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No Secrets Between Us - Mammon - 19.12.2025 No Secrets Between Us Lilith & Mammon && Straße/Valen & Vice && 02.03., MittagsSie sah noch furchtbar aus. Doch Mammon konnte seine Schwester einfach nicht dort lassen. Lilith hatte etwas Besseres verdient als das. Nichts gegen Wolfram & Hart, aber mal ehrlich, das war ihrer nicht würdig! Mammon und Lilith hatten so ihre Differenzen, aber wenn es darauf ankam, hielten die beiden zusammen. Momentan war seine Schwester nicht dazu in der Lage und brauchte seine Hilfe und Mammon? Er half ihr. Nein, noch mehr, er sorgte sich um sie. Was immer oder auch WER immer seiner Schwester dies angetan hatte, es hieß nichts Gutes. Lilith war die Tochter des Teufels und sehr mächtig-natürlich nicht so mächtig wie er, aber das war eine andere Sache. Er hatte Lilith die Autotür seiner Corvette geöffnet. Vielleicht war es ein Fehler sein Baby für diese Fahrt zu benutzen, aber andererseits… es war einer Teufelstochter würdig. Nachdem Lilith nun eingestiegen war, tat auch Mammon dies und startete den Motor. Schnell fuhr er los und nachdem die beiden ein kleines Stück gefahren waren, fing Mammon an zu sprechen. “Bevor du mir die Ledersitze versaust, wäre es schön, wenn du mir vorher bescheid geben könntest, dass du dich übergeben musst oder sonst irgendetwas aus dir austreten will, damit ich noch rechtzeitig rechts ran fahren kann.” Vielleicht kein netter Einstieg ins Gespräch, aber so war Mammon, der schließlich seufzte. “Geht’s mit den Schmerzen?” Das war nicht gerade seine Stärke. Normalerweise neckten sich die beiden oder stritten. Diese Situation war für sie beide neu. “Ich bin mir sicher, dass die Brillenschlangenfrau schnell einen Engel auftreiben kann, der dich komplett wieder zusammenflicken kann.” Das waren endlich mal aufbauende Worte, oder? RE: No Secrets Between Us - Lilith - 20.12.2025 Lilith war heilfroh, das Wolfram & Hart-Gebäude zu verlassen. Ob es rein objektiv gesehen so eine kluge Entscheidung war, blieb mal dahingestellt – ihre körperliche Verfassung war nur geringfügig besser als letzte Nacht. Sie verlor kein Blut mehr, was ein enormer Vorteil war, aber ihr Kreislauf war durch den hohen Verlust trotz Transfusionen noch deutlich angeschlagen. Hätte sie länger von ärztlicher Überwachung profitiert? Sicherlich. Aber Mammon hatte bestanden darauf, dass die Begebenheiten in der notdürftigen Krankenstation der Kanzlei unwürdig waren und Lilith hatte nicht widersprochen, sondern sich dankbar gefügt, als er erklärt hatte, dass er sie mitnehmen würde. Obwohl sie häufig viele berufliche Termine bei W&H hatte, war es schon immer eine Erleichterung für sie gewesen, diesem Ort den Rücken kehren zu können. Weil sie normalerweise alles fühlte, was hier vor sich ging, jedes Dimensionstor, das geöffnet wurde, all die Kreaturen und ihre Auren, die sich im Gebäude aufhielten und sich im Zweifelsfall sogar bekämpften. Es war ein konstantes Buzzen in ihrem Kopf, das sie fast schon benebelte und auf Dauer einfach kräftezehrend war. Normalerweise. Aktuell fühlte sich Liliths Kopf allerdings an, als wäre er vollgestopft mit Watte. Da war kein Buzzen, auch kein Prickeln, und sie konnte nicht einmal sagen, welche Wesen sich im nächsten Zimmer aufhielten, geschweige denn dass sie die Auren im Rest des Stockwerks wahrnehmen konnte. Dennoch stimmte sie recht schnell zu, Wolfram & Hart zu verlassen – weil sie sich dort nicht sicher fühlte. Jeder Raum der Kanzlei war verwanzt, da war sie sich sicher. Und je länger sie dort blieb, desto höher wurde das Risiko, dass die falschen Parteien von ihrem Zustand erfahren würden. Bevor ihr Körper nicht weit genug geheilt war, dass sie sich im Zweifelsfall selbst wieder Respekt verschaffen könnte… einfach ein zu gefährlicher Ort. Aber kein Dämonenclan würde es wagen, einfach in Mammons private Wohnräume einzudringen. So kam es also, dass er ihr jetzt draußen ins Auto half – in Kleidungsstücken, die Medea dankenswerterweise für sie besorgt hatte, was viel dazu beitrug, dass sie lange nicht mehr so auffällig war wie letzte Nacht, in ihren eigenen blutigen, zerfetzten Sachen. Vielleicht konnte Kisai bei Gelegenheit ein paar ihrer privaten Besitztümer aus ihrem LA Penthouse holen. Es war immer noch unfassbar seltsam für Lilith, überhaupt auf Hilfe angewiesen zu sein. Aber immerhin