Gestern, 20:52
Eine ganze Weile kam von Antares hinter ihr nichts. Keine Spitze, kein trockenes Nachtreten, nicht einmal ein demonstratives Augenrollen, das sie zwar nicht sehen, aber beinahe hören konnte. Was war da los? Hatte das Katerchen etwa genug?
Syrena hatte den kurzen Bruch in seinem Gesicht durchaus bemerkt und wusste, dass ihre Worte getroffen hatten. Das verschaffte ihr Genugtuung; sie hatte schließlich treffen wollen. Nur gefiel ihr weniger, womit. Ausgerechnet Amy stand dadurch wieder zwischen ihnen, obwohl sie längst nicht mehr da war – und erst recht nicht bei ihm! Wenn ihn die Wahrheit störte, hätte er sich damals anders verhalten sollen!
Dass Antares’ Abscheu gegen das, was mit dem Mädchen geschehen sollte, keineswegs gespielt war, machte ihn nur lästiger. Jedes ehrliche Stück Menschlichkeit erschwerte es, ihn als vollständig charakterlosen Mistkerl anzusehen.
Als Antares nach der Angst des Mädchens griff, spürte Syrena die Magie sofort. Ihr Blick wanderte langsam zu ihm. Ausgerechnet der Mann, der ihr eben noch erklärt hatte, wie beschissen es sich anfühlte, wenn jemand einem den eigenen Willen mit Magie aufzwang. „Der Zweck heiligt bei dir offenbar die Mittel“, murmelte sie so leise, dass das Mädchen den Bezug nicht verstehen konnte.
Antares nahm ihrer Angst nur die schärfste Spitze; deshalb griff Syrena nicht ein. Wie beruhigend. Fremden Willen mit Magie zu beeinflussen war offenbar nur dann verwerflich, wenn Antares Lexington nicht derjenige war, der es tat.
Bei seinem „Was die nette Dame damit sagen möchte…“ drehte Syrena sehr langsam den Kopf zu ihm. Wenn Blicke töten könnten, hätte er wohl eines seiner neun Leben unwiderruflich verloren. Und natürlich funktionierte sein Trick. Kaum pfuschte der Kater ein bisschen an der Angst eines Kindes herum, galt das plötzlich als soziale Kompetenz. Auf sein „Bitte, nach dir“ bekam er beim Vorbeigehen daher nur: „Bild dir nichts darauf ein. Du hast geschummelt.“
Kaum hatte Syrena die Wohnung betreten, stimmte etwas nicht. Antares’ Einfluss auf das Mädchen wurde schwächer, gleichzeitig flackerte die Resonanzmünze merklich in ihrer Tasche und wurde dunkler. Auch das alte Echo ihrer eigenen Magie an ihm wurde dünner. Instinktiv tastete Syrena nach ihrer Kraft. Ein roter Faden zuckte zwischen zwei Fingern auf und starb wieder. Das wurde ja immer besser.
Ihr Blick glitt durch den Raum: Abgelebte Möbel, abblätternde Farbe, ein verdreckter Teppich, ein alter Pizzakarton auf dem Tisch. Syrena kannte Armut nicht aus ihrer Kindheit. Trotzdem stieß etwas an eine tiefe Stelle in ihrem Herzen, die sie ungern berührte: Räume, in denen Erwachsene ein Kind zu etwas gedrillt hatten, ohne Rücksicht darauf, was es brauchte, während sie ihm die Verantwortung dafür überließen, ihren Erwartungen zu entsprechen. Zuneigung, Stolz, Wärme und vor allem bedingungslose Liebe hatten daneben keinen Platz mehr gehabt. Bei ihr hatte es an nichts Materiellem gefehlt. An anderem dafür reichlich. Also verwandelte sie das unangenehme Stechen in ihrer Brust in Aufmerksamkeit und suchte mit den Augen nach Hinweisen darauf, ob hier jemand geplant gegangen oder plötzlich verschwunden war.
Die Augen des Mädchens gingen zwischen ihnen hin und her und blieben immer wieder bei Syrena hängen. Warum ausgerechnet sie? Antares sah wenigstens nicht aus, als käme er gerade aus einer Schießerei. Dann brachte das Mädchen etwas Licht ins Dunkel. „Ich heiße Maisie Bell.“ Nicht mehr zwölf. Nicht mehr irgendeine Signatur.
