13.07.2026, 15:31
Dass Mammon den Gedanken an Lamias Blutrausch mit einer solchen Selbstverständlichkeit auf einen einzigen Moment des Vergnügens herunterbrach, ließ Hope unwillkürlich innehalten. Seine Worte klangen grausam in ihren Ohren, obwohl sie mittlerweile eine gewisse Taubheit dafür besaß und diese gar nicht mehr so richtig an sie heran drang. Obwohl seine Worte dabei ruhig waren – oder vielleicht gerade deswegen? Jedenfalls klangen sie auch so, als ob er es tatsächlich ernst meinte. Nein, sie hatte keinen Spaß gehabt, denn sie war nun einmal nicht am Steuer gewesen. Und auch heute Abend wäre das wohl kaum etwas gewesen, was Hope als "Spaß" bezeichnet hätte. Lamias extrovertierter und fast schon voyeuristischer Charakter stand in einem gänzlichen Gegensatz zu Hopes eher verschlossenen Art und dem Drang, möglichst ungesehen zu bleiben.
Doch für ihn schien auch der kurze Augenblick, in dem Lamia ihren Begierden nachgab, etwas völlig Natürliches zu sein. Für einen Moment fragte sich Hope, ob sie beide überhaupt jemals dieselbe Wirklichkeit betrachten könnten, so anders schienen ihre beiden Welten zu sein. Vielleicht war das, was für sie Schuld bedeutete, für Mammon lediglich der Preis eines erfüllten Verlangens. Langsam griff sie nit ihrer beider Hände an ihre entgegengesetzten Unterarme, als bräuchte etwas Halt, und sah schließlich zu ihm auf. „Vielleicht lohnt es sich für sie“, sagte sie leise, ohne jede Überzeugung in der Stimme. „Ich weiß es nicht. Ich bekomme diesen Teil ja nie… so richtig… mit.“ Innerlich seufzte sie und wünschte sich, dass sie nicht einmal schemenhaft Erinnerungen über Lamias Taten haben möge. Doch das war nur ein frommer Wunsch, zu oft schlichen sich diese in Form von Alpträumen in ihren Kopf und die Grenze zwischen ihr und ihrer Dämonin schien darin regelmäßig zu verschwimmen. Es war daher ein schmales und müdes Lächeln, welches sich auf ihre Lippenstahl und sogleich darauf wieder verschwand. „Wenn ich zu mir komme, ist immer schon alles vorbei. Du erinnerst dich an die Gasse?“ Sie tat es jetzt gerade, schärfer und aktueller denn je, und genauso fest blickt sie den Sohn des Teufels an, obwohl sie von Selbstsicherheit meilenweit entfernt war. „Dann bleiben bloß die Erinnerungen daran, was sie getan hat. Das Blut, die Schreie… und das Entsetzen in den Gesichtern der Menschen, die mich ansehen, obwohl sie eigentlich sie meinen. Und egal, wie oft ich mir danach die Hände wasche…“ Sie hob die Hand einen Moment an, betrachtete ihre Finger, als könnte sie dort noch immer etwas entdecken, das längst nicht mehr vorhanden war, bevor sie anfing, diese mit der anderen leicht zu reiben. „…es gibt Tage, an denen ich trotzdem schwören könnte, dass das Blut noch immer da dran klebt.“
Seine nächste Frage ließ sie den Blick für einen Augenblick wieder sinken. Warum überhaupt jemand hinter Lamia herräumen müsse. Hope atmete leise aus, weil ihr erst in diesem Moment bewusstwurde, wie selbstverständlich diese Aufgabe für sie selbst inzwischen geworden war und mit was für einer Leichtigkeit Mammon diese Frage stellte. Umso schwerer war es gerade für sie. Denn sie hatte nie darüber nachgedacht, ob es überhaupt hätte anders sein können. Es war ein Rhythmus, von dem sie das Gefühl hatte, dass sie ihn schon ihr Leben lang spielte, wie ein Metronom, was bei ihrer Geburt angefangen hatte zu schlagen. „Weil sie nie bleibt“, antwortete sie schließlich ruhig. „Sie nimmt sich, wonach ihr gerade ist, und verschwindet wieder. Irgendjemand muss hinterher die Türen öffnen, wenn die Polizei klopft. Irgendjemand muss die Fragen beantworten, auf die es keine vernünftigen Antworten gibt. Irgendjemand sitzt später in einer Zelle oder einem Verhörzimmer und versucht selbst herauszufinden, was in einer Nacht passiert ist, an die er sich selbst kaum erinnern kann.“ Sie sprach nicht ganz ohne Bitterkeit, und während sie diese Schilderungen wie eine Art Ablauf herunterspulte, war es offensichtlich, dass sie mit "jemandem" sich selbst meinte. Denn es gab nun einmal keine Alternative.
