allein mit Ashcroft gehen lassen.“ Syrena hatte gerade erneut an ihrem Cosmopolitan angesetzt und verschluckte sich beinahe. Gerade so bekam sie den Schluck noch hinunter und stieß lediglich ein winzig kleines, leises Husten aus.
Seine was?! Sie setzte das Glas mit etwas mehr Nachdruck ab als nötig und drehte den Kopf zu Antares. „Ich bin vieles, aber garantiert nicht SEINE Freundin!“ Die Betonung auf dem letzten Wort ließ keinerlei Zweifel daran, wie absurd allein der Gedanke in ihren Augen war. Ausgerechnet Antares. Irgendwo mussten selbst Beleidigungen Grenzen haben. So funkelte sie die Dämonin giftig an, die sich davon jedoch so gar nicht beeindrucken ließ.
Denn damit schien für die ältere Dame alles gesagt zu sein. Sie nahm ihren Drink und entfernte sich wieder von der Theke, während Syrena mit einer kleinen Münze, einer deutlich größeren Informationslücke und ausgerechnet Antares Lexington zurückblieb. Das war also ihr Auftrag gewesen? Ashcroft beobachten, seinen Kontakt identifizieren, möglicherweise ein Artefakt erkennen. Oder hatte sich dieser Auftrag gerade verselbständigt? Was wusste Wolfram & Hart bereits? Was hatte man ihr vielleicht bewusst nicht gesagt? Und galt weiterhin dieselbe Anweisung? Ja. Sie war hier, um Ashcroft zu beobachten. Also würde sie Ashcroft beobachten. Vorerst. Sie würde nicht mitten in einem Club irgendeine impulsive Rettungsmission starten, nur weil eine gefährliche Dämonin ihr drei Sätze und eine Münze zugeschoben hatte. Dafür war sie weder naiv noch dumm.
Nur dass zwischen all den professionellen Überlegungen weiterhin eine Zahl saß, die sich hartnäckig weigerte, wieder zu verschwinden. Zwölf. Syrenas Finger schlossen sich für einen Moment um die kleine Münze in ihrer Tasche. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Ashcroft. Was auch immer hier gerade passiert war, er blieb der Mittelpunkt ihres Auftrags. Erst danach sah sie noch einmal zu Antares hinüber. Eine hochgefährliche Dämonin hatte sie gerade praktisch zu einem unfreiwilligen Team erklärt, und vermutlich würde der Kater allein deswegen schon unerträglich werden. Der Abend entwickelte wirklich einen immer schlechteren Sinn für Humor.
Da war etwas gewesen. Vielleicht hatte eine ihrer Spitzen tatsächlich getroffen. Die Vorstellung war befriedigend, doch ehe sie sich daran erfreuen konnte, war der Moment verschwunden. Und sie hatte weder Zeit noch Interesse daran, Antares Lexingtons Seelenleben zu sezieren.
Sein anschließendes Lachen und die Bemerkung darüber, dass sie Leid offenbar besonders gut ertragen konnte, entlockten ihr dagegen ein kaum merkliches Zucken des Mundwinkels. Nicht, weil der Spruch sie getroffen hätte. Dafür mochte Syrena sich selbst entschieden zu gern. Aber vollkommen erbärmlich war er zumindest nicht gewesen. Na bitte. Vier Jahre auf vier Pfoten hatten seinen Wortschatz offenbar doch nicht vollständig ruiniert.
Weniger amüsant wurde es, als Antares ihren Fluch als sein kleines Geschenk bezeichnete. Syrenas Augen verengten sich minimal. Seine Worte änderten nichts an dem, was sie bereits gespürt hatte: Die fremde Magie in seinem Anhänger war real. Vielleicht hatte er sich Unterstützung verschafft, ihrem Zauber zeitweise zu widerstehen. Das machte ihren Fluch noch lange nicht schwach.
Viel lästiger war ohnehin der Rest seiner Aussage. Er wusste, wer die Dämonin war. Und inzwischen wusste er genauso gut, dass Syrena es nicht wusste. Wie reizend. Jetzt wusste der Kater auch noch, dass er etwas wusste, das sie wissen wollte. Ihr Lächeln wurde schmaler. Wenn er jetzt noch selbstgefälliger wurde, musste sie überprüfen, ob menschliche Schädel wirklich so stabil waren, wie medizinische Lehrbücher behaupteten. Rein theoretisch selbstverständlich. Noch.
Als er behauptete, sie hielte sich angeblich für besser als alle in ihrer Umgebung, hob Syrena lediglich eine Braue. „Angeblich?“ Wenn er schon versuchte, sie zu beleidigen, konnte er wenigstens bei den Tatsachen bleiben.
