Gestern, 22:05
Es war für Lilith die einzig logische Konsequenz gewesen, Aeshma zu kontaktieren, sobald sie zu Mammon zurückgekehrt war und feststellen musste, dass es ihr nicht gelang, ihre Aura zu verbergen. Natürlich war ihr klar, dass ihre Kräfte nicht so sein würden wie… vorher, aber die eine oder andere Sache war nunmal essenziell, wenn sie sich unauffällig bewegen wollte. Und das war jetzt noch wichtiger als zuvor… wenn sie theoretisch sterblich war.
Es war weniger, dass sie sich vor Angriffen oder möglichen Entführungen sorgte – sie wusste sich gut auch physisch zu verteidigen, während sie ergründete, welche ihrer übernatürlichen Fähigkeiten ihr noch zur Verfügung standen und in welchem Umfang – sondern vielmehr, dass all die ungewollte Aufmerksamkeit auf Dauer sehr lästig war. Engel waren höhere Wesen, ihnen auf der Erde ungetarnt zu begegnen, war extrem unwahrscheinlich, und ihre Präsenz übte eine gewisse Faszination auf das ungeübte Auge aus. Erdlinge reagierten auf sie, egal in welcher Form sich das äußerte.
In Mammons Club war das erschreckend oft bedrängende körperliche Nähe, dafür mit wie viel Exklusivität seines Etablissements ihr Bruder sich rühmte. Aber das Valen hatte gleichzeitig auch den Vorteil, dass sie seine Ecken und Winkel kannte und die Lage im Zweifelsfall kontrollieren konnte. Besser als außerhalb, zumindest.
So hatte Lilith sich einen Security-Mitarbeiter besorgt, der sie vom Aufzug, der das Penthouse mit dem Barbereich verband, ohne weitere Zwischenfälle durch die Menge auf die andere Seite brachte, wo die Räumlichkeiten für… privatere Zusammenkünfte lokalisiert waren. Die Blicke der Gäste registrierte sie zwar, ignorierte sie allerdings gleichermaßen. Es war ein derzeit nicht vermeidbares Übel, für das sich hoffentlich bald eine Lösung fand.
Ihre Begleitung ließ Lilith am Gang zum Separee mit einer knappen Geste zurück – ab hier war es eine Privatveranstaltung, die keiner Zeugen bedurfte.
Sie betrat den Raum, in dem sie seine Präsenz bereits wahrnehmen konnte, und schloss sanft die Tür hinter sich.
“Aeshma.” Keine Sekunde hatte Lilith daran gezweifelt, dass er kommen würde, wenn sie ihn kontaktierte. Weniger, weil er ihr zu etwas verpflichtet war, sondern vielmehr, weil sie das Gleiche für ihn tun würde. Sein Körper war ein anderer – das war allerdings nicht ungewöhnlich, er war der wohl talentierteste Gestaltwandler, den sie kannte, und in manchen Jahren wechselte er seine Behausungen häufiger, als sie sich trafen. Diese hier war allerdings auffällig attraktiv, wie sie beiläufig feststellte, während sie näher kam.
Sie hielt sich nicht mit einer förmlichen Begrüßung auf, legte ihm aber eine Hand auf den Oberarm und beugte sich nach vorn, um ihm einen Kuss auf die Wange zu hauchen.
“Schön, dass du–”
Aber dann stockte sie, noch bevor sie den Satz zu Ende führen konnte. Etwas stimmte nicht. Lilith runzelte die Stirn und trat wieder einen Schritt zurück, Aeshma selbst für einen kurzen Moment fast vergessen, während sie die andere Präsenz in seinem Körper zu erfassen versuchte. Da war noch jemand. Eine menschliche Seele, unverkennbar – und doch an einem Ort, an dem sie nichts zu suchen hatte.
“... Besuch mitgebracht hast?”, führte sie ihre Aussage schließlich in eine andere Richtung zu Ende, als sie es ursprünglich beabsichtigt hatte. Dabei suchte sie seinen Blick – primär allerdings, um durch seine Gestalt hindurch die Seele auszumachen, die an ihm haftete.