Erst als sie den Kopf wieder hob, schlich sich etwas Weicheres in ihre Stimme. „Das ist wohl der eigentliche Unterschied zwischen uns. Lamia muss nie mit dem leben, was sie hinterlässt. Ich schon.“ Ein leises Schnauben entwich ihr, denn die Dunkelhaarige konnte es nicht immer verhindern, die Verachtung gegenüber ihrer inneren Dämonin zumindest in Lauten Luft zu machen. So wirkte es zumindest für einen kurzen Moment so, als hätte sie die Macht über sie – nein, als wäre sie ihr zumindest so etwas wie ebenbürtig.
Dass Mammon den Spaß der Menschen mit einer solchen Selbstverständlichkeit erwähnte, ließ Hope zunächst irritiert blinzeln. Für einen kurzen Moment wollte sie ihm widersprechen, einfach weil sich der Gedanke falsch anfühlte. Doch kaum suchte sie nach einer Antwort, bemerkte sie, dass sie gar keine fand. Sie hatte sich diese Frage einfach noch nie gestellt. Spaß war nie etwas gewesen, wonach sie ihr Leben ausgerichtet hatte. Sie hatte gelernt, darauf zu achten, ob eine Nacht ruhig blieb, ob Lamia sich zeigte oder nicht, ob am nächsten Morgen niemand verletzt worden war und ob sie selbst noch wusste, was tatsächlich geschehen war. Dazwischen hatte für solche Gedanken kaum Platz existiert.
„Ich... weiß gar nicht, ob ich das vermisse“, sagte sie schließlich langsam mit monotoner Stimme und blickte seit langem wieder auf, während ihre Stirn sich leicht in Falten legte. Die Antwort überraschte sie selbst. Eigentlich hatte sie etwas anderes sagen wollen, doch kaum begann sie zu sprechen, schien sich der Gedanke unter ihren eigenen Worten weiterzuentwickeln, als wenn er plötzlich und unerwartet von jemandem hervorgezogen worden war. Und dieses Gefühl behagte ihr so gar nicht. Dementsprechend stockend kamen ihre Worte anschließend hervor.
„Vielleicht… vielleicht hab ich einfach irgendwann… aufgehört, darüber nachzudenken. Es war… irgendwie leichter, sich zu wünschen, dass nichts Schlimmes passiert, als sich zu fragen, was einen eigentlich glücklich macht. Oder… was einem Freude bereitet.“ Sie hielt kurz inne, ohne den Blick von Mammon abzuwenden, und zum ersten Mal beschlich sie das seltsame Gefühl, dass sie ihm gegenüber Dinge aussprach, die sie sich selbst nie so klar eingestanden hatte. Es war ihr unangenehm und sie versuchte dies tunlichst vor ihm zu verbergen. Doch ihr trockener Mund und das stetig nervöse Zucken ihres Augenlides zeigten ihre Nervosität deutlich. Sie presste die Lippen aufeinander, als würde dies die Kontrolle über ihre Gedanken – und auch ihren Körper – wieder zurückbringen. Doch stattdessen krallten sich ihre Finger fast in die Lackierung, hätte sie doch etwas längere Nägel gehabt. So drückten sich lediglich ihre Fingerkuppen auf den Flügel.
Was begehrst du? Dies traf Hope unvorbereiteter als alle Fragen bisher zuvor. Sie veranlasste nicht gerade, dass der Mund der Dunkelhaarigen weniger trocken wurde oder dass ihr Augenlid weniger zuckte. Stattdessen merkte Hope, wie sich nun auch ihre Schultern anspannten, sie sich aufrichtete, als müsse sie sich gegen ihn und dem, was er gerade mit ihren Gedanken machte, entgegenstemmen. Selbst ihre feinen Härchen auf den Unterarmen richteten sich auf, obwohl es in den Räumlichkeiten absolut nicht kalt war.
Bitte nicht… Ihre Gedanken hallten in ihrem Kopf. Abgesehen von ihrer Verwirrung würde sie in ihrem tiefsten Inneren sicherlich Dinge erkennen, die sie begehrte oder nach denen sie sich sehnte. Doch sie war absolut nicht bereit, genauer hinzuschauen. Der brachiale Verlust aller positiver Gefühle würde über sie hereinbrechen wie eine meterhohe Welle. Ob er genau dies wusste?! Fragte er genau deshalb danach? Unwillig zog sie ihre Augenbrauen zusammen und die sonst eher feinen Gesichtszüge des Mädchens wirkten mit einem Mal deutlich härter. Jahrelang hatte sie sich angewöhnt, ihre eigenen Wünsche so klein werden zu lassen, dass sie kaum noch Platz einnahmen, weil jeder Wunsch auch etwas war, das Lamia gegen sie verwenden konnte. Wenn man nichts begehrte, einem nichts fehlte, konnte einem auch nichts genommen werden – zumindest war dies als Jahren ihr Motto um sich selbst zumindest ansatzweise vor der Dämonin zu schützen.