Und dann kam die nächste Antwort. „Meine Eltern sind bereits den zweiten Tag weg. Sie kommen aber bestimmt bald wieder.“ Zwei Tage waren schlimm genug, bewiesen aber nichts. Ashcroft beschäftigte bewaffnete Männer und Magier; den Eltern konnte genauso gut etwas zugestoßen sein. Syrena analysierte die Lage jedenfalls nüchterner als dieser offenbar völlig an einer Impulskontrollstörung leidende Kater. Dass Antares hörbar Luft einsog, störte sie noch nicht, allerdings das, was er danach einfach völlig kopflos raushaute.
„Sie haben sie hier zurückgelassen, damit man sie abholt, wie Schlachtvieh.“ Die Hexe fuhr zu ihm herum und ihr entglitt – genauso impulsiv – ein messerscharfes „Shh!“. Syrenas Augen funkelten wütend und ein bisschen war auch wieder die übliche Abscheu in ihrem Blick zu erkennen, mit dem sie Antares nun bedachte. Sie musste sich verdammt zusammenreißen, um weiterhin in gedämpfter Stimme mit diesem Kater im Porzellanladen zu sprechen.
„Wenn du ihre Angst gerade mühsam weggezaubert hast, wäre es vielleicht klug, sie nicht im nächsten Satz wieder zurückzuholen. Sonst war deine Magie wirklich für die Katz.“ Das letzte Wort kam mit einem merklich ironischen Unterton hervor. Doch danach wurde ihr Blick hart, es war schließlich wichtig, sich nun erst einmal auf die harten Fakten zu konzentrieren. Einer von ihnen musste das ja. „Das wissen wir nicht. Zwei Tage allein sind schlimm genug, aber wir wissen nicht, warum ihre Eltern fort sind. Es könnte ihnen genauso gut etwas passiert sein. Und vielleicht diskutieren wir deine charmanten Theorien nicht direkt vor ihr.“
Dann tat Syrena etwas, über das sie nicht nachdachte. Sie ging vor Maisie in die Hocke. Der Schmerz im rechten Oberschenkel schoss heiß nach oben und sie bereute es sogleich wieder; ihr Gesicht entgleiste kurz, doch sie blieb unten. Warum zur Hölle hockte sie jetzt eigentlich hier? Ihre Stimme blieb nüchtern, beinahe mechanisch. „Haben sie dir gesagt, wohin sie gehen? Haben sie sich seitdem gemeldet? Ist das schon einmal passiert?“ Maisie antwortete stockend, ihre Eltern hätten nur etwas erledigen wollen, sich seitdem nicht gemeldet und seien noch nie so lange fort gewesen.
Währenddessen kam sie zögerlich näher. Syrena begriff erst, was geschah, als sich zwei schmale Arme vorsichtig um sie legten. Ihr ganzer Körper erstarrte. Die Hände blieben nutzlos in der Luft hängen, ihre Augen blinzelten irritiert. Zu nah! Zu weich! Zu viel Vertrauen! Das Mädchen redete weiter, doch Syrena bekam nur noch Bruchstücke mit. Dann hob Maisie auch noch unbeholfen eine Hand und wischte mit dem Ärmel über das Blut unter Syrenas Nase. Was zur Hölle tat sie da?! Für einen Herzschlag fehlte selbst Syrena eine bissige Antwort und ihre Reaktion war lediglich ein erneutes, beinahe hilfloses Blinzeln.
Genau da verschwand die Magie vollständig. Die Münze erlosch und als Syrena erneut nach ihren roten Fäden griff, antwortete nichts. Vor allem aber war das Echo ihres Fluches an Antares fort. Nicht schwächer. Weg, vollkommen weg!
Syrenas Blick hob sich über Maisies Schulter zu ihm. Das Mädchen unterdrückte Magie nicht bloß. In ihrer unmittelbaren Nähe schien deren Wirkung vollständig auszusetzen. Vielleicht ohne dass Maisie überhaupt wusste, was sie tat. Damit stand Syrena angeschossen in einer fremden Wohnung und hatte im Ernstfall kaum mehr zur Verfügung als Hände, Füße und schlechte Laune. Als Maisie sie wieder losließ, richtete sie sich auffällig zügig auf und brachte auch körperlich wieder Abstand zwischen sich und Maisie. Es gefiel ihr nicht, dass sie sich so völlig magielos in ihrer Gegenwart fühlte. Es war ein wirklich unangenehmes Gefühl von… Machtlosigkeit.