ging sie aufrecht – niemals hätte sie sich in einen Rollstuhl gesetzt oder sich dazu herabgelassen, sonstige Gehhilfen zu nutzen. Dazu war sie bei Weitem zu stolz. Dennoch, wirklich sicher auf den Beinen war sie komplett allein auch noch nicht, und das Gefühl war schwer für sie zu ertragen. Im Auto selbst nahm sie still Platz, den linken Arm über ihren Bauchraum, die rechte Hand schützend auf ihr Brustbein gelegt. Da, wo es sich für sie immer noch anfühlte als hätte sie ein klaffendes, schwarzes Loch, wo eigentlich die Essenz ihres Selbst sein müsste. Ihren Kopf lehnte sie halb an die Kopfstütze ihres Sitzes, halb an die Scheibe, den Blick leicht abwesend nach draußen gerichtet, während die Stadt an ihnen vorbeiflog. Mammon sorgte sich um das Leder seiner Sitze und bat sie, ihn bei Bedarf anhalten zu lassen. „Okay“, war ihre leise, schlichte Antwort. Das war untypisch für sie – normalerweise würde sie zurückschnappen, wenn er so mit ihr sprach, und sie würden einsteigen in einen ihrer Schlagabtausche, den sie in den allermeisten Fällen auch gewann, weil sie deutlich wortgewandter war als er. Und wenn es kein voller Schlagabtausch war, dann wenigstens ein wohlwollendes Necken; das war ihre Art des Umgangs miteinander seit einer halben Ewigkeit. Mammon sagte oft genug, dass er sie gut hatte leiden können, bis sie angefangen hatte ihm Widerworte zu geben… und wenn Lilith ihren eigenen Erinnerungen glauben schenkte, dann war das früh gewesen. Sie hatte einfach keine folgsame, genügsame Persönlichkeit, sie beide nicht. Das führte oft genug zu Reibung. Dennoch, sie konnte sich erinnern, dunkel, an Momente ihrer Kindheit, in denen er sie Huckepack getragen hatte, weil sie gerade gelernt hatte zu fliegen und das mit der Landung noch nicht so gut lief, und sie sich beide Knie, die Handflächen und das Kinn aufgeschlagen hatte. Der Gedanke an ihre Flügel ließ sie unwillkürlich den Druck auf ihre rechte Hand verstärken, so als würde das den Schmerz des Verlustes verringern können. “Geht’s mit den Schmerzen?” Und da war er auf einmal, ein kleiner Blitzer des Bruders, der ihr damals die Hand gereicht, ihr aufgeholfen und sie nach Hause getragen hatte. Kurzzeitig dachte sie, dass sie tatsächlich auf seine Bitte eingehen und ihn anhalten lassen müsste, weil sich in ihrem Magen etwas regte… aber dann stellte Lilith fest, dass es nur wieder eines der tausend Gefühle war, die sie plötzlich hatte. Es waren so viele, ständig ein anderes, dass sie sie nicht einmal konkret zuordnen konnte. Sie hasste es mit jeder Faser ihres Körpers. „Ja.“ Sie versuchte sich lieber auf die nüchterne Antwort seiner Frage zu fokussieren als darauf, worunter sie sonst noch neuerdings litt. Anders als Gefühle waren Schmerzen nichts Neues. Das war nicht die erste Folter gewesen, die sie durchlitten hatte. Sie heilte langsamer, aber wie Mammon jetzt auch bemerkte, wäre es im besten Fall nur noch eine Frage der Zeit, bis sie in dieser Hinsicht Unterstützung bekam, sobald Medea einen Engel aufgetan hatte. „Ja, sie scheint mir sehr kompetent zu sein.“ Obwohl die Aufgabe nahezu unmöglich zu lösen schien – einen Engel zu beschaffen, der freiwillig die Heilung übernahm für die Tochter des Teufels – aber wie auch Mammon war Lilith in den letzten Stunden ausreichend beeindruckt worden von Medeas Verbindungen und ihrer Expertise. Sie stellte nicht einmal in Frage, dass die Dämonin erfüllen würde, was sie zugesagt hatte. RE: No Secrets Between Us - Mammon - 20.12.2025 Es war komisch… So hatte Mammon seine Schwester noch nie erlebt. So ruhig und so in sich gekehrt. Das war erschreckend. Sie so zu sehen, war erschreckend. Wie hatte es soweit kommen können? Nein, die wichtigere Frage war, WER hatte ihr das angetan. Wer in Dads Namen war so mächtig? Hatte Mammon Angst? Vielleicht, doch Mammon war nicht der Typ dafür. Er wurde nicht so erzogen Angst zu haben. Angst war ein Gefühl für Schwächlinge. Doch Mammon war keine schwache Person. Oh nein, er war der Sohn des Teufels! Doch zurück zu Lilith, die nun einfach schweigend im Auto saß und es so vorkam, dass sie alles einfach alles über sich ergehen lassen würde. Zum Glück fiel sie jetzt nicht mehr durch ihre blutige Kleidung auf. Eins musste man der Brillenschlangenfrau lassen. Sie hatte Geschmack, was die Kleidung anging. Natürlich noch immer nicht eines Teufelskind würdig, aber