Langsam hob sie den Blick unsicher wieder zu Mammon. „Ich weiß nicht...“, begann sie leise und mit brüchiger Stimme, verstummte jedoch sofort wieder und schloss für einen Moment die Augen. „Nein. Das stimmt nicht.“ Ihre Stirn legte sich in Falten, während sie spürte, wie ihr eigener Widerstand mit jeder Sekunde instabiler wurde. „Ich weiß es vielleicht. Ich... ich möchte bloß nicht darüber nachdenken.“ Ihre Fingerkuppen ruhten noch immer auf dem dunklen Lack des Flügels, gruben sich so stark in ihn, dass es ihr schmerzte. „Lamia begehrt Macht. Aufmerksamkeit. Sie genießt es, wenn Menschen sie ansehen, selbst dann, wenn sie Angst vor ihr haben. Sie braucht… dieses Gefühl… aber ich…“ Sie brach kurz ab, weil es nun um sie ging. Es war einfacher darüber zu sprechen, was Lamia wollte, denn Hope wusste es besser als bei sich selbst. „…Ich wünsche mir meistens genau das Gegenteil. Ich möchte nicht angesehen werden. Ich möchte irgendwo sitzen können, ohne dass jemand Angst vor mir hat oder mir etwas Schlechtes unterstellt. Ohne dass jemand darauf wartet, dass ich zur nächsten Gefahr werde. Eigentlich… wollte ich nie besonders viel.“ Mit einem Mal hallte das Lachen der Dämonin in Hopes Ohren und sie schrak dadurch unwillkürlich zusammen. Und noch während ihres Lachens formten sich darauf Worte. Süße, du weißt genau, was du begehrst und was dir fehlt.
Es knackte leise. Ein Nagel war gebrochen, dadurch, dass sie ihre Kuppen immer mehr auf den Flügel drückte. Wie ein Riss in einer schützenden Hülle, die mehr und mehr zu bersten drohte. Ihre Atmung ging hektisch und abgehackt und der Schmerz zog ihr durch den Finger. War dies gerade Lamia gewesen oder sie selbst, weil die Dämonin es nicht lassen konnte, genüsslich Salz in die Wunde zu streuen?
Das teuflische Grinsen auf Mammons Lippen ließ Hope unwillkürlich erstarren. Seit einigen Minuten hatte sie das beunruhigende Gefühl, dass jede seiner Fragen sie weiter dorthin führte, wo sie selbst seit Jahren nicht mehr hinsehen wollte, sie tiefer graben ließ, obwohl sie erfolgreich einen riesigen Berg Erde darüber gekippt hatte. Ich hätte längst schweigen sollen! Warum tu ich es nicht?! Auch der nun abwendende Blick von ihr hatte nicht die gewünschte Wirkung auf sie. Langsam lösten sich ihre Hände von der glatten Oberfläche des Flügels, während sie unbewusst einen kleinen Schritt zurücktrat. Es war eine ausweglose Flucht, es gelang ihr lediglich instinktiv wieder etwas Abstand zwischen sich und dieses merkwürdige Gefühl zu bringen, das sie nicht benennen konnte.
„Nein...“, brachte sie schließlich kaum hörbar hervor und schüttelte leicht den Kopf. „Bitte nicht.“ Doch war er nicht schon dabei, all dies aus ihr herauszukitzeln? Hatte sie eine Wahl, oder war es lediglich eine gnädige Ankündigung für etwas, das sowieso schon feststand? Es fühlte sich an, als hätten seine Worte bereits irgendwo in ihr Türen geöffnet, von denen sie geglaubt hatte, sie sicher verschlossen zu haben.
Die Frage, welche Strafe sie sich geben würde, versetzte ihr einen Stich. Nicht ins Herz, nein, in ihren Hals. Dort prangte die Narbe, welche die Dämonin ihr einst zugefügt hatte und welche mal lauter und mal leiser nah ihr rief. Ein scharfer Gegenstand… ein präziser Schnitt. Ihre Hand, deren Kuppen sich kurz vorher noch auf den Flügel gedrückt hatten, strich über die Narbe, während sie schlucken musste, doch ihren Blick nicht von dem Sohn des Teufels abwenden konnte. Den Tod. Nein nein nein. Sie konnte es ihm nicht sagen, somit presste sie lediglich ihre Lippen zusammen, während sie versuchte, Lamias hämische Stimme in ihren Ohren zu ignorieren.