Und auch die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Umarmung war ihr entschieden zu hoch. Ihr Blick fiel auf den Pizzakarton. „Hast du heute etwas gegessen?“ Großartig. Jetzt fragte sie Kinder auch noch nach ihrem Abendessen. Maisie schüttelte den Kopf. Die Pizza war tatsächlich von vorgestern! Zwei Tage, zwölf Jahre alt und kein Essen außer den Resten von vorgestern. Warum die Eltern fort waren, änderte daran nichts. Würde sie die Mutter sehen, wäre in ihren Augen eine harte Ohrfeige angebracht. Oder irgendein wunderbarer Fluch, bei dem sie den Eiter einer immer wieder neu aufplatzenden, richtig fetten Warze im Gesicht schmecken müsste. Ganz hatte sich die Hexe noch nicht entschieden.
„Was machen wir mit ihr?“ Syrena sah Antares an, als hätte er gefragt, wo man einen gefundenen Koffer abgab. „Mit ihr? Sie ist ein Kind, kein verlorenes Gepäckstück.“ Hierlassen konnten sie Maisie ja trotzdem nicht. Ashcroft wusste von ihr, seine Leute suchten die Münze, und diese Wohnung war damit nicht sicher. Früher oder später konnten sie hier auftauchen.
Ausgerechnet jetzt musste der Kater einmal praktisch verwendbar sein. Syrena trat näher zu Antares – natürlich nur so nah, wie es unbedingt nötig war – und senkte die Stimme. „Kennst du einen Ort, an dem Ashcroft sie nicht findet?“ Dann wandte sie sich wieder Maisie zu, blieb diesmal ganz bewusst aufrecht stehen und weiterhin auf Abstand von ihr.
„Es gibt Leute, die nach dir suchen.“ Sie machte eine kurze Pause und überlegte, doch sie konnte einfach nicht kindgerecht sprechen. Sowas war albern! So wirkte es eher, als würde sie mit einem Mandanten reden, darin war sie geübt. Mit ihr hatte schließlich auch niemals jemand wie ein Kind gesprochen, als sie eins gewesen war. „Keine netten. Wir möchten verhindern, dass sie dich finden.“
Maisies Augen weiteten sich etwas. „Du kommst erst einmal an einen sicheren Ort, bis wir wissen, wo deine Eltern sind. Wir erklären dir unterwegs, was wir wissen.“ Dann sah Syrena wieder zu Antares. Ihre Magie war immer noch verstummt, die Münze ebenfalls, und ihr Fluch war in Maisies Nähe nicht einmal mehr zu spüren. „Also? Du wolltest unbedingt mitkommen. Sei nützlich.“
Syrena hatte den kurzen Bruch in seinem Gesicht durchaus bemerkt und wusste, dass ihre Worte getroffen hatten. Das verschaffte ihr Genugtuung; sie hatte schließlich treffen wollen. Nur gefiel ihr weniger, womit. Ausgerechnet Amy stand dadurch wieder zwischen ihnen, obwohl sie längst nicht mehr da war – und erst recht nicht bei ihm! Wenn ihn die Wahrheit störte, hätte er sich damals anders verhalten sollen!
Dass Antares’ Abscheu gegen das, was mit dem Mädchen geschehen sollte, keineswegs gespielt war, machte ihn nur lästiger. Jedes ehrliche Stück Menschlichkeit erschwerte es, ihn als vollständig charakterlosen Mistkerl anzusehen.
Als Antares nach der Angst des Mädchens griff, spürte Syrena die Magie sofort. Ihr Blick wanderte langsam zu ihm. Ausgerechnet der Mann, der ihr eben noch erklärt hatte, wie beschissen es sich anfühlte, wenn jemand einem den eigenen Willen mit Magie aufzwang. „Der Zweck heiligt bei dir offenbar die Mittel“, murmelte sie so leise, dass das Mädchen den Bezug nicht verstehen konnte.
Antares nahm ihrer Angst nur die schärfste Spitze; deshalb griff Syrena nicht ein. Wie beruhigend. Fremden Willen mit Magie zu beeinflussen war offenbar nur dann verwerflich, wenn Antares Lexington nicht derjenige war, der es tat.
Bei seinem „Was die nette Dame damit sagen möchte…“ drehte Syrena sehr langsam den Kopf zu ihm. Wenn Blicke töten könnten, hätte er wohl eines seiner neun Leben unwiderruflich verloren. Und natürlich funktionierte sein Trick. Kaum pfuschte der Kater ein bisschen an der Angst eines Kindes herum, galt das plötzlich als soziale Kompetenz. Auf sein „Bitte, nach dir“ bekam er beim Vorbeigehen daher nur: „Bild dir nichts darauf ein. Du hast geschummelt.“
Kaum hatte Syrena die Wohnung betreten, stimmte etwas nicht. Antares’ Einfluss auf das Mädchen wurde schwächer, gleichzeitig flackerte die Resonanzmünze merklich in ihrer Tasche und wurde dunkler. Auch das alte Echo ihrer eigenen Magie an ihm wurde dünner. Instinktiv tastete Syrena nach ihrer Kraft. Ein roter Faden zuckte zwischen zwei Fingern auf und starb wieder. Das wurde ja immer besser.
Ihr Blick glitt durch den Raum: Abgelebte Möbel, abblätternde Farbe, ein verdreckter Teppich, ein alter Pizzakarton auf dem Tisch. Syrena kannte Armut nicht aus ihrer Kindheit. Trotzdem stieß etwas an eine tiefe Stelle in ihrem Herzen, die sie ungern berührte: Räume, in denen Erwachsene ein Kind zu etwas gedrillt hatten, ohne Rücksicht darauf, was es brauchte, während sie ihm die Verantwortung dafür überließen, ihren Erwartungen zu entsprechen. Zuneigung, Stolz, Wärme und vor allem bedingungslose Liebe hatten daneben keinen Platz mehr gehabt. Bei ihr hatte es an nichts Materiellem gefehlt. An anderem dafür reichlich. Also verwandelte sie das unangenehme Stechen in ihrer Brust in Aufmerksamkeit und suchte mit den Augen nach Hinweisen darauf, ob hier jemand geplant gegangen oder plötzlich verschwunden war.
Die Augen des Mädchens gingen zwischen ihnen hin und her und blieben immer wieder bei Syrena hängen. Warum ausgerechnet sie? Antares sah wenigstens nicht aus, als käme er gerade aus einer Schießerei. Dann brachte das Mädchen etwas Licht ins Dunkel. „Ich heiße Maisie Bell.“ Nicht mehr zwölf. Nicht mehr irgendeine Signatur.
Und dann kam die nächste Antwort. „Meine Eltern sind bereits den zweiten Tag weg. Sie kommen aber bestimmt bald wieder.“ Zwei Tage waren schlimm genug, bewiesen aber nichts. Ashcroft beschäftigte bewaffnete Männer und Magier; den Eltern konnte genauso gut etwas zugestoßen sein. Syrena analysierte die Lage jedenfalls nüchterner als dieser offenbar völlig an einer Impulskontrollstörung leidende Kater. Dass Antares hörbar Luft einsog, störte sie noch nicht, allerdings das, was er danach einfach völlig kopflos raushaute.
„Sie haben sie hier zurückgelassen, damit man sie abholt, wie Schlachtvieh.“ Die Hexe fuhr zu ihm herum und ihr entglitt – genauso impulsiv – ein messerscharfes „Shh!“. Syrenas Augen funkelten wütend und ein bisschen war auch wieder die übliche Abscheu in ihrem Blick zu erkennen, mit dem sie Antares nun bedachte. Sie musste sich verdammt zusammenreißen, um weiterhin in gedämpfter Stimme mit diesem Kater im Porzellanladen zu sprechen.
„Wenn du ihre Angst gerade mühsam weggezaubert hast, wäre es vielleicht klug, sie nicht im nächsten Satz wieder zurückzuholen. Sonst war deine Magie wirklich für die Katz.“ Das letzte Wort kam mit einem merklich ironischen Unterton hervor. Doch danach wurde ihr Blick hart, es war schließlich wichtig, sich nun erst einmal auf die harten Fakten zu konzentrieren. Einer von ihnen musste das ja. „Das wissen wir nicht. Zwei Tage allein sind schlimm genug, aber wir wissen nicht, warum ihre Eltern fort sind. Es könnte ihnen genauso gut etwas passiert sein. Und vielleicht diskutieren wir deine charmanten Theorien nicht direkt vor ihr.“
Dann tat Syrena etwas, über das sie nicht nachdachte. Sie ging vor Maisie in die Hocke. Der Schmerz im rechten Oberschenkel schoss heiß nach oben und sie bereute es sogleich wieder; ihr Gesicht entgleiste kurz, doch sie blieb unten. Warum zur Hölle hockte sie jetzt eigentlich hier? Ihre Stimme blieb nüchtern, beinahe mechanisch. „Haben sie dir gesagt, wohin sie gehen? Haben sie sich seitdem gemeldet? Ist das schon einmal passiert?“ Maisie antwortete stockend, ihre Eltern hätten nur etwas erledigen wollen, sich seitdem nicht gemeldet und seien noch nie so lange fort gewesen.