Sein „Have fun“ beantwortete sie nicht mehr. Dafür veränderte sich beinahe zeitgleich die Magie hinter dem Tresen. Der Schleier war subtil, für Syrena jedoch sofort spürbar. Natürlich sah sie hindurch, ohne den Zauber zu brechen oder auch nur anzutasten. Hinter der harmlosen Cocktailzubereitung kamen deutlich speziellere Zutaten zum Vorschein. Ein Eidechsenkopf verschwand im Shaker, danach raspelte Antares etwas von einem Einhornhorn ab, während sich seine Lippen in einem kaum hörbaren Zauberspruch bewegten.
Als er eine Schublade magisch öffnete und eine Phiole mit zähflüssigem roten Inhalt hervorholte, blieb Syrenas Aufmerksamkeit daran hängen. Was zur Hölle war das? Nur wenige Tropfen landeten in der Mischung, bevor diese grellorange aufleuchtete. Das eigentlich Ärgerliche daran war nicht einmal, was er dort zusammenmischte. Das Ärgerlichste war, dass der Mistkerl offensichtlich genau wusste, was er tat. Kein Zögern, keine Unsicherheit. Der Zauber saß, die Dosierung ebenfalls. Syrena kannte genug schlechte Hexer, um Kompetenz zu erkennen, wenn sie sie sah, und ausgerechnet Antares diese zugestehen zu müssen, fühlte sich beinahe wie eine persönliche Beleidigung an. Natürlich musste er ausgerechnet darin gut sein. Was genau dieser eigenartige Cocktail allerdings bewirken sollte, blieb selbst der dunklen Hexe verborgen.
Seine nächste Bemerkung lieferte ihr dafür etwas Brauchbareres. Seit er hier arbeitete, hatte er offenbar noch niemanden erlebt, der dumm genug gewesen war, diese Dämonin offen anzugehen. Die Frau war bekannt. Ihre Gefährlichkeit ebenfalls. Selbst in einem Club wie diesem schien niemand darauf erpicht zu sein, sie herauszufordern. Wie reizend. Eine wandelnde gesellschaftliche Sperrzone. Angst löste das in Syrena nicht aus. Aufmerksamkeit schon. Ihr Auftrag lautete beobachten, nicht konfrontieren.
Als Antares ihr anschließend mit „Deine Beobachtungsgabe ist phänomenal“ die kalte Schulter zeigte, sah Syrena ihm einen Moment hinterher, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, ihn zurückzurufen. Das fehlte noch! Sollte er ruhig glauben, er hätte gewonnen, weil er ihr den Namen vorenthielt. Tatsächlich hatte er längst mehr verraten, als ihm vermutlich bewusst war: Er kannte nicht nur die Frau, sondern offenbar auch ihre Gewohnheiten gut genug, um ihre Bestellung ohne Nachfrage vorzubereiten. Sollte er ruhig glauben, er hätte ihr nichts gegeben.
Dass er sich demonstrativ wieder den Frauen widmete, änderte daran nichts. Syrena hatte längst genug von seinem Bedürfnis gesehen, sich vor Publikum aufzuspielen. Wenn er glaubte, dieses Theater würde sie unruhig machen, kannte er sie schlechter, als sie gedacht hatte.
Die Bedienung mit dem blickdichten Gefäß kam kaum weit. Die Dämonin löste sich bereits von Ashcrofts Tisch und bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit durch den Raum, als gehörten ihr der Weg und alle, die ihn freimachten. Niemand musste ihr etwas bringen, sie kam selbst. An der Theke griff sie nach dem für sie bestimmten Gefäß, ohne den Eindruck zu erwecken, eine Erlaubnis jemals nötig zu haben.
Plötzlich stand die Frau, vor der Antares sie nun zweimal gewarnt hatte, unmittelbar neben ihr. Syrena wich keinen Zentimeter zurück. Lediglich ihre Haltung wurde kontrollierter, ihre Aufmerksamkeit messerscharf. Ihre Magie blieb dicht unter der Oberfläche, unangetastet, aber bereit.
Während die Dämonin ihren Drink an sich nahm, glitt etwas Kleines über die Theke und blieb vor Syrena liegen. Eine Münze, kaum zwei Zentimeter im Durchmesser, unscheinbar genug, dass jeder gewöhnliche Beobachter sie für wertlos gehalten hätte. Syrena nicht. Noch bevor ihre Finger sie berührten, spürte sie die Magie darin. Keine bloß gebundene Kraft wie bei einem Amulett, sondern eine feine Resonanz, als wäre das Metall auf etwas Bestimmtes ausgerichtet. Syrena ließ die Münze unter ihrer Hand verschwinden und steckte sie ein, ohne eine Frage zu stellen. Warum zur Hölle gab diese Frau ausgerechnet ihr das Ding, das Ashcroft offenbar nicht bekommen sollte?