Als Mammon schließlich beinahe beiläufig erklärte, dass sie nun in seiner Schuld stand, spürte Hope, wie sich etwas tief in ihrer Brust unangenehm zusammenzog. Eigentlich hätte sie überrascht sein müssen, doch sie hatte nie wirklich geglaubt hatte, die Rolex einfach behalten zu dürfen. Irgendwo hatte sie von Anfang an damit gerechnet, dass früher oder später ein Preis folgen würde, eben so ein ganz dezentes, ungutes Gefühl in der Magengegend. Es war immer so gewesen und würde weiterhin immer so sein. Immerhin hatte er ihr selbst gesagt, dass niemand etwas schenkte, ohne irgendwann etwas zurückhaben zu wollen.
Langsam senkte sie den Blick auf die Tasche, in der sich die Uhr bereits befand und mit einem Mal wirkte sie deutlich schwerer als gerade eben noch. Die Uhr war gerade lediglich ein Gegenstand gewesen, nun wirkte sie beinahe wie das sichtbare Zeichen einer Verpflichtung, deren Ausmaß sie nicht einmal ansatzweise einschätzen konnte. Ihre Hände krallte sich an den Riemen der Tasche, bis sie diese schließlich von ihrer Schulter nahm und die Tasche lautlos zu Boden ging. Ich hätte sie nicht annehmen sollen..., dachte sie bei sich. Erst danach hob sie den Blick wieder zu ihm, wobei sich ihre Finger inzwischen unbewusst ineinander verschränkt hatten. Die Frage blieb ihr einen Moment im Hals stecken. Sie wollte sie nicht stellen, denn jede Antwort konnte schlimmer sein als das Nichtwissen. „...und wenn ich sie nicht bezahlen kann?“ Ihre Stimme war ruhig, wenn da nicht am Ende der Frage dieses kleine Vibrato gewesen wäre. Auch ihre Augen verrieten in dem Schein des indirekten Lichts ihre Unsicherheit.
Für einen kurzen Augenblick glitt ihr Blick wieder zu dem Scotchglas, das noch immer auf dem Flügel stand. Ein schwaches, bitteres Lächeln huschte über ihre Lippen, weil sie selbst merkte, wie sehr Mammon sich mit seiner Frage auf der einen Seite irrte und ihr auf der anderen Seite doch erschreckend nahekam. Ja, Alkohol bedeutete für Hope noch mehr Kontrollverlust als ohnehin schon. Alkohol machte Locker und ließ die Barriere zwischen ihrer Dämonin und dem eigenen Bewusstsein schmaler und brüchiger werden. „Ich glaube nicht, dass ich Angst davor habe, dass er mir schmeckt“, antwortete sie leise und schüttelte kaum merklich den Kopf. Dann hielt hielt sie kurz inne, weil sie spürte, wie sich ihre Gedanken erneut beinahe von selbst weiterschoben. Eigentlich hatte sie lediglich dankend ablehnen wollen. Stattdessen hörte sie sich weitersprechen. „Ich hab Angst davor, nicht mehr aufzupassen.“ Sie schloss kurz die Augen, doch es gelang ihr nicht, ihre Gedanken nur für sich laut werden zu lassen. „Wenn ich damit anfange, diese Wachsamkeit einfach abzulegen... selbst nur für einen Abend...“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende, denn die Vorstellung allein genügte bereits, damit sich ihr Magen unangenehm zusammenzog. Nein, es war nicht der Alkohol, vor dem sie Angst hatte, sondern der Gedanke, auch nur für einen einzigen Augenblick die Kontrolle freiwillig aus der Hand zu geben.
Als Mammon schließlich beinahe gespielt empört fragte, ob sie tatsächlich geglaubt habe, der Sohn des Teufels könne keinen Sinn für Musik besitzen, löste sich die Anspannung in ihrem Gesicht zumindest für einen flüchtigen Moment und wurde deutlich nachdenklicher, während ihr Blick erneut über den Flügel glitt und schließlich bei den Tasten hängen blieb. „Gibt es… gibt es denn Musik in der Hölle?“ Es war eine ehrliche, interessierte Frage, wohl die erste richtige, die sie an diesem Abend gestellt hatte. „Oder wird man dort gezwungen, ständig schiefe Töne zu hören?“ War es nicht so, dass man dort gefoltert wurde? Sicherlich würde es irgendwann unerträgliche Ohrenschmerzen bereiten. „Aber Musik... fühlt sich auch irgendwie ehrlich an. Sie interessiert sich nicht dafür, wer sie spielt, solange sie gut und mit Gefühl gespielt wird.“ Sie verstummte für einen Augenblick, ehe ihr Blick unwillkürlich wieder auf Mammon fiel. Er wirkte so, als ob sie sich unsicher war, ob sie nun nicht zu viel gesagt hatte. Aber wie sollte sie sich auch diesem mysteriösen Mechanismus entziehen, der ihre Gedanken aus ihr förmlich heraussog?