annehmbar. Mammon fing an zu sprechen und bat sie darum, vorher Bescheid zu sagen, wenn sie sich übergeben müsse oder irgendetwas Anderes, was seine Ledersitze versauen könnte. Der Teufelssohn hatte sich schon darauf eingestellt, dass ein typischer Kommentar kam, aber nichts… rein gar nichts. Lilith antwortete nur mit einem Okay. Wie, das war es? Da kam nicht mehr? Irritiert blickte er kurz zu seiner Schwester. Jedoch nicht zu lang, denn selbst Mammon musste sich auf den Verkehr konzentrieren. Doch es war irritierend. Das war so untypisch für sie und für einen Moment war Mammon überfordert, wie er reagieren sollte. Sollte er vielleicht nachsetzen? Sollte er es einfach dabei belassen? Sie wirkte so… gebrochen. Wo war nur seine so selbstbewusste Schwester, die nur zu gern das letzte Wort hatte? Ein neuer Versuch von Mammon Lilith in ein Gespräch zu verwickeln. Diesmal auch nicht Mammon typisch. Er fragte nämlich, ob es mit den Schmerzen ging. Oh würde Fred ihn dies fragen hören, sie würde ihm diese Frage nicht abkaufen. Doch in Mammon steckte jemand, der durchaus für Andere Fürsorge zeigen konnte, der für andere da war. Nur diese Seite an ihm war tief in ihm verborgen. Lilith hatte sie vermutlich als Einzige jemals erlebt gehabt. Damals als sie noch jung war. Das war auch schon eine Ewigkeit her gewesen. Seitdem war diese Seite von Mammon nie wieder zum Vorschein gekommen. Nie wieder… bis auf jetzt. Erneut blickte er zu ihr. Wie gebrochen sie doch aussah. Was musste sie durchgemacht haben um so zu sein? Dennoch kam sie durch, für einen Hauch von Moment, als sie mit einem einfach ja geantwortet hatte. Lilith war schon immer eine starke Person gewesen und selbst jetzt, wo es eigentlich offensichtlich war, dass sie Schmerzen hatte, riss sie sich zusammen. Selbst hier, wo sie unter sich waren. Dennoch, Lilith antwortete nur knapp und Mammon musste zugeben, dass er es kaum ertragen konnte seine Schwester so zu sehen. Es folgte nun ein dritter Versuch. Das normale Necken hatte irgendwie nicht funktioniert und auch die Frage, ob es mit ihren Schmerzen ging war eher… erfolglos gewesen. Was war also, wenn er ihr Mut zusprach? Auch eher untypisch für Mammon, aber wenn er es dadurch schaffte irgendwie mehr Konversation mit seiner Schwester zu führen, dann musste man eben auch mal ungewöhnliche Wege gehen. So sprach er Optimismus aus und ja, es war indirekt auch ein Lob an Medea gewesen. Zwar kannte er ihren Namen nicht, aber sie hatte es geschafft, dass Mammon sich an sie erinnerte und ehrlicherweise würde das auch so bleiben, denn es war wohl Medea zu verdanken, dass Lilith so schnell Hilfe bekommen hatte. „Ja, sie scheint mir sehr kompetent zu sein.“ Hatte er es jetzt geschafft? Zumindest war es nicht nur ein Wort, sondern schon ein ganzer Satz. “Für einen einfachen Dämon gar nicht so übel.” Das musste sogar Mammon anerkennen, der nun wieder Gas gab, als die Ampel auf grün umschaltete. Es würde nicht mehr so lange dauern, bis sie beim Nachtclub ankommen würden. “Dir wird der Club gefallen. Überall Personen, die sich ganz ihrer Begierde hingeben. Außerdem macht mein Barkeeper die besten Drinks.” Versuchte er nun weiter das Gespräch fortzuführen. Vielleicht konnte er sie ein wenig aufheitern? “Ach und wir sollten Kisai bescheid geben, dass er dir neue Klamotten besorgen soll.” RE: No Secrets Between Us - Lilith - 21.12.2025 Normalerweise wäre es Lilith sofort aufgefallen, wenn Mammons Stimmung sich änderte. Menschliche Wut war eines ihrer liebsten Gefühle, weil Menschen so viel intensiver fühlten als die meisten anderen Wesen und ihre Wut daher auch besonders stark in ihrer Aura zu erkennen war. Wut fühlte sich, je nach Intensität, für sie heiß an, kribbelnd auf der Haut, energetisch. Daher machte es ihr auch so einen Spaß, ihn zu ärgern – Mammon war leicht auf die Palme zu bringen, wenn man ihn gut kannte. Und seine Aura aufgrund des Teils in ihm, der menschlich war, unterhaltsamer als die meisten anderen Wesen in der Hölle. Entsprechend aufmerksam war sie auch für seine Stimmung und Änderungen in seiner Aura. Wenn ihn etwas irritierte, dann war das meist ihr erster Ansatzpunkt, um seine Gefühle sogar noch zu beeinflussen. Aber jetzt bemerkte sie es nicht. Womöglich waren es die Schmerzen, denn ja – selbst wenn sie zu stolz war um es zuzugeben, selbst wenn sie schon das und Schlimmeres erlebt