17.01.2026, 16:46
Lilith war noch mit ihren eigenen Empfindungen beschäftigt – ob es jetzt körperlich war oder emotional, wenn sich etwas in ihrem Magen zusammenzog, und wenn ja, in welche Richtung ging es? Was war der Auslöser? Mammon? Sicherlich hatte sie keine Gefühle zu ihm, oder? Zumindest keine, die in andere Richtungen gingen als die Prägung ihres üblichen Verhältnisses – Missgunst, Rivalität, Ärger. Aber wieso fühlte sie es irgendwo in ihrer Magengegend, wenn er in einem Moment, in dem sie sich so einsam, verzweifelt und ratlos fühlte wie wahrscheinlich nie zuvor, etwas Aufmunterndes sagte?
Während sie noch versuchte, ihren Körper lesen zu lernen – es war immerhin auch nicht auszuschließen, dass sie doch noch physische Auswirkungen der Tortur von letzter Nacht spürte, und wahrscheinlich war es auch genau das, nichts weiter, ähnlich wie vorhin im Auto – hinterfragte Mammon direkt, ob er etwas im Gesicht hatte. Sie verdrehte die Augen und lehnte sich wieder auf der Couch zurück. Er wäre wirklich miserabel darin, ihren Job zu machen. Gestik und Mimik anderer Lebewesen zu lesen stellte ihn vor nicht zu bewältigende Herausforderungen.
Sie schüttelte knapp den Kopf und winkte ab, aber vielmehr in einer eher angedeuteten Geste als in voller Antwort auf seine Frage. Normalerweise hätte sie an dieser Stelle die Chance nicht verstreichen lassen, ihm zu sagen, dass etwas mit seinem Gesicht nicht stimmte – einfach um mit seiner Eitelkeit und Selbstverliebtheit zu spielen. Wahrscheinlich hätte das mindestens in einer unterhaltsamen Kabbelei geendet… aber Lilith war aufrichtig nicht in Stimmung. Ihr Kopf pochte zu sehr, ihr Körper schmerzte, und dazu musste sie jetzt mit jeder Regung noch ihre eigenen Gefühle mit bedenken. Sie hatte einfach gerade keine Energie, um Mammon zu provozieren.
Seine neueste Theorie dann in Bezug darauf, was ihrem Vater eingefallen war, sie plötzlich anzugreifen: Es war eine Mischung aus einer Prüfung und seiner persönlichen Unterhaltung. Ja, auch das war möglich, zumindest theoretisch. Es war schließlich nicht so, als herrschte in ihrer Familie sonderlich viel Innigkeit untereinander. Luzifer war distanziert, herrschsüchtig und jederzeit bedacht, alles unter Kontrolle zu behalten.
Lilith hasste es, kontrolliert zu werden. Sie hasste es, wenn er seine Macht an ihr demonstrierte, weil es gegen ihre Natur ging, sich anderen Wesen unterzuordnen – selbst wenn es sich dabei um den alleinigen Herrscher der Unterwelt handelte. Sie hasste es, dass er in der Lage gewesen war, ihr so viel zu nehmen. Dass er sie in die Position gezwungen hatte, in der sie jetzt war. Sie hasste es, sich so unzulänglich zu fühlen.
Das Gefühl, das sie jetzt langsam in sich aufkeimen spürte, konnte Lilith zur Abwechslung gut zuordnen – Wut.
Mammon philosophierte währenddessen darüber, ob die ganze Sache nicht doch ein verquerer Liebesbeweis gewesen sein könnte. War das außerhalb des Möglichen? Wahrscheinlich nicht, so abwegig es sich für sie auch anhörte. Allerdings war Lilith schon zu weit in ihrer neuen Emotion, als dass sie nüchtern hätte antworten können… oder wollen.
„Vielleicht ist es langsam an der Zeit, dass ich mal anfange, meine Liebe zu demonstrieren.“
Ihre Stimme war kalt und deutlich durchzogen von allem, was sie empfand. Rachsucht. Wut. Hass. Ihr Tonfall hatte etwas Überirdisches an sich, und spätestens jetzt war es sicherlich gut, dass sie allein waren. Viele Wesen schreckten zurück davor, wenn so sehr deutlich wurde, was genau sie eigentlich war.
Mammon nicht. Er hatte wohl so ziemlich alle ihrer Launen und Gemütszustände schon einmal erlebt. Einschließlich der folgenden, als die Wucht der Emotionen, die sie von einer auf die andere Sekunde plötzlich in voller Tragweite erschlugen, während die Realität, dass sie Tan verloren hatte – vielleicht für immer, zumindest aber temporär – tatsächlich durchsackte. Es war nur so lange her, seit sie zuletzt eine Träne vergossen hatte – sie musste ein Kleinkind gewesen sein –, offenbar konnte sich keiner von ihnen daran erinnern, wie es war. Oder sich anfühlte.
Aber Lilith war mindestens genauso verstört wie ihr Bruder das war. Vermutlich noch mehr.
“Heulst du etwa?”
„Halt die Klappe“, entgegnete sie knapp und direkt. Es war beschämend, das wusste sie selbst. Aber wie sie kurz vorher erst gesagt hatte… Gefühle waren unkontrollierbar. Tans Verlust bedeutete etwas. Das hätte er sicherlich auch getan, wenn ihre Gnade noch an Ort und Stelle gewesen wäre, aber jetzt… es war alles schwerer. Qualvoller.
Inklusive der Reaktion ihres Bruders, der ihre Schande noch verstärkte, indem er sie deutlich spüren ließ, wie widerlich und verachtenswert er ihre Emotionen fand. Für einen kurzen Augenblick fühlte Lilith eine Art Schmerz in ihrer Brust, ein spitzes Stechen, in Reaktion auf seine harschen Worte. Auf die Ablehnung, die ihr entgegenschlug. Sie drehte den Kopf zur Seite, damit er sie nicht mehr sehen konnte, und wischte die Tränen mit dem Handrücken weg. Es kamen noch welche nach.
Sie hatte noch nie etwas darauf gegeben, was Mammon über sie dachte, oder was er von ihr hielt.
Es war unerträglich.
Also tat sie das Einzige, was ihr logisch erschien: sie konzentrierte sich stattdessen auf die Wut, die sie kurz vorher noch gefunden und identifiziert hatte. Wut war ein sicheres Gefühl, viel besser als Trauer oder Angst. Wut hatte sie vor kurzem schon einmal gerettet, in der Wut konnte sie sich fallen lassen. Wut machte sie nicht so verletzlich.
Nachdem er sie das inzwischen zweite Mal dazu aufgefordert hatte, griff Lilith nun nach dem Tuch, das Mammon ihr reichte. Sie nutzte es tatsächlich dazu, sich die Überreste ihrer Tränen aus den Augenwinkeln zu tupfen... und schob es dann provokativ, widerspenstig und vermutlich hauptsächlich deshalb, weil er sie so vehement zum Gegenteil beschworen hatte, ein Stück weit unter den Verband, der die große Wunde in ihrer Seite verdeckte. Bereitete ihr das Schmerzen? Natürlich. Aber die halfen ihr im Zweifelsfall nur, sich auf die Wut zu konzentrieren.
Sie knüllte das Seidentuch, inzwischen zusätzlich befleckt mit ihrem Blut, zusammen und warf es ihm an den Kopf.
„Hier, als deine gottverdammte Erinnerung für die Ewigkeit.“
Während sie noch versuchte, ihren Körper lesen zu lernen – es war immerhin auch nicht auszuschließen, dass sie doch noch physische Auswirkungen der Tortur von letzter Nacht spürte, und wahrscheinlich war es auch genau das, nichts weiter, ähnlich wie vorhin im Auto – hinterfragte Mammon direkt, ob er etwas im Gesicht hatte. Sie verdrehte die Augen und lehnte sich wieder auf der Couch zurück. Er wäre wirklich miserabel darin, ihren Job zu machen. Gestik und Mimik anderer Lebewesen zu lesen stellte ihn vor nicht zu bewältigende Herausforderungen.
Sie schüttelte knapp den Kopf und winkte ab, aber vielmehr in einer eher angedeuteten Geste als in voller Antwort auf seine Frage. Normalerweise hätte sie an dieser Stelle die Chance nicht verstreichen lassen, ihm zu sagen, dass etwas mit seinem Gesicht nicht stimmte – einfach um mit seiner Eitelkeit und Selbstverliebtheit zu spielen. Wahrscheinlich hätte das mindestens in einer unterhaltsamen Kabbelei geendet… aber Lilith war aufrichtig nicht in Stimmung. Ihr Kopf pochte zu sehr, ihr Körper schmerzte, und dazu musste sie jetzt mit jeder Regung noch ihre eigenen Gefühle mit bedenken. Sie hatte einfach gerade keine Energie, um Mammon zu provozieren.
Seine neueste Theorie dann in Bezug darauf, was ihrem Vater eingefallen war, sie plötzlich anzugreifen: Es war eine Mischung aus einer Prüfung und seiner persönlichen Unterhaltung. Ja, auch das war möglich, zumindest theoretisch. Es war schließlich nicht so, als herrschte in ihrer Familie sonderlich viel Innigkeit untereinander. Luzifer war distanziert, herrschsüchtig und jederzeit bedacht, alles unter Kontrolle zu behalten.
Lilith hasste es, kontrolliert zu werden. Sie hasste es, wenn er seine Macht an ihr demonstrierte, weil es gegen ihre Natur ging, sich anderen Wesen unterzuordnen – selbst wenn es sich dabei um den alleinigen Herrscher der Unterwelt handelte. Sie hasste es, dass er in der Lage gewesen war, ihr so viel zu nehmen. Dass er sie in die Position gezwungen hatte, in der sie jetzt war. Sie hasste es, sich so unzulänglich zu fühlen.
Das Gefühl, das sie jetzt langsam in sich aufkeimen spürte, konnte Lilith zur Abwechslung gut zuordnen – Wut.
Mammon philosophierte währenddessen darüber, ob die ganze Sache nicht doch ein verquerer Liebesbeweis gewesen sein könnte. War das außerhalb des Möglichen? Wahrscheinlich nicht, so abwegig es sich für sie auch anhörte. Allerdings war Lilith schon zu weit in ihrer neuen Emotion, als dass sie nüchtern hätte antworten können… oder wollen.
„Vielleicht ist es langsam an der Zeit, dass ich mal anfange, meine Liebe zu demonstrieren.“
Ihre Stimme war kalt und deutlich durchzogen von allem, was sie empfand. Rachsucht. Wut. Hass. Ihr Tonfall hatte etwas Überirdisches an sich, und spätestens jetzt war es sicherlich gut, dass sie allein waren. Viele Wesen schreckten zurück davor, wenn so sehr deutlich wurde, was genau sie eigentlich war.
Mammon nicht. Er hatte wohl so ziemlich alle ihrer Launen und Gemütszustände schon einmal erlebt. Einschließlich der folgenden, als die Wucht der Emotionen, die sie von einer auf die andere Sekunde plötzlich in voller Tragweite erschlugen, während die Realität, dass sie Tan verloren hatte – vielleicht für immer, zumindest aber temporär – tatsächlich durchsackte. Es war nur so lange her, seit sie zuletzt eine Träne vergossen hatte – sie musste ein Kleinkind gewesen sein –, offenbar konnte sich keiner von ihnen daran erinnern, wie es war. Oder sich anfühlte.
Aber Lilith war mindestens genauso verstört wie ihr Bruder das war. Vermutlich noch mehr.
“Heulst du etwa?”
„Halt die Klappe“, entgegnete sie knapp und direkt. Es war beschämend, das wusste sie selbst. Aber wie sie kurz vorher erst gesagt hatte… Gefühle waren unkontrollierbar. Tans Verlust bedeutete etwas. Das hätte er sicherlich auch getan, wenn ihre Gnade noch an Ort und Stelle gewesen wäre, aber jetzt… es war alles schwerer. Qualvoller.
Inklusive der Reaktion ihres Bruders, der ihre Schande noch verstärkte, indem er sie deutlich spüren ließ, wie widerlich und verachtenswert er ihre Emotionen fand. Für einen kurzen Augenblick fühlte Lilith eine Art Schmerz in ihrer Brust, ein spitzes Stechen, in Reaktion auf seine harschen Worte. Auf die Ablehnung, die ihr entgegenschlug. Sie drehte den Kopf zur Seite, damit er sie nicht mehr sehen konnte, und wischte die Tränen mit dem Handrücken weg. Es kamen noch welche nach.
Sie hatte noch nie etwas darauf gegeben, was Mammon über sie dachte, oder was er von ihr hielt.
Es war unerträglich.
Also tat sie das Einzige, was ihr logisch erschien: sie konzentrierte sich stattdessen auf die Wut, die sie kurz vorher noch gefunden und identifiziert hatte. Wut war ein sicheres Gefühl, viel besser als Trauer oder Angst. Wut hatte sie vor kurzem schon einmal gerettet, in der Wut konnte sie sich fallen lassen. Wut machte sie nicht so verletzlich.
Nachdem er sie das inzwischen zweite Mal dazu aufgefordert hatte, griff Lilith nun nach dem Tuch, das Mammon ihr reichte. Sie nutzte es tatsächlich dazu, sich die Überreste ihrer Tränen aus den Augenwinkeln zu tupfen... und schob es dann provokativ, widerspenstig und vermutlich hauptsächlich deshalb, weil er sie so vehement zum Gegenteil beschworen hatte, ein Stück weit unter den Verband, der die große Wunde in ihrer Seite verdeckte. Bereitete ihr das Schmerzen? Natürlich. Aber die halfen ihr im Zweifelsfall nur, sich auf die Wut zu konzentrieren.
Sie knüllte das Seidentuch, inzwischen zusätzlich befleckt mit ihrem Blut, zusammen und warf es ihm an den Kopf.
„Hier, als deine gottverdammte Erinnerung für die Ewigkeit.“