Doch für ihn schien auch der kurze Augenblick, in dem Lamia ihren Begierden nachgab, etwas völlig Natürliches zu sein. Für einen Moment fragte sich Hope, ob sie beide überhaupt jemals dieselbe Wirklichkeit betrachten könnten, so anders schienen ihre beiden Welten zu sein. Vielleicht war das, was für sie Schuld bedeutete, für Mammon lediglich der Preis eines erfüllten Verlangens. Langsam griff sie nit ihrer beider Hände an ihre entgegengesetzten Unterarme, als bräuchte etwas Halt, und sah schließlich zu ihm auf. „Vielleicht lohnt es sich für sie“, sagte sie leise, ohne jede Überzeugung in der Stimme. „Ich weiß es nicht. Ich bekomme diesen Teil ja nie… so richtig… mit.“ Innerlich seufzte sie und wünschte sich, dass sie nicht einmal schemenhaft Erinnerungen über Lamias Taten haben möge. Doch das war nur ein frommer Wunsch, zu oft schlichen sich diese in Form von Alpträumen in ihren Kopf und die Grenze zwischen ihr und ihrer Dämonin schien darin regelmäßig zu verschwimmen. Es war daher ein schmales und müdes Lächeln, welches sich auf ihre Lippenstahl und sogleich darauf wieder verschwand. „Wenn ich zu mir komme, ist immer schon alles vorbei. Du erinnerst dich an die Gasse?“ Sie tat es jetzt gerade, schärfer und aktueller denn je, und genauso fest blickt sie den Sohn des Teufels an, obwohl sie von Selbstsicherheit meilenweit entfernt war. „Dann bleiben bloß die Erinnerungen daran, was sie getan hat. Das Blut, die Schreie… und das Entsetzen in den Gesichtern der Menschen, die mich ansehen, obwohl sie eigentlich sie meinen. Und egal, wie oft ich mir danach die Hände wasche…“ Sie hob die Hand einen Moment an, betrachtete ihre Finger, als könnte sie dort noch immer etwas entdecken, das längst nicht mehr vorhanden war, bevor sie anfing, diese mit der anderen leicht zu reiben. „…es gibt Tage, an denen ich trotzdem schwören könnte, dass das Blut noch immer da dran klebt.“
Seine nächste Frage ließ sie den Blick für einen Augenblick wieder sinken. Warum überhaupt jemand hinter Lamia herräumen müsse. Hope atmete leise aus, weil ihr erst in diesem Moment bewusstwurde, wie selbstverständlich diese Aufgabe für sie selbst inzwischen geworden war und mit was für einer Leichtigkeit Mammon diese Frage stellte. Umso schwerer war es gerade für sie. Denn sie hatte nie darüber nachgedacht, ob es überhaupt hätte anders sein können. Es war ein Rhythmus, von dem sie das Gefühl hatte, dass sie ihn schon ihr Leben lang spielte, wie ein Metronom, was bei ihrer Geburt angefangen hatte zu schlagen. „Weil sie nie bleibt“, antwortete sie schließlich ruhig. „Sie nimmt sich, wonach ihr gerade ist, und verschwindet wieder. Irgendjemand muss hinterher die Türen öffnen, wenn die Polizei klopft. Irgendjemand muss die Fragen beantworten, auf die es keine vernünftigen Antworten gibt. Irgendjemand sitzt später in einer Zelle oder einem Verhörzimmer und versucht selbst herauszufinden, was in einer Nacht passiert ist, an die er sich selbst kaum erinnern kann.“ Sie sprach nicht ganz ohne Bitterkeit, und während sie diese Schilderungen wie eine Art Ablauf herunterspulte, war es offensichtlich, dass sie mit "jemandem" sich selbst meinte. Denn es gab nun einmal keine Alternative.
Erst als sie den Kopf wieder hob, schlich sich etwas Weicheres in ihre Stimme. „Das ist wohl der eigentliche Unterschied zwischen uns. Lamia muss nie mit dem leben, was sie hinterlässt. Ich schon.“ Ein leises Schnauben entwich ihr, denn die Dunkelhaarige konnte es nicht immer verhindern, die Verachtung gegenüber ihrer inneren Dämonin zumindest in Lauten Luft zu machen. So wirkte es zumindest für einen kurzen Moment so, als hätte sie die Macht über sie – nein, als wäre sie ihr zumindest so etwas wie ebenbürtig.