hatte, natürlich waren sie ein konstantes Pochen in ihrem Körper, das sich nicht vollkommen ausblenden ließ. Viel schlimmer und penetranter aber war das, worin sie bisher weder Erfahrungen noch sonstige Referenzwerte hatte: Gefühle. Sie kamen so schnell, so viele auf einmal und alle durcheinander, dass es ihr schwer fiel, überhaupt alle zu benennen. Manchmal war eins deutlich wahrnehmbarer als die anderen – wie eben, als ihr aufgefallen war, dass Mammon sich um sie sorgte, zum ersten Mal seit Jahrhunderten. Manchmal wechselten sie so schnell, dass es sich anfühlte wie ein Schleudertrauma. Aber generell waren sie immer da. Es war als wäre sie ununterbrochen unter Beschuss, und jemand hatte sie ihrer Rüstung beraubt. Abgesehen davon also, dass sie verletzt war, sich auch heute vehement geweigert hatte, Medikamente von Wolfram & Hart anzunehmen, die nicht unbedingt nötig waren – etwa Schmerzmittel – wurde Lilith auch von Minute zu Minute mehr klar, dass sie sich in einem Körper zurecht finden musste, den sie nicht kannte. Von dem sie nicht wusste, wie er funktionierte. In einem Umfeld, einem Leben, das sich in den letzten 24 Stunden um 180 Grad gedreht hatte. Und diese verdammten Gefühle benebelten ihr den Kopf. Mammon merkte währenddessen an, dass Medea besonders für eine Dämonin gar nicht so übel war. Ja, Dämonen waren niedere Wesen, so sah man sie in der Hölle. Sie waren das Äquivalent zu den Menschen auf der Erde, unvollkommen und fehlerhaft schon im Design im Vergleich zu den Engeln. Aber das waren die Menschen, wie gesagt, auch – und dass er halb Mensch war, blendete Mammon in solchen Situationen gerne aus. Und Lilith, für ihren Teil, hatte schon immer guten Rückhalt unter sorgfältig ausgewählten Dämonen gefunden. Natürlich gab es auch in dieser Spezies Totalausfälle, aber… die existierten überall. Sie fand aber nicht die Energie, etwas darauf zu erwidern und ließ den Satz deshalb einfach unkommentiert stehen. Es war ihr sehr bewusst, wie ungewöhnlich dieses Verhalten für sie war; nicht auf seine Worte einzusteigen, egal was er sagte. Gar nichts zurückzugeben jenseits von nüchternen Antworten auf direkt gestellte Fragen, keine Konter, keine Verteidigungen. Sie hatte einfach aktuell nichts in sich, das sie Mammon hätte geben können, egal in welche Richtung. War ihr Charakter, alles was sie war und was sie ausmachte, auch mit ihrer Gnade verschwunden? War sie nur noch eine Hülle, deren Essenz nun in einem Glasgefäß um Luzifers Hals hing? Sie schluckte, um hoffentlich den Kloß loszuwerden, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, und stellte gleichzeitig fest, dass Mammon immer noch mit ihr sprach. Irgendwas über einen Club… den Beginn seines Satzes hatte sie leider verpasst. Aber sie hatte in den letzten Monaten gehört davon, dass er sich etwas aufgebaut hatte auf der Erde, seine Kräfte wiedererlangt hatte, aber dennoch nicht zurückkehren wollte in die Hölle. Ob es daran lag, dass er die Auflagen ihres Vaters nicht erfüllt hatte und nun zwar wieder seine Macht, aber keine Einladung nach Hause bekommen hatte, oder ob er diese Ebene nun wirklich bevorzugte – das wusste sie nicht. Wahrscheinlich würde sie es bald erfahren, wenn sie darüber sprachen, was geschehen war. „Ich könnte einen Drink gebrauchen“, entgegnete sie schließlich, weiterhin nur halblaut; wahrscheinlich war es auch für ihn offensichtlich, dass sie gedanklich nicht so ganz anwesend war. Normalerweise hätte sie definitiv größeres Interesse gezeigt an einem Club, der Sünde und Begierde aus allen Besuchern herauskitzelte. Ja, das wäre genau ihr Ding gewesen – Lust war ihre liebste Empfindung direkt nach der Wut. Je unbändiger, desto besser. Und dann schlug Mammon vor, dass Kisai ihr neue Kleidung besorgen könnte, und Lilith bemerkte, wie zumindest der Anflug eines unwillkürlichen Lächelns über ihre Mundwinkel zuckte. Manchmal merkte man doch, dass sie viel gemeinsam hatten und ähnlich dachten. Es war, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „In meinem Penthouse Downtown sollten noch welche sein“, war ihre Antwort, und eigentlich wollte sie auch noch etwas hinzufügen, aber dann wurde ihr plötzlich auf eine ganz finale und unangenehme Weise klar, dass nicht nur ihre Sachen dort waren, sondern auch Tans, und dass es eigentlich deren Job gewesen wäre, sie zu holen… nicht Kisais. Aber Tan war nicht mehr