„Ashcroft hat entdeckt, dass sich Potential besser verkauft, bevor es ausgewachsen ist.“ Syrena sah die Dämonin aufmerksam an. Potential, junges Potential also. Dämonen vielleicht, noch nicht ausgereifte Kräfte, seltene Begabungen. Alles davon passte problemlos in die Art von Geschäft, die Männer wie Gideon Ashcroft betrieben. Die Dämonin prostete ihr zu, was offensichtlich Teil ihrer Tarnung war. „Das letzte Ziel hätte eigentlich morgen wieder zur Schule gemusst.“ Syrena prostete ebenfalls und nippte an ihrem Cosmo. Nicht irgendein junger Dämon. Ein Kind. „Das Mädchen ist zwölf.“
Zwölf. Hörbar schluckte Syrena ihren Cosmo herunter, doch äußerlich ließ sie sich nichts anmerken, obwohl die Zahl sich in ihrem Kopf festfraß. Moment! Zwölf war zunächst eine Information, ein Fakt innerhalb eines Auftrags, der gerade deutlich komplexer geworden war. Sie arbeitete nicht für eine Wohltätigkeitsorganisation und hatte nie behauptet, moralisch besonders sauber zu sein. Menschen benutzten andere Menschen. Dämonen taten es ebenfalls. Macht wurde verkauft, gestohlen oder aus Dingen gewonnen, über die vernünftige Leute lieber nicht nachdachten. Auch Syrena selbst hatte Grenzen überschritten, bei denen andere vermutlich längst moralische Reden gehalten hätten. Das allein beeindruckte sie also nicht.
Und trotzdem ließ sich dieses verdammte zwölf nicht so glatt zwischen den übrigen Informationen verstauen, wie sie es gern gehabt hätte. Was sie störte, war die unangenehme Konkretheit der Zahl. Zwölf ließ sich nicht hinter Begriffen wie Potential, Ware oder Ziel verstecken. Zwölf hatte Schulunterricht, Geburtstage und wahrscheinlich Eltern, die nicht wussten, mit wem Ashcroft Geschäfte machte. Oder sogar Eltern, die genau wussten, wie lukrativ ihr eigenes Fleisch und Blut sein konnte. Syrena kannte sämtliche Schlechtigkeiten dieser Welt, denn sie war ein Teil davon. Genau das machte die Information jedoch lästiger, als sie sein sollte.
Die Dämonin wandte ihren Kopf in Antares’ Richtung. „An deiner Stelle würde ich deine Freundin nicht allein mit Ashcroft gehen lassen.“ Syrena hatte gerade erneut an ihrem Cosmopolitan angesetzt und verschluckte sich beinahe. Gerade so bekam sie den Schluck noch hinunter und stieß lediglich ein winzig kleines, leises Husten aus.
Seine was?! Sie setzte das Glas mit etwas mehr Nachdruck ab als nötig und drehte den Kopf zu Antares. „Ich bin vieles, aber garantiert nicht SEINE Freundin!“ Die Betonung auf dem letzten Wort ließ keinerlei Zweifel daran, wie absurd allein der Gedanke in ihren Augen war. Ausgerechnet Antares. Irgendwo mussten selbst Beleidigungen Grenzen haben. So funkelte sie die Dämonin giftig an, die sich davon jedoch so gar nicht beeindrucken ließ.
Denn damit schien für die ältere Dame alles gesagt zu sein. Sie nahm ihren Drink und entfernte sich wieder von der Theke, während Syrena mit einer kleinen Münze, einer deutlich größeren Informationslücke und ausgerechnet Antares Lexington zurückblieb. Das war also ihr Auftrag gewesen? Ashcroft beobachten, seinen Kontakt identifizieren, möglicherweise ein Artefakt erkennen. Oder hatte sich dieser Auftrag gerade verselbständigt? Was wusste Wolfram & Hart bereits? Was hatte man ihr vielleicht bewusst nicht gesagt? Und galt weiterhin dieselbe Anweisung? Ja. Sie war hier, um Ashcroft zu beobachten. Also würde sie Ashcroft beobachten. Vorerst. Sie würde nicht mitten in einem Club irgendeine impulsive Rettungsmission starten, nur weil eine gefährliche Dämonin ihr drei Sätze und eine Münze zugeschoben hatte. Dafür war sie weder naiv noch dumm.
Nur dass zwischen all den professionellen Überlegungen weiterhin eine Zahl saß, die sich hartnäckig weigerte, wieder zu verschwinden. Zwölf. Syrenas Finger schlossen sich für einen Moment um die kleine Münze in ihrer Tasche. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Ashcroft. Was auch immer hier gerade passiert war, er blieb der Mittelpunkt ihres Auftrags. Erst danach sah sie noch einmal zu Antares hinüber. Eine hochgefährliche Dämonin hatte sie gerade praktisch zu einem unfreiwilligen Team erklärt, und vermutlich würde der Kater allein deswegen schon unerträglich werden. Der Abend entwickelte wirklich einen immer schlechteren Sinn für Humor.