Dass Mammon den Spaß der Menschen mit einer solchen Selbstverständlichkeit erwähnte, ließ Hope zunächst irritiert blinzeln. Für einen kurzen Moment wollte sie ihm widersprechen, einfach weil sich der Gedanke falsch anfühlte. Doch kaum suchte sie nach einer Antwort, bemerkte sie, dass sie gar keine fand. Sie hatte sich diese Frage einfach noch nie gestellt. Spaß war nie etwas gewesen, wonach sie ihr Leben ausgerichtet hatte. Sie hatte gelernt, darauf zu achten, ob eine Nacht ruhig blieb, ob Lamia sich zeigte oder nicht, ob am nächsten Morgen niemand verletzt worden war und ob sie selbst noch wusste, was tatsächlich geschehen war. Dazwischen hatte für solche Gedanken kaum Platz existiert.
„Ich... weiß gar nicht, ob ich das vermisse“, sagte sie schließlich langsam mit monotoner Stimme und blickte seit langem wieder auf, während ihre Stirn sich leicht in Falten legte. Die Antwort überraschte sie selbst. Eigentlich hatte sie etwas anderes sagen wollen, doch kaum begann sie zu sprechen, schien sich der Gedanke unter ihren eigenen Worten weiterzuentwickeln, als wenn er plötzlich und unerwartet von jemandem hervorgezogen worden war. Und dieses Gefühl behagte ihr so gar nicht. Dementsprechend stockend kamen ihre Worte anschließend hervor.
„Vielleicht… vielleicht hab ich einfach irgendwann… aufgehört, darüber nachzudenken. Es war… irgendwie leichter, sich zu wünschen, dass nichts Schlimmes passiert, als sich zu fragen, was einen eigentlich glücklich macht. Oder… was einem Freude bereitet.“ Sie hielt kurz inne, ohne den Blick von Mammon abzuwenden, und zum ersten Mal beschlich sie das seltsame Gefühl, dass sie ihm gegenüber Dinge aussprach, die sie sich selbst nie so klar eingestanden hatte. Es war ihr unangenehm und sie versuchte dies tunlichst vor ihm zu verbergen. Doch ihr trockener Mund und das stetig nervöse Zucken ihres Augenlides zeigten ihre Nervosität deutlich. Sie presste die Lippen aufeinander, als würde dies die Kontrolle über ihre Gedanken – und auch ihren Körper – wieder zurückbringen. Doch stattdessen krallten sich ihre Finger fast in die Lackierung, hätte sie doch etwas längere Nägel gehabt. So drückten sich lediglich ihre Fingerkuppen auf den Flügel.
Was begehrst du? Dies traf Hope unvorbereiteter als alle Fragen bisher zuvor. Sie veranlasste nicht gerade, dass der Mund der Dunkelhaarigen weniger trocken wurde oder dass ihr Augenlid weniger zuckte. Stattdessen merkte Hope, wie sich nun auch ihre Schultern anspannten, sie sich aufrichtete, als müsse sie sich gegen ihn und dem, was er gerade mit ihren Gedanken machte, entgegenstemmen. Selbst ihre feinen Härchen auf den Unterarmen richteten sich auf, obwohl es in den Räumlichkeiten absolut nicht kalt war.
Bitte nicht… Ihre Gedanken hallten in ihrem Kopf. Abgesehen von ihrer Verwirrung würde sie in ihrem tiefsten Inneren sicherlich Dinge erkennen, die sie begehrte oder nach denen sie sich sehnte. Doch sie war absolut nicht bereit, genauer hinzuschauen. Der brachiale Verlust aller positiver Gefühle würde über sie hereinbrechen wie eine meterhohe Welle. Ob er genau dies wusste?! Fragte er genau deshalb danach? Unwillig zog sie ihre Augenbrauen zusammen und die sonst eher feinen Gesichtszüge des Mädchens wirkten mit einem Mal deutlich härter. Jahrelang hatte sie sich angewöhnt, ihre eigenen Wünsche so klein werden zu lassen, dass sie kaum noch Platz einnahmen, weil jeder Wunsch auch etwas war, das Lamia gegen sie verwenden konnte. Wenn man nichts begehrte, einem nichts fehlte, konnte einem auch nichts genommen werden – zumindest war dies als Jahren ihr Motto um sich selbst zumindest ansatzweise vor der Dämonin zu schützen.
