30.08.2026, 22:42
Liliths Mundwinkel zuckten einen Moment lang amüsiert, als Jezahel ihre gewählte Metapher so selbstverständlich annahm und mit Blick auf ihre Füße mutmaßte, dass sie besser darauf achten sollte, wohin sie trat. Dennoch überraschte sie die lockere Erwiderung auf ihre leicht provokanten Aussagen mindestens ebenso sehr, wie sie sie amüsierte. Die Jezahel, der sie zuletzt begegnet war, hätte nicht derart spielerisch auf Andeutungen reagiert, die ihre Zugehörigkeit infrage stellten. Ihre Natur. Es gab gute Gründe, warum sie in der Position arbeitete, in der sie sich befand – Eignung, Loyalität, Zuverlässigkeit. Überzeugung.
Aber nun stand sie hier, an der Bar im sündigsten Club von Los Angeles, und ließ sich auf eine Unterhaltung mit ihr ein, die unterschwellig Grenzen auslotete… oder zumindest mit der Idee spielte, sie zu verschieben. Das war womöglich Liliths liebster Zeitvertreib, in privaten wie beruflichen Begegnungen. Sie hatte nur niemals damit gerechnet, dass Jezahel darauf einstieg.
Und mehr noch – sie setzte sogar nach.
„Ich hatte eigentlich vor, es nicht darauf ankommen zu lassen“
„Eigentlich?“ Lilith griff das Wort, das sich ihr nahezu aufgedrängt hatte, augenblicklich auf. Derartige Einladungen ungenutzt im Raum stehen zu lassen, widersprach fundamental ihrer Natur. Sie musterte Jezahel mit einem prüfenden Blick.
„Das klingt verdächtig nach einer Hintertür.“ Worte trugen Bedeutung, die unbewusst fallen gelassenen meist noch vielmehr als die, die man im Gespräch wohlbedacht und sorgsam auswählte. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie, sogar eine körperliche Reaktion an ihrer Gesprächspartnerin wahrnehmen zu können. Ein Zucken ihrer Augenlider, das nicht passte zum Bild, das sie sich sonst so sehr bemühte abzugeben – das der souveränen Geschäftsfrau, die hier war wegen eines Auftrags, sonst nichts weiter.
Und zum ersten Mal an diesem Abend verfluchte Lilith sich womöglich ein klein wenig dafür, dass sie nicht bei klarem Verstand war. Ihr Kopf fühlte sich langsam an, und es gelang ihr einfach nicht, die Eindrücke, die sie sammelte, schnell genug zu verarbeiten um sie so zusammenzusetzen, wie sie das normalerweise tun würde, wenn sie jemanden las. Um eben genau die Dinge abzuleiten, die nicht offen gesagt wurden.
Jetzt gerade war sie Analphabetin, und anders als mit dem Rest ihrer Fähigkeiten, die sie kürzlich hatte einbüßen müssen, hatte sie diesen Verlust niemandem zuzuschreiben als sich selbst… beziehungsweise den Substanzen, mit denen sie ihren eigenen Geist getrübt hatte. So sehr sie Gefallen gefunden hatte an der Wirkung, die Nox auf sie hatte; das hier war die erste Situation seit Tagen, in der sie sich wünschte, nüchtern(er) zu sein. Weil Jaze sich anders anfühlte als sonst – jenseits ihrer so ungewöhnlichen Kleidung und der Tatsache, dass sie hier im Valen an der Bar saß – aber sie einfach nicht greifen konnte, was genau es war.
Womöglich machte sie das nun für Lilith allerdings nur noch spannender.
Kurz darauf wurden ihre Drinks serviert, und Lilith nahm mit einer gewissen Genugtuung wahr, dass Jezahel sich zufrieden mit ihrer Auswahl zeigte, während sie ihr eigenes Glas an die Lippen hob. Sie ließ ihrem Black Manhattan den kurzen Moment, sich zu entfalten, genoss die herbe, trockene Schwere und die angenehme Wärme, die sich langsam über ihre Zunge und den Rachen legte, dicht gefolgt von der Bitterkeit, die eine Weile nachhing. Guter Alkohol verdiente den Raum, geschmeckt zu werden.
Dann erwiderte sie das Grinsen ihrer Gesprächspartnerin mit einem ihrer eigenen, allerdings deutlich geprägt von einer gewissen Erheiterung, als ihr erneut eine Art verbale Hintertür in Jazes Formulierung auffiel.
„Mh… noch ein paar andere Dinge auf der Liste, die du eigentlich nicht vorhast zu tun?“, hakte sie augenblicklich nach, in deutlich kokettem Unterton. Dabei nahm sie den Spieß mit der in Brandy getränkten Kirsche aus ihrem Glas und drehte ihn kurz zwischen zwei Fingern, ehe sie die Kirsche schließlich in den Mund nahm. Deren Süße und der Geschmack des Brandys waren ein willkommener Kontrast zur Bitterkeit, die noch auf ihrer Zunge lag.
Aussagen wie diese klangen in Liliths Ohren schlichtweg immer wie eine direkte Herausforderung, und welch ausgesprochen schlechte Gastgeberin wäre sie, wenn sie nicht noch mehr der Unterhaltung anbot, die das Valen bereithielt? Ob Jezahel bewusst war, wie sehr sie mit dem Club tatsächlich verwoben war, ob ihr der gesamte Hintergrund dessen, was hier vor sich ging, klar war – das konnte Lilith nicht sagen. Aber es spielte auch keine elementare Rolle; sie war niemandem verpflichtet, nicht mehr. Sie konnte tun und lassen, was sie als unterhaltsam empfand, und genau das tat sie.
„Solange wir darauf achten, wohin du trittst, versteht sich.“
Dass sie auf ihre recht direkte Frage zur Natur des Auftrags, den Jezahel hier heute Abend offensichtlich zu erledigen hatte, keine detaillierte Antwort erhielt, war für Lilith nicht sonderlich überraschend.
„Natürlich“, entgegnete sie daher, leicht schmunzelnd. Allerdings hatte Jezahel auch nicht abgestritten, dass es ein Auftrag war, und selbst wenn da nicht ihre persönliche Neugier auf ihre Person gewesen wäre – welche Interessen genau die Mächte der Ewigkeit oder sonstige himmlische Institutionen hier im Club verfolgten, wäre sicherlich auch für Mammon spannend zu erfahren. Oder wohl vielmehr Kisai, wenn sie ehrlich war.
Die Grenze allerdings konnte Lilith akzeptieren – es war schließlich nicht so, als hätte sie irgendwelche persönlichen Absichten oder Ziele, die hiervon gefährdet werden konnten. In der Vergangenheit hätte sie eine derartige Aussage wahrscheinlich noch einmal – wenn auch subtil – versucht, herauszufordern und doch noch zu erfahren, worum es ging, allein für den Fall, dass womöglich eine besonders wertvolle Seele involviert war. Nun jedoch war es ihr schlichtweg einerlei, und sie ließ das Thema fallen, zumindest für den Moment, ohne sichtbare Enttäuschung, ohne Widerstand.
Und dann bekam sie die Frage zurück. Verständlich, sehr wahrscheinlich hätte Lilith ähnlich reagiert, wären ihre Positionen vertauscht. Sie hob kaum merklich die Brauen ob der provokanten Formulierung, die ihr ebenfalls die Aussage als eine Tatsache unterstellte, so wie sie es gerade selbst getan hatte.
„Was macht meinen Abend plötzlich interessanter als deinen?“
„Ist er das?“ Das Lächeln auf ihren Lippen wurde wieder ein wenig deutlicher.
„Vielleicht lade ich einfach gern alte Freunde auf gute Getränke ein“, antwortete sie dann gelassen, griff nach ihrem Martini-Glas, hob es in einer angedeuteten Geste des gemeinsamen Trinkens an und nahm noch einen langsam-genussvollen Schluck.
„Vielleicht sehne ich mich schon seit Tagen nach intellektuell stimulierender Gesellschaft. Oder vielleicht gefällt mir dein Outfit, und ich erhoffe mir insgeheim, dass du mir später verrätst, wo du es her hast.“
Ihr Tonfall blieb spielerisch, sogar mit leichtem Witz, aber Lilith war sich sehr wohl bewusst, dass auch das nicht die Antwort war, die Jaze vermutlich hören wollte – aber Fakt war, dass es diese Antwort schlichtweg nicht gab. Sie war bekannt dafür, anderen um drei gedankliche Sprünge voraus zu sein, selten etwas ohne Plan in der Hinterhand zu tun und in den meisten Fällen auf ein Ziel hinzuarbeiten, wenn sie bewusst die Gesellschaft von jemandem suchte, der nicht zu ihrem inneren Kreis gehörte. Jezahel kannte sie nicht erst seit gestern, und sie war klug. Offensichtlich wusste sie allerdings noch nichts davon, wie sich Liliths Umstände kürzlich verändert hatten… und wie sehr sich das auf sie selbst und ihr Verhalten auswirkte, das war etwas, das Lilith selbst noch dabei war, für sich zu ergründen.
Bis dahin war ihre präferierte Methode schlichtweg Deflektion. Alles, was sie bisher wusste, war, dass sie es gerade vorzog, hier an der Bar zu bleiben, anstatt zu Morrow zurückzukehren… und fürs erste genügte ihr das. Sie folgte dem Bedürfnis, ohne sich Gedanken darüber zu machen, woher es kam.
Aber nun stand sie hier, an der Bar im sündigsten Club von Los Angeles, und ließ sich auf eine Unterhaltung mit ihr ein, die unterschwellig Grenzen auslotete… oder zumindest mit der Idee spielte, sie zu verschieben. Das war womöglich Liliths liebster Zeitvertreib, in privaten wie beruflichen Begegnungen. Sie hatte nur niemals damit gerechnet, dass Jezahel darauf einstieg.
Und mehr noch – sie setzte sogar nach.
„Ich hatte eigentlich vor, es nicht darauf ankommen zu lassen“
„Eigentlich?“ Lilith griff das Wort, das sich ihr nahezu aufgedrängt hatte, augenblicklich auf. Derartige Einladungen ungenutzt im Raum stehen zu lassen, widersprach fundamental ihrer Natur. Sie musterte Jezahel mit einem prüfenden Blick.
„Das klingt verdächtig nach einer Hintertür.“ Worte trugen Bedeutung, die unbewusst fallen gelassenen meist noch vielmehr als die, die man im Gespräch wohlbedacht und sorgsam auswählte. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie, sogar eine körperliche Reaktion an ihrer Gesprächspartnerin wahrnehmen zu können. Ein Zucken ihrer Augenlider, das nicht passte zum Bild, das sie sich sonst so sehr bemühte abzugeben – das der souveränen Geschäftsfrau, die hier war wegen eines Auftrags, sonst nichts weiter.
Und zum ersten Mal an diesem Abend verfluchte Lilith sich womöglich ein klein wenig dafür, dass sie nicht bei klarem Verstand war. Ihr Kopf fühlte sich langsam an, und es gelang ihr einfach nicht, die Eindrücke, die sie sammelte, schnell genug zu verarbeiten um sie so zusammenzusetzen, wie sie das normalerweise tun würde, wenn sie jemanden las. Um eben genau die Dinge abzuleiten, die nicht offen gesagt wurden.
Jetzt gerade war sie Analphabetin, und anders als mit dem Rest ihrer Fähigkeiten, die sie kürzlich hatte einbüßen müssen, hatte sie diesen Verlust niemandem zuzuschreiben als sich selbst… beziehungsweise den Substanzen, mit denen sie ihren eigenen Geist getrübt hatte. So sehr sie Gefallen gefunden hatte an der Wirkung, die Nox auf sie hatte; das hier war die erste Situation seit Tagen, in der sie sich wünschte, nüchtern(er) zu sein. Weil Jaze sich anders anfühlte als sonst – jenseits ihrer so ungewöhnlichen Kleidung und der Tatsache, dass sie hier im Valen an der Bar saß – aber sie einfach nicht greifen konnte, was genau es war.
Womöglich machte sie das nun für Lilith allerdings nur noch spannender.
Kurz darauf wurden ihre Drinks serviert, und Lilith nahm mit einer gewissen Genugtuung wahr, dass Jezahel sich zufrieden mit ihrer Auswahl zeigte, während sie ihr eigenes Glas an die Lippen hob. Sie ließ ihrem Black Manhattan den kurzen Moment, sich zu entfalten, genoss die herbe, trockene Schwere und die angenehme Wärme, die sich langsam über ihre Zunge und den Rachen legte, dicht gefolgt von der Bitterkeit, die eine Weile nachhing. Guter Alkohol verdiente den Raum, geschmeckt zu werden.
Dann erwiderte sie das Grinsen ihrer Gesprächspartnerin mit einem ihrer eigenen, allerdings deutlich geprägt von einer gewissen Erheiterung, als ihr erneut eine Art verbale Hintertür in Jazes Formulierung auffiel.
„Mh… noch ein paar andere Dinge auf der Liste, die du eigentlich nicht vorhast zu tun?“, hakte sie augenblicklich nach, in deutlich kokettem Unterton. Dabei nahm sie den Spieß mit der in Brandy getränkten Kirsche aus ihrem Glas und drehte ihn kurz zwischen zwei Fingern, ehe sie die Kirsche schließlich in den Mund nahm. Deren Süße und der Geschmack des Brandys waren ein willkommener Kontrast zur Bitterkeit, die noch auf ihrer Zunge lag.
Aussagen wie diese klangen in Liliths Ohren schlichtweg immer wie eine direkte Herausforderung, und welch ausgesprochen schlechte Gastgeberin wäre sie, wenn sie nicht noch mehr der Unterhaltung anbot, die das Valen bereithielt? Ob Jezahel bewusst war, wie sehr sie mit dem Club tatsächlich verwoben war, ob ihr der gesamte Hintergrund dessen, was hier vor sich ging, klar war – das konnte Lilith nicht sagen. Aber es spielte auch keine elementare Rolle; sie war niemandem verpflichtet, nicht mehr. Sie konnte tun und lassen, was sie als unterhaltsam empfand, und genau das tat sie.
„Solange wir darauf achten, wohin du trittst, versteht sich.“
Dass sie auf ihre recht direkte Frage zur Natur des Auftrags, den Jezahel hier heute Abend offensichtlich zu erledigen hatte, keine detaillierte Antwort erhielt, war für Lilith nicht sonderlich überraschend.
„Natürlich“, entgegnete sie daher, leicht schmunzelnd. Allerdings hatte Jezahel auch nicht abgestritten, dass es ein Auftrag war, und selbst wenn da nicht ihre persönliche Neugier auf ihre Person gewesen wäre – welche Interessen genau die Mächte der Ewigkeit oder sonstige himmlische Institutionen hier im Club verfolgten, wäre sicherlich auch für Mammon spannend zu erfahren. Oder wohl vielmehr Kisai, wenn sie ehrlich war.
Die Grenze allerdings konnte Lilith akzeptieren – es war schließlich nicht so, als hätte sie irgendwelche persönlichen Absichten oder Ziele, die hiervon gefährdet werden konnten. In der Vergangenheit hätte sie eine derartige Aussage wahrscheinlich noch einmal – wenn auch subtil – versucht, herauszufordern und doch noch zu erfahren, worum es ging, allein für den Fall, dass womöglich eine besonders wertvolle Seele involviert war. Nun jedoch war es ihr schlichtweg einerlei, und sie ließ das Thema fallen, zumindest für den Moment, ohne sichtbare Enttäuschung, ohne Widerstand.
Und dann bekam sie die Frage zurück. Verständlich, sehr wahrscheinlich hätte Lilith ähnlich reagiert, wären ihre Positionen vertauscht. Sie hob kaum merklich die Brauen ob der provokanten Formulierung, die ihr ebenfalls die Aussage als eine Tatsache unterstellte, so wie sie es gerade selbst getan hatte.
„Was macht meinen Abend plötzlich interessanter als deinen?“
„Ist er das?“ Das Lächeln auf ihren Lippen wurde wieder ein wenig deutlicher.
„Vielleicht lade ich einfach gern alte Freunde auf gute Getränke ein“, antwortete sie dann gelassen, griff nach ihrem Martini-Glas, hob es in einer angedeuteten Geste des gemeinsamen Trinkens an und nahm noch einen langsam-genussvollen Schluck.
„Vielleicht sehne ich mich schon seit Tagen nach intellektuell stimulierender Gesellschaft. Oder vielleicht gefällt mir dein Outfit, und ich erhoffe mir insgeheim, dass du mir später verrätst, wo du es her hast.“
Ihr Tonfall blieb spielerisch, sogar mit leichtem Witz, aber Lilith war sich sehr wohl bewusst, dass auch das nicht die Antwort war, die Jaze vermutlich hören wollte – aber Fakt war, dass es diese Antwort schlichtweg nicht gab. Sie war bekannt dafür, anderen um drei gedankliche Sprünge voraus zu sein, selten etwas ohne Plan in der Hinterhand zu tun und in den meisten Fällen auf ein Ziel hinzuarbeiten, wenn sie bewusst die Gesellschaft von jemandem suchte, der nicht zu ihrem inneren Kreis gehörte. Jezahel kannte sie nicht erst seit gestern, und sie war klug. Offensichtlich wusste sie allerdings noch nichts davon, wie sich Liliths Umstände kürzlich verändert hatten… und wie sehr sich das auf sie selbst und ihr Verhalten auswirkte, das war etwas, das Lilith selbst noch dabei war, für sich zu ergründen.
Bis dahin war ihre präferierte Methode schlichtweg Deflektion. Alles, was sie bisher wusste, war, dass sie es gerade vorzog, hier an der Bar zu bleiben, anstatt zu Morrow zurückzukehren… und fürs erste genügte ihr das. Sie folgte dem Bedürfnis, ohne sich Gedanken darüber zu machen, woher es kam.