da. Und dieser Gedanke ging wieder mit einer ganzen Welle an Gefühlen einher, die Lilith zu diesem Zeitpunkt nicht verarbeiten konnte. RE: No Secrets Between Us - Mammon - 23.12.2025 Gefühle konnten richtige Arschlöcher sein. Sie kamen wann sie wollten und konnten so kompliziert sein. Mammon wusste von was er da sprach. Eigentlich war er jemand, der der Meister darin war Gefühle zu ignorieren oder zu verleugnen. Eine Fähigkeit, die er ind er Hölle gelernt bekommen hatte. Es gab einfach Gefühle, die man in der Hölle nicht brauchen konnte. Liebe, (Für-)Sorge, Mitgefühl, Mitleid oder gar ein schlechtes Gewissen haben, waren einfach Gefühle, die für niedere Wesen bestimmt waren, wie die Wesen, die auf der Erde lebten. Der Teufel und erst recht die Teufelskinder standen über solchen Gefühlen. Da war es auch nur logisch, dass Mammon vehement verleugnete, was er eigentlich für diese Halbdämonin empfand. Doch gerade ging es nicht um seine Gefühle. Er kam ganz gut damit zurecht, ausgenommen jetzt mal die Sache mit Fred,aber sonst… er hatte ansonsten keinerlei Probleme mit seinen Gefühlen. Doch Lilith? Sie hatte bis vor kurzen noch eine Gnade gehabt. Aber jetzt… jetzt wurde sie von den Gefühlen überrannt. War es da so verwunderlich, dass sie jetzt so wortkarg war? Nun, es war ungewohnt und Mammon musste sich erstmal kurz mit der neuen Situation vertraut machen. Keine widerworte gebenden kleinen Schwester neben sich sitzen zu haben, sondern eine gebrochene Person, die nicht nur körperliche Schmerzen zu haben schien, sondern nun auch noch mit Gefühlen klarkommen musste. Doch Mammon gab sein Bestes um Lilith irgendwie abzulenken. Schließlich hatte er gemerkt, dass sie nicht bei der Sache war bzw. ihn nicht wirklich zuhörte. Aber sie tat es nicht um ihn zu ärgern, sondern weil sie momentan mit anderen Dingen zu knabbern hatte. Wenigstens als das Wort Drinks fiel, reagierte Lilith darauf. Tja, wer konnte auch schon zu einem guten Drink nein sagen? “Vielleicht auch zu mehr Drinks? Hey… vielleicht kannst du dich ja jetzt betrinken und alles ertrinken lassen.” Ja, so sagten das die Menschen doch, oder? “Ich habe alles an Alkohol da, was du dir nur vorstellen kannst. Du hast also freie Wahl.” Das war doch mal was, oder? Tja und das Beste… Alles umsonst. Was ihre Klamotten anging, nun darum sollte sich Kisai kümmern. “Ich rufe ihn an, sobald wir bei mir sind.” Teilte er ihr mit und tatsächlich dauerte es wirklich nicht mehr lang. Mammon bog noch 2 Mal ab und dann fuhr er auch schon in eine Garage rein. Wenn Mammon mal ehrlich war… er war froh Kisai zu haben. Ohne diesen hätte er es nie so unauffällig geschafft so etwas hochziehen zu können. Kisai war einfach der Ruhigere von ihnen beiden. Mammon parkte schließlich ein und stellte den Motor ab, ehe er dann ausstieg und dann Lilith, soweit sie seine Hilfe brauchte, dabei half auszusteigen und zum Aufzug zu gehen. “Wir sind gleich da.” Verkündete Mammon ihr und sie beide stiegen in den Aufzug ein. Mammon drückte einen Knopf und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Nur wenige Augenblicke später öffneten sich wieder die Türen und sie waren in seinem Penthouse angekommen. “Hier ist eine kleine Auswahl an Getränken.” Er deutete auf seine kleine Bar. “Such dir schon mal aus, was du trinken willst, ich beauftrage in der Zeit Kisai, dass er sich um deine Klamotten kümmert.” Und so holte er sein Handy heraus und rief Kisai an. Das Gespräch dauerte nicht lang und dann war Mammon auch schon wieder bei seiner Schwester. “Also Schwester… was kann ich dir einschenken, ehe ich dich ausfragen werde, was passiert ist?” RE: No Secrets Between Us - Lilith - 23.12.2025 Als Mammon mutmaßte, dass sie sich jetzt womöglich betrinken konnte, warf Lilith ihm einen seitlichen Blick zu, eine ihrer wohlgeformten Augenbrauen skeptisch nach oben gezogen. Ihr war bewusst, was er versuchte zu tun – mittlerweile wurde es auch für ihren abgelenkten Kopf sehr offensichtlich wie irritiert er davon war, dass die Situation zwischen ihnen so anders lief als sonst. Dass sie ihm nicht die schlagfertige, wortgewandte Diskussionspartnerin geben konnte, die er normalerweise immer zuverlässig in ihr fand. Er wollte ihre Stimmung heben, irgendwie, sei es damit sie darauf hinzuweisen, welche positiven Aspekte ihre neue Situation eventuell mit sich brachte. Aktuell fiel es Lilith noch schwer zu erkennen, inwiefern der vollkommene Verlust über ihren Körper und ihre geistigen Fähigkeiten unter Alkoholeinfluss etwas Gutes sein sollten. Andererseits hatte sie auch noch nie unter Emotionen gelitten… tranken die Menschen deshalb? Um ihre Gefühle erträglicher zu machen? Falls dem so war, dann hoffte sie inständig, dass sich die Wirkung des Alkohols auf ihren Körper tatsächlich verändert hatte. „Kannst du es? Dich betrinken?