Langsam hob sie den Blick unsicher wieder zu Mammon. „Ich weiß nicht...“, begann sie leise und mit brüchiger Stimme, verstummte jedoch sofort wieder und schloss für einen Moment die Augen. „Nein. Das stimmt nicht.“ Ihre Stirn legte sich in Falten, während sie spürte, wie ihr eigener Widerstand mit jeder Sekunde instabiler wurde. „Ich weiß es vielleicht. Ich... ich möchte bloß nicht darüber nachdenken.“ Ihre Fingerkuppen ruhten noch immer auf dem dunklen Lack des Flügels, gruben sich so stark in ihn, dass es ihr schmerzte. „Lamia begehrt Macht. Aufmerksamkeit. Sie genießt es, wenn Menschen sie ansehen, selbst dann, wenn sie Angst vor ihr haben. Sie braucht… dieses Gefühl… aber ich…“ Sie brach kurz ab, weil es nun um sie ging. Es war einfacher darüber zu sprechen, was Lamia wollte, denn Hope wusste es besser als bei sich selbst. „…Ich wünsche mir meistens genau das Gegenteil. Ich möchte nicht angesehen werden. Ich möchte irgendwo sitzen können, ohne dass jemand Angst vor mir hat oder mir etwas Schlechtes unterstellt. Ohne dass jemand darauf wartet, dass ich zur nächsten Gefahr werde. Eigentlich… wollte ich nie besonders viel.“ Mit einem Mal hallte das Lachen der Dämonin in Hopes Ohren und sie schrak dadurch unwillkürlich zusammen. Und noch während ihres Lachens formten sich darauf Worte. Süße, du weißt genau, was du begehrst und was dir fehlt.
Es knackte leise. Ein Nagel war gebrochen, dadurch, dass sie ihre Kuppen immer mehr auf den Flügel drückte. Wie ein Riss in einer schützenden Hülle, die mehr und mehr zu bersten drohte. Ihre Atmung ging hektisch und abgehackt und der Schmerz zog ihr durch den Finger. War dies gerade Lamia gewesen oder sie selbst, weil die Dämonin es nicht lassen konnte, genüsslich Salz in die Wunde zu streuen?
Das teuflische Grinsen auf Mammons Lippen ließ Hope unwillkürlich erstarren. Seit einigen Minuten hatte sie das beunruhigende Gefühl, dass jede seiner Fragen sie weiter dorthin führte, wo sie selbst seit Jahren nicht mehr hinsehen wollte, sie tiefer graben ließ, obwohl sie erfolgreich einen riesigen Berg Erde darüber gekippt hatte. Ich hätte längst schweigen sollen! Warum tu ich es nicht?! Auch der nun abwendende Blick von ihr hatte nicht die gewünschte Wirkung auf sie. Langsam lösten sich ihre Hände von der glatten Oberfläche des Flügels, während sie unbewusst einen kleinen Schritt zurücktrat. Es war eine ausweglose Flucht, es gelang ihr lediglich instinktiv wieder etwas Abstand zwischen sich und dieses merkwürdige Gefühl zu bringen, das sie nicht benennen konnte.
„Nein...“, brachte sie schließlich kaum hörbar hervor und schüttelte leicht den Kopf. „Bitte nicht.“ Doch war er nicht schon dabei, all dies aus ihr herauszukitzeln? Hatte sie eine Wahl, oder war es lediglich eine gnädige Ankündigung für etwas, das sowieso schon feststand? Es fühlte sich an, als hätten seine Worte bereits irgendwo in ihr Türen geöffnet, von denen sie geglaubt hatte, sie sicher verschlossen zu haben.
Die Frage, welche Strafe sie sich geben würde, versetzte ihr einen Stich. Nicht ins Herz, nein, in ihren Hals. Dort prangte die Narbe, welche die Dämonin ihr einst zugefügt hatte und welche mal lauter und mal leiser nah ihr rief. Ein scharfer Gegenstand… ein präziser Schnitt. Ihre Hand, deren Kuppen sich kurz vorher noch auf den Flügel gedrückt hatten, strich über die Narbe, während sie schlucken musste, doch ihren Blick nicht von dem Sohn des Teufels abwenden konnte. Den Tod. Nein nein nein. Sie konnte es ihm nicht sagen, somit presste sie lediglich ihre Lippen zusammen, während sie versuchte, Lamias hämische Stimme in ihren Ohren zu ignorieren.
Als Mammon schließlich beinahe beiläufig erklärte, dass sie nun in seiner Schuld stand, spürte Hope, wie sich etwas tief in ihrer Brust unangenehm zusammenzog. Eigentlich hätte sie überrascht sein müssen, doch sie hatte nie wirklich geglaubt hatte, die Rolex einfach behalten zu dürfen. Irgendwo hatte sie von Anfang an damit gerechnet, dass früher oder später ein Preis folgen würde, eben so ein ganz dezentes, ungutes Gefühl in der Magengegend. Es war immer so gewesen und würde weiterhin immer so sein. Immerhin hatte er ihr selbst gesagt, dass niemand etwas schenkte, ohne irgendwann etwas zurückhaben zu wollen.
Langsam senkte sie den Blick auf die Tasche, in der sich die Uhr bereits befand und mit einem Mal wirkte sie deutlich schwerer als gerade eben noch. Die Uhr war gerade lediglich ein Gegenstand gewesen, nun wirkte sie beinahe wie das sichtbare Zeichen einer Verpflichtung, deren Ausmaß sie nicht einmal ansatzweise einschätzen konnte. Ihre Hände krallte sich an den Riemen der Tasche, bis sie diese schließlich von ihrer Schulter nahm und die Tasche lautlos zu Boden ging. Ich hätte sie nicht annehmen sollen..., dachte sie bei sich. Erst danach hob sie den Blick wieder zu ihm, wobei sich ihre Finger inzwischen unbewusst ineinander verschränkt hatten. Die Frage blieb ihr einen Moment im Hals stecken. Sie wollte sie nicht stellen, denn jede Antwort konnte schlimmer sein als das Nichtwissen. „...und wenn ich sie nicht bezahlen kann?“ Ihre Stimme war ruhig, wenn da nicht am Ende der Frage dieses kleine Vibrato gewesen wäre. Auch ihre Augen verrieten in dem Schein des indirekten Lichts ihre Unsicherheit.
Für einen kurzen Augenblick glitt ihr Blick wieder zu dem Scotchglas, das noch immer auf dem Flügel stand. Ein schwaches, bitteres Lächeln huschte über ihre Lippen, weil sie selbst merkte, wie sehr Mammon sich mit seiner Frage auf der einen Seite irrte und ihr auf der anderen Seite doch erschreckend nahekam. Ja, Alkohol bedeutete für Hope noch mehr Kontrollverlust als ohnehin schon. Alkohol machte Locker und ließ die Barriere zwischen ihrer Dämonin und dem eigenen Bewusstsein schmaler und brüchiger werden. „Ich glaube nicht, dass ich Angst davor habe, dass er mir schmeckt“, antwortete sie leise und schüttelte kaum merklich den Kopf. Dann hielt hielt sie kurz inne, weil sie spürte, wie sich ihre Gedanken erneut beinahe von selbst weiterschoben. Eigentlich hatte sie lediglich dankend ablehnen wollen. Stattdessen hörte sie sich weitersprechen. „Ich hab Angst davor, nicht mehr aufzupassen.“ Sie schloss kurz die Augen, doch es gelang ihr nicht, ihre Gedanken nur für sich laut werden zu lassen. „Wenn ich damit anfange, diese Wachsamkeit einfach abzulegen... selbst nur für einen Abend...“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende, denn die Vorstellung allein genügte bereits, damit sich ihr Magen unangenehm zusammenzog. Nein, es war nicht der Alkohol, vor dem sie Angst hatte, sondern der Gedanke, auch nur für einen einzigen Augenblick die Kontrolle freiwillig aus der Hand zu geben.
Als Mammon schließlich beinahe gespielt empört fragte, ob sie tatsächlich geglaubt habe, der Sohn des Teufels könne keinen Sinn für Musik besitzen, löste sich die Anspannung in ihrem Gesicht zumindest für einen flüchtigen Moment und wurde deutlich nachdenklicher, während ihr Blick erneut über den Flügel glitt und schließlich bei den Tasten hängen blieb. „Gibt es… gibt es denn Musik in der Hölle?“ Es war eine ehrliche, interessierte Frage, wohl die erste richtige, die sie an diesem Abend gestellt hatte. „Oder wird man dort gezwungen, ständig schiefe Töne zu hören?“ War es nicht so, dass man dort gefoltert wurde? Sicherlich würde es irgendwann unerträgliche Ohrenschmerzen bereiten. „Aber Musik... fühlt sich auch irgendwie ehrlich an. Sie interessiert sich nicht dafür, wer sie spielt, solange sie gut und mit Gefühl gespielt wird.“ Sie verstummte für einen Augenblick, ehe ihr Blick unwillkürlich wieder auf Mammon fiel. Er wirkte so, als ob sie sich unsicher war, ob sie nun nicht zu viel gesagt hatte. Aber wie sollte sie sich auch diesem mysteriösen Mechanismus entziehen, der ihre Gedanken aus ihr förmlich heraussog?