Währenddessen kam sie zögerlich näher. Syrena begriff erst, was geschah, als sich zwei schmale Arme vorsichtig um sie legten. Ihr ganzer Körper erstarrte. Die Hände blieben nutzlos in der Luft hängen, ihre Augen blinzelten irritiert. Zu nah! Zu weich! Zu viel Vertrauen! Das Mädchen redete weiter, doch Syrena bekam nur noch Bruchstücke mit. Dann hob Maisie auch noch unbeholfen eine Hand und wischte mit dem Ärmel über das Blut unter Syrenas Nase. Was zur Hölle tat sie da?! Für einen Herzschlag fehlte selbst Syrena eine bissige Antwort und ihre Reaktion war lediglich ein erneutes, beinahe hilfloses Blinzeln.
Genau da verschwand die Magie vollständig. Die Münze erlosch und als Syrena erneut nach ihren roten Fäden griff, antwortete nichts. Vor allem aber war das Echo ihres Fluches an Antares fort. Nicht schwächer. Weg, vollkommen weg!
Syrenas Blick hob sich über Maisies Schulter zu ihm. Das Mädchen unterdrückte Magie nicht bloß. In ihrer unmittelbaren Nähe schien deren Wirkung vollständig auszusetzen. Vielleicht ohne dass Maisie überhaupt wusste, was sie tat. Damit stand Syrena angeschossen in einer fremden Wohnung und hatte im Ernstfall kaum mehr zur Verfügung als Hände, Füße und schlechte Laune. Als Maisie sie wieder losließ, richtete sie sich auffällig zügig auf und brachte auch körperlich wieder Abstand zwischen sich und Maisie. Es gefiel ihr nicht, dass sie sich so völlig magielos in ihrer Gegenwart fühlte. Es war ein wirklich unangenehmes Gefühl von… Machtlosigkeit.
Und auch die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Umarmung war ihr entschieden zu hoch. Ihr Blick fiel auf den Pizzakarton. „Hast du heute etwas gegessen?“ Großartig. Jetzt fragte sie Kinder auch noch nach ihrem Abendessen. Maisie schüttelte den Kopf. Die Pizza war tatsächlich von vorgestern! Zwei Tage, zwölf Jahre alt und kein Essen außer den Resten von vorgestern. Warum die Eltern fort waren, änderte daran nichts. Würde sie die Mutter sehen, wäre in ihren Augen eine harte Ohrfeige angebracht. Oder irgendein wunderbarer Fluch, bei dem sie den Eiter einer immer wieder neu aufplatzenden, richtig fetten Warze im Gesicht schmecken müsste. Ganz hatte sich die Hexe noch nicht entschieden.
„Was machen wir mit ihr?“ Syrena sah Antares an, als hätte er gefragt, wo man einen gefundenen Koffer abgab. „Mit ihr? Sie ist ein Kind, kein verlorenes Gepäckstück.“ Hierlassen konnten sie Maisie ja trotzdem nicht. Ashcroft wusste von ihr, seine Leute suchten die Münze, und diese Wohnung war damit nicht sicher. Früher oder später konnten sie hier auftauchen.
Ausgerechnet jetzt musste der Kater einmal praktisch verwendbar sein. Syrena trat näher zu Antares – natürlich nur so nah, wie es unbedingt nötig war – und senkte die Stimme. „Kennst du einen Ort, an dem Ashcroft sie nicht findet?“ Dann wandte sie sich wieder Maisie zu, blieb diesmal ganz bewusst aufrecht stehen und weiterhin auf Abstand von ihr.
„Es gibt Leute, die nach dir suchen.“ Sie machte eine kurze Pause und überlegte, doch sie konnte einfach nicht kindgerecht sprechen. Sowas war albern! So wirkte es eher, als würde sie mit einem Mandanten reden, darin war sie geübt. Mit ihr hatte schließlich auch niemals jemand wie ein Kind gesprochen, als sie eins gewesen war. „Keine netten. Wir möchten verhindern, dass sie dich finden.“
Maisies Augen weiteten sich etwas. „Du kommst erst einmal an einen sicheren Ort, bis wir wissen, wo deine Eltern sind. Wir erklären dir unterwegs, was wir wissen.“ Dann sah Syrena wieder zu Antares. Ihre Magie war immer noch verstummt, die Münze ebenfalls, und ihr Fluch war in Maisies Nähe nicht einmal mehr zu spüren. „Also? Du wolltest unbedingt mitkommen. Sei nützlich.“