“ Nicht, dass das ein Anhaltspunkt für sie wäre – immerhin hatte er einen Teil Mensch in sich. Sie mochte zwar ihre Gnade verloren haben, aber menschlich wurde sie deswegen noch nicht. Dennoch, sie wusste, dass er, anders als sie, schon immer eigene Gefühle gehabt hatte; sie konnte sich erinnern, wie mühselig daran gearbeitet wurde, ihm die abzuerziehen. Bis jetzt hatte sie sich für diesen Teil seiner Vergangenheit nur nicht besonders interessiert, weil es sie nicht betroffen hatte. Sie wusste sehr detailliert darüber Bescheid, was an seiner Menschlichkeit Mammon verwundbarer machte gegenüber reinen Engeln – um im Zweifelsfall einschreiten zu können. So wie er das letzte Nacht für sie getan hatte. Aber wie sein Körper sich unter Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen verhielt? Damit hatte sie sich noch nie beschäftigt. Als er schließlich erklärte, dass er Kisai schicken würde, um ihre Kleider zu holen, drehte Lilith sich erstmals seit Beginn der Unterhaltung vollständig zu Mammon um. Er musste weiterhin fahren und entsprechend die Umgebung im Blick behalten, also würde er ihren Blick nicht erwidern können, zumindest nicht zu gleichen Teilen. Aber vielleicht war das auch gar nicht so schlecht. „Danke“, antwortete sie, ihre Stimme inzwischen etwas gefestigter als vorher. Die Doppeldeutigkeit ihrer Worte schwang klar in ihrem Tonfall mit – es ging lange nicht nur um Kisai, nicht um ihre persönlichen Habseligkeiten. Sondern alles. Die letzte Nacht, die Umstände. Ihr Leben. Das hatte sie sicherlich zu enorm großen Teilen Medea zu verdanken, aber Mammon war da gewesen, als sie ihn gebraucht hatte. Und er war es immer noch, als sie schließlich ankamen und das Auto verließen. Da Lilith sich geweigert hatte, Gehhilfen anzunehmen, war ihr gebrochenes Bein lediglich geschient. Und sie hatte Heilkräfte, aber die riesige klaffende Bauchwunde mit diversen inneren Blutungen, die ihr vergangene Nacht in mühseliger Kleinstarbeit der W&H-Ärzte genäht worden war, spürte sie auch noch sehr deutlich. Sie versuchte ihr Bestes, möglichst selbstständig zu gehen, aber spätestens jetzt war es ihr nicht mehr möglich so zu tun als hätte sie keine Schmerzen. Eine Hand auf ihre Seite und ihren Bauch gepresst, so als würde das in irgendeiner Weise die Schmerzen lindern, die sie hatte, sobald die Schwerkraft auf ihren Körper wirkte, musste sie mit der anderen nach Mammon greifen. Er trug sicherlich mehr ihres Körpergewichts in Richtung Aufzug als sie das tat. Trotzdem war sie außer Atem, als sie oben ankamen, und ihr Puls entsprechend hoch. Das Penthouse war offen gestaltet, und Lilith deutete mit einem sachten Kopfnicken zur Sitzgruppe im Wohnbereich. Niemals könnte sie in ihrer Verfassung auf einem Barhocker sitzen, egal wie viel stilvoller es wäre, ihren Drink dort einzunehmen. Bis Mammon wiederkam, hatte sie bereits ihr Bein hoch- und ihren Oberkörper leicht in die Kissen gelehnt, um hoffentlich die Schmerzen etwas einzudämmen. „Vorzugsweise einen Scotch. Single Malt, neat.“ Ob er den hatte konnte sie von hier aus schlecht beurteilen, und offensichtlich war sie zu schlecht zu Fuß um zur Bar zu gehen und selbst nachzuschauen. Aber falls nicht, kannte sich Mammon gut genug mit Spirituosen und diversen Whiskeysorten aus, um ihr eine Alternative anbieten zu können. Auf seine zweite Bemerkung – die Fragen danach, was passiert war – ging sie noch nicht ein. Sie wusste, dass es kommen würde, aber den Drink hatte sie vorher sicherlich verdient. RE: No Secrets Between Us - Mammon - 26.12.2025 Es war mehr als irritierend. Schließlich war das immer eine Konstante gewesen. Es war irgendwie einfach ein Muss gewesen, dass sie sich gegenseitig nicht die Butter vom Brot nehmen ließen und diskutierten und neckten, was das Zeug hielt. Ja, Mammon sagte zwar immer wieder, dass sie ihm damit auf die Nerven ging, aber insgeheim vermisste er gerade genau diese Tatsache. Hatte er