25.08.2026, 15:35
Die Art, wie Lilith locker an dem Tresen der Bar lehnte, vermittelte Jazie etwas Nostalgie. Nicht, dass sie der Tochter des Teufels schon oft in dieser Pose begegnet war – und nach dem letzten Seelenklau war das auch sicher nicht unbedingt eine gute Idee gewesen – doch obwohl sie souverän wirken wollte, konnte die Blonde ihr das nicht so ganz abnehmen. Doch da sie den Gedanken mit einer in Jezahels Augen derartig offensiv zur Schau stellenden Leichtigkeit weiterspann, brachte das den ehemaligen Kriegerengel dazu, sie einen Moment aufmerksamer anzusehen. Es war wie ein Spiel auf einer Wippe, bei dem jeder von ihnen auf einer anderen Seite stand und sie dennoch im Gleichgewicht bleiben mussten, selbst wenn es bedeutet hätte, dass er gegen den Daseinsgrund des anderen handeln musste. Und auch das Gleichgewicht auf der Wippe schien nicht so ausgeglichen zu sein wie bei ihrer letzten Begegnung, so empfand es Jaze zumindest.
Als sie von den Grenzen sprach, die ein Ort offenbar unabhängig von Stadt- oder Landesgrenzen ziehen konnte, folgte Jezahels Blick für einen Augenblick ihrer eigenen Körperlinie hinab bis zu den schwarzen Stiefeletten, als ob auf dem Boden vor ihr tatsächlich eine eindeutige Linie prangte. „Dann sollte ich wohl darauf achten, wo ich hintrete, was?“ Ein Anflug von Belustigung lag in ihrer Stimme, auch wenn die Metapher unangenehm gut gewählt war. Der Himmel hatte ihre frühere Eindeutigkeit gründlich genug zerstört, ohne ihr dafür irgendetwas zu bieten, wo sie sich erneut zugehörig fühlen konnte; ausgerechnet jetzt darüber nachzudenken, auf welcher Seite einer unsichtbaren Schwelle sie eigentlich stand, war genau das, was ihr unangenehm war.
Dass Lilith anschließend auch noch mutmaßte, die Hölle könnte sie womöglich nicht ohne Weiteres wieder herausgeben, machte diesen Gedankengang nicht unbedingt attraktiver, auch, wenn Jaze ihre Äußerung auch durchaus als ein kleines Kompliment verstand, das sie insgeheim zurückgeben konnte. Doch im Gegensatz zu ihr selbst hatte sich für sie zumindest an Liliths Kleidungsstil nicht sonderlich viel verändert – Jazie dagegen trug für sie ungewöhnlich dunkle Kleidung, wo ansonsten Pastellfarben und florale Muster zu finden waren. Für einen flüchtigen Moment fragte Jezahel sich, was ein solches Reich heute überhaupt in ihr erkennen würde, wenn selbst sie noch versuchte, die Antwort darauf neu zu finden. „Ich hatte eigentlich vor, es nicht darauf ankommen zu lassen“, erwiderte sie und für einen Bruchteil einer Sekunde flatterten ihre Augenlider. Sie war bereits so lange auf der Erde, dass sie eine gewisse Souveränität besaß und das Aufrechterhalten einer Fassade gehörte durchaus dazu. So war dies die einzige Reaktion, die darauf hindeuten konnte, dass Lilith damit gerade einen ziemlich empfindlichen Punkt getroffen hatte. Wenn sie nur wüsste!
Dass sie ihre Bemerkung über die Getränkekarte anschließend tatsächlich als Anlass nahm, eine Bestellung aufzugeben, brachte dagegen offenere Überraschung in Jezahels Gesicht. Zwei Finger in Richtung des Barkeepers, kein Nachfragen, kein prüfender Blick, was sie überhaupt mochte – Lilith entschied offenbar einfach. Das war für sie die Lilith, die sie kannte. So, wie sie damals einfach über den Verbleib der Menschenseele entschieden hatte. Jazies Kiefer spannte sich für einen kurzen Moment an, als sie an ihre letzte Begegnung zurückdachte.
Als das zweite Glas vor Jezahel abgestellt wurde, erkannte sie einen French 75: Blassgolden, fein perlend, mit einer schmalen Zitronenzeste versehen. Sie hob ihn zunächst prüfend an, kostete und musste Lilith nach dem ersten Schluck zugestehen, dass die Wahl erstaunlich gut getroffen war. Die Zitrone hielt die Mischung frisch, der Gin gab ihr genug Trockenheit und der Schaumwein nahm ihr jede unnötige Schwere. Jezahels Mundwinkel verzog sich schließlich doch zu einem leichten Grinsen. „Nicht schlecht, auch wenn ich heute nicht vorhatte, einen Cocktail zu trinken.“ Nein, eigentlich hatte sie bei ihrer Coke bleiben wollen – immerhin hatte sie einen Auftrag! Innerlich seufzte die Blonde, und sie wusste nicht, ob es an der anderen Art des Umgangs mit ihr lag, dass sie der Tochter des Teufels nicht wortlos, aber dankend nickend, das Getränk zurückschob.
Dass Lilith ihren Humor aufgriff und ihr kurzerhand einen Drink bestellte, machte sie dabei auf eine vollkommen andere Weise schwer einzuschätzen. Bei einer Drohung wusste Jezahel wenigstens, woran sie war. Bei ehrlicher Neugier war sie sich bei Luzifers Tochter deutlich weniger sicher.
Als Lilith schließlich trotzdem auf den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit zu sprechen kam, war dies kaum überraschend. Jezahel musste kein besonders überzeugendes Bild einer Frau abgegeben haben, die sich spontan entschieden hatte, ihren freien Abend im Valen zu verbringen, und Lilith kannte sie gut genug, um das zu erkennen. Die Frage selbst störte sie deshalb nicht; lediglich die Antwort würde deutlich knapper ausfallen, als ihr Gegenüber vermutlich hoffte. Jezahel nahm noch einen Schluck von ihrem Cocktail, bevor sie das Glas wieder abstellte. Ja, das war eindeutig besser als die Coke. „Einer, über den ich an einem Ort wie diesem vermutlich besser nicht zu ausführlich spreche.“ Freundlich ausgesprochen, aber eindeutig genug, dass sie nicht beabsichtigte, daraus eine ausführlichere Erklärung werden zu lassen.
Ein paar Sekunden betrachtete sie Lilith noch, ehe ihre Miene wieder etwas weicher wurde. Schließlich war sie nicht die Einzige von ihnen, die an diesem Abend offenbar nicht vollkommen ohne Beschäftigung hierhergekommen war. „Du warst allerdings gerade selbst beschäftigt.“ Ein Hauch von Amüsement schwang in ihrer Stimme mit, als sie den French 75 erneut anhob. „Was macht meinen Abend plötzlich interessanter als deinen?“
Als sie von den Grenzen sprach, die ein Ort offenbar unabhängig von Stadt- oder Landesgrenzen ziehen konnte, folgte Jezahels Blick für einen Augenblick ihrer eigenen Körperlinie hinab bis zu den schwarzen Stiefeletten, als ob auf dem Boden vor ihr tatsächlich eine eindeutige Linie prangte. „Dann sollte ich wohl darauf achten, wo ich hintrete, was?“ Ein Anflug von Belustigung lag in ihrer Stimme, auch wenn die Metapher unangenehm gut gewählt war. Der Himmel hatte ihre frühere Eindeutigkeit gründlich genug zerstört, ohne ihr dafür irgendetwas zu bieten, wo sie sich erneut zugehörig fühlen konnte; ausgerechnet jetzt darüber nachzudenken, auf welcher Seite einer unsichtbaren Schwelle sie eigentlich stand, war genau das, was ihr unangenehm war.
Dass Lilith anschließend auch noch mutmaßte, die Hölle könnte sie womöglich nicht ohne Weiteres wieder herausgeben, machte diesen Gedankengang nicht unbedingt attraktiver, auch, wenn Jaze ihre Äußerung auch durchaus als ein kleines Kompliment verstand, das sie insgeheim zurückgeben konnte. Doch im Gegensatz zu ihr selbst hatte sich für sie zumindest an Liliths Kleidungsstil nicht sonderlich viel verändert – Jazie dagegen trug für sie ungewöhnlich dunkle Kleidung, wo ansonsten Pastellfarben und florale Muster zu finden waren. Für einen flüchtigen Moment fragte Jezahel sich, was ein solches Reich heute überhaupt in ihr erkennen würde, wenn selbst sie noch versuchte, die Antwort darauf neu zu finden. „Ich hatte eigentlich vor, es nicht darauf ankommen zu lassen“, erwiderte sie und für einen Bruchteil einer Sekunde flatterten ihre Augenlider. Sie war bereits so lange auf der Erde, dass sie eine gewisse Souveränität besaß und das Aufrechterhalten einer Fassade gehörte durchaus dazu. So war dies die einzige Reaktion, die darauf hindeuten konnte, dass Lilith damit gerade einen ziemlich empfindlichen Punkt getroffen hatte. Wenn sie nur wüsste!
Dass sie ihre Bemerkung über die Getränkekarte anschließend tatsächlich als Anlass nahm, eine Bestellung aufzugeben, brachte dagegen offenere Überraschung in Jezahels Gesicht. Zwei Finger in Richtung des Barkeepers, kein Nachfragen, kein prüfender Blick, was sie überhaupt mochte – Lilith entschied offenbar einfach. Das war für sie die Lilith, die sie kannte. So, wie sie damals einfach über den Verbleib der Menschenseele entschieden hatte. Jazies Kiefer spannte sich für einen kurzen Moment an, als sie an ihre letzte Begegnung zurückdachte.
Als das zweite Glas vor Jezahel abgestellt wurde, erkannte sie einen French 75: Blassgolden, fein perlend, mit einer schmalen Zitronenzeste versehen. Sie hob ihn zunächst prüfend an, kostete und musste Lilith nach dem ersten Schluck zugestehen, dass die Wahl erstaunlich gut getroffen war. Die Zitrone hielt die Mischung frisch, der Gin gab ihr genug Trockenheit und der Schaumwein nahm ihr jede unnötige Schwere. Jezahels Mundwinkel verzog sich schließlich doch zu einem leichten Grinsen. „Nicht schlecht, auch wenn ich heute nicht vorhatte, einen Cocktail zu trinken.“ Nein, eigentlich hatte sie bei ihrer Coke bleiben wollen – immerhin hatte sie einen Auftrag! Innerlich seufzte die Blonde, und sie wusste nicht, ob es an der anderen Art des Umgangs mit ihr lag, dass sie der Tochter des Teufels nicht wortlos, aber dankend nickend, das Getränk zurückschob.
Dass Lilith ihren Humor aufgriff und ihr kurzerhand einen Drink bestellte, machte sie dabei auf eine vollkommen andere Weise schwer einzuschätzen. Bei einer Drohung wusste Jezahel wenigstens, woran sie war. Bei ehrlicher Neugier war sie sich bei Luzifers Tochter deutlich weniger sicher.
Als Lilith schließlich trotzdem auf den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit zu sprechen kam, war dies kaum überraschend. Jezahel musste kein besonders überzeugendes Bild einer Frau abgegeben haben, die sich spontan entschieden hatte, ihren freien Abend im Valen zu verbringen, und Lilith kannte sie gut genug, um das zu erkennen. Die Frage selbst störte sie deshalb nicht; lediglich die Antwort würde deutlich knapper ausfallen, als ihr Gegenüber vermutlich hoffte. Jezahel nahm noch einen Schluck von ihrem Cocktail, bevor sie das Glas wieder abstellte. Ja, das war eindeutig besser als die Coke. „Einer, über den ich an einem Ort wie diesem vermutlich besser nicht zu ausführlich spreche.“ Freundlich ausgesprochen, aber eindeutig genug, dass sie nicht beabsichtigte, daraus eine ausführlichere Erklärung werden zu lassen.
Ein paar Sekunden betrachtete sie Lilith noch, ehe ihre Miene wieder etwas weicher wurde. Schließlich war sie nicht die Einzige von ihnen, die an diesem Abend offenbar nicht vollkommen ohne Beschäftigung hierhergekommen war. „Du warst allerdings gerade selbst beschäftigt.“ Ein Hauch von Amüsement schwang in ihrer Stimme mit, als sie den French 75 erneut anhob. „Was macht meinen Abend plötzlich interessanter als deinen?“