gerade so etwas, wie mitleid für sie übrig? Sorgte er sich gerade um sie und versuchte deshalb alles um seine Schwester irgendwie aufzumuntern? Er? Oh nein, er tat es ganz bestimmt nicht aus diesen Beweggründen. Nicht wegen solcher Gefühle. Er tat es, weil… ihretwillen. Außerdem war es doch einer Teufelstochter unwürdig so… naja eben so zu sein. Ja, genau, das war der Grund. Zum Glück ging es jetzt ums betrinken. Ob er es konnte? “Es dauert eine Ewigkeit, aber irgendwann… ja, ich kann mich betrinken.” Gab er zu. Schließlich wussten sie ja beide, dass er eben auch halb Mensch war. Somit war er dazu auch in der Lage sich zu betrinken. Zum Glück hatte er keine Geldsorgen, sonst würde er sich wohl nie betrinken können. „Danke“ Diese Worte führten dazu, dass er sich nun doch nochmals zu ihr umdrehen musste und sie irritiert ansah. Sie… danke… ihm?! Irgendwo war ihm bewusst, dass dieses Bedanken sich nicht nur auf die Beauftragung von Kisai bezog, sondern auf mehr. Doch wollte er das wahrhaben? Nein, irgendwie nicht. Wollte er sich damit irgendwie auseinandersetzen? Nein, irgendwie auch nicht, denn dann müsste er sich irgendwie richtig deutlich machen, dass er seine Schwester mochte, nein mehr sogar und für sie so einiges in Kauf nehmen würde. Also tat er das, was er sehr gut konnte, und redete sich selbst ein, dass dieses Danke eben nur für dafür galt, dass er Kisai bescheid geben würde und winkte ab. “Ach, dafür ist er doch da und er wird in Nullkommanichts deine Sachen holen gehen.” Kisai war unentbehrlich und Kisai wollte auf diesen auf gar keinen Fall verzichten. Kisai war schließlich seine rechte Hand, sein Vertrauter und irgendwo auch so etwas, wie ein Freund. Kisai war Mammon nicht egal, wäre dem nämlich so gewesen, hätte Mammon sich sicher sonst nicht die Mühe gegeben diesen ein Blinddate zu organisieren. Schließlich waren sie an ihrem Ziel angekommen und Mammon gab seiner Schwester sie Hilfe, die sie gerade brauchte und auch zuließ. Es musste dafür kein Wort gewechselt werden. Alles ging auch ohne Worte und so stützte er sie. Oben in seinen vier Wänden angekommen, half er ihr noch bis zur Sitzgruppe, sodass sie dort sich niederlassen konnte. Lilith hatte viel durchgemacht und vermutlich konnte er gar nicht nachvollziehen, wie viel Schmerzen sie gerade noch immer hatte. Was konnte er also tun? Sie so normal, wie möglich zu behandeln und das ging am besten damit, dass er ihr einen Drink anbot. Ein Scotch sollte es werden, aber nicht irgendeiner, sondern ein ganz bestimmter. Ob Mammon den hatte? Aber natürlich! Wer einen Nachtclub führte, der hatte auch soetwas da und so holte er zwei Gläser, suchte dann die Flasche heraus und goss etwas in die Gläser ein. Mit beiden Gläsern in der Hand ging er dann zu Lilith, überreichte ihr ein Glas und setzte sich dann in einen der Sessel gegenüber von ihr. Mammon prostete ihr noch zu, ehe er sich einen Schluck gönnte und sich dann in seinen Sessel zurücklehnte. Neugierig blickte er nun Lilith an. “Was in Dads Namen ist passiert? Wer ist so mächtig, dass er es schafft dir deine Gnade zu rauben?” Vielleicht wäre Smalltalk angebracht und eigentlich war Mammon gar nicht so schlecht darin, aber er war auch jemand, der frei heraus sprach. RE: No Secrets Between Us - Lilith - 27.12.2025 Es gelang ihr tatsächlich, Mammons Irritation noch zu verstärken, indem sie sich bei ihm bedankte. Dadurch, dass sie sich nun umgedreht hatte, konnte Lilith seinen Blick diesmal sehr gut erkennen – sie wusste, dass er verstanden hatte, was sie meinte. Und dann sah sie, wie sich fast ein ganzer Film an Ausdrücken in seinem Gesicht widerspiegelte, zumindest ein paar Sekunden lang, ehe er sich wieder der Straße zuwandte und erklärte, dass es Kisais Job war, genau diese Dinge zu tun. Wäre sie nicht so geübt darin, andere Lebewesen – hauptsächlich Menschen – zu lesen und ihre Schwachstellen zu erkennen, um sie dann um ihre Seele zu bringen… vielleicht wäre es ihr entgangen, so schnell wie es Mammon gelang, seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu bringen und zum eigentlichen, oberflächlichen Thema ihres Gesprächs zurückzukehren. An einem anderen Tag hätte sie an gleicher Stelle vielleicht den Finger in die Wunde gelegt und wieder hervorgezogen, was er so gut versuchte zu kaschieren. Heute allerdings war Lilith zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt – den körperlichen Schmerzen, aber insbesondere auch der Tatsache, dass sie überhaupt besagte Dankbarkeit empfand und das Bedürfnis hatte, sie zu äußern. All diese Empfindungen waren so neu für sie und sie hatte keinen blassen Schimmer, welche sie beachten, ignorieren oder am besten komplett ausmerzen sollte. Vielleicht lag das auch an dem enormen Blutverlust, den sie letzte Nacht erlitten hatte, und der ihr immer noch ordentliche Kopfschmerzen bereitete und sie hin und wieder grelle Ränder an ihrem Sichtfeld erkennen ließ. Wahrscheinlich war es das. Hoffentlich. Der Weg nach oben war für Lilith eine Tortur. Es gab schon Gründe, warum schwere Verletzungen typischerweise nicht mit Ortswechseln einhergingen, das wurde ihr nun schmerzlich bewusst. Dennoch, sobald sie Mammons Wohnung betreten hatten, die Türen des Aufzugs sich schlossen und sie im Wohnbereich zur Ruhe kam, erkannte sie, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Sie war nie zuvor hier gewesen, aber ihr Körper entspannte sich dennoch auf eine Art und Weise, wie es ihr bei Wolfram & Hart nicht möglich gewesen war. Vielleicht war es die Gewissheit, dass es seine Räume waren. Vielleicht die Tatsache, dass gewisse Dinge zwischen ihnen nonverbal funktionierten, und dass das in ihrer aktuellen Situation, in der sie sich fremd fühlte in einem Körper, der nicht funktionierte, wie er sollte, einer der einzigen Punkte in ihrer Existenz waren, die noch Sinn ergaben. Mammon war in diesem Moment Vertrautheit für sie. Sicherheit. Was das bedeutete... Lilith entschied sich, den Gedanken nicht weiter zu verfolgen. Sie hatte schon genügend Kopfschmerzen. Einen kurzen Moment war sie allein, während ihr Bruder mit Kisai telefonierte. Ihre Bewegungsfreiheit leider eingeschränkt, konnte sie sich nicht groß in der Wohnung umsehen, abgesehen davon, was sie von hier aus erkennen konnte. Aber… eines sprang ihr sofort ins Auge. „Hervorragender Flügel“, kommentierte sie, das Glas annehmend, das Mammon ihr reichte, bevor er sich in einem Sessel niederließ. „Ich hab dich nicht mehr spielen hören seit… bestimmt 200 Jahren. Mindestens.“ Zuhause war kein Platz für Musik. Nicht diese Art von Musik. Aber als die Menschen Tasteninstrumente erfunden hatten… sie erinnerte sich daran, wie besessen Mammon gewesen war, damals in Italien. Aber bis letztes Jahr hatte er nicht wirklich viel Zeit auf der Erde verbracht und… nun ja. Zuhause war eben kein Platz für Musik. Luzifer würde das Instrument wahrscheinlich persönlich in Brand stecken, wenn er erfuhr, dass Mammon damit seine Zeit vergeudete. Er prostete ihr zu und Lilith erwiderte die Geste knapp, ehe sie ihr Glas vollends erhob und es in einem Zug austrank. Das war nicht die Art und Weise, wie man einen guten Scotch in all seinen Geschmacksnoten genoss, und allein der Flasche nach zu urteilen war Mammons privater Alkoholvorrat mit teuren und hochwertigen Exemplaren bestückt. Aber wenn sie in ihrem neuen Körper die Chance hatte, betrunken zu werden und ihre Gefühle auf diese Art zu betäuben, auch wenn es im Zweifelsfall länger dauerte, dann war es höchste Zeit, dass sie damit anfing. “Was in Dads Namen ist passiert? Wer ist so mächtig, dass er es schafft dir deine Gnade zu rauben?” Und sie wusste auch genau warum. Mammon war noch nie jemand gewesen, der ein Blatt vor den Mund genommen hatte, und in den meisten Fällen schätzte sie diesen ehrlichen Umgang mit ihm sehr, auch wenn die Form und Taktlosigkeit hin und wieder zu wünschen übrig ließen. Aber jetzt fühlte es sich an, als würde er ihr die Pistole auf die Brust setzen. Es war schwerer als sie erwartet hätte. Darüber zu sprechen, was passiert war, letzte Nacht… so vollkommen unerwartet. Sie hatte es selbst noch nicht komplett sortiert und durchdacht, eingeordnet… und ganz bestimmt auch nicht verarbeitet. Vor allem nicht das, aus Scheu vor all den Gefühlen, die sie nun bewusst heraufbeschwören würde, wenn sie davon erzählte. Gefühle, mit denen sie nicht umzugehen wusste. Schon jetzt nicht – wie auf Kommando waren da Sorge. Angst. Unsicherheit. Mammon, wie würde er reagieren? Wäre er auf ihrer Seite? Oder würde er sie lächerlich machen dafür, dass sie es nicht früher geschafft hatte, sich zu befreien? Bevor es soweit gekommen war? Aber woher hätte sie ahnen sollen, dass… Lilith streckte sich, eine Hand auf die schmerzende Wunde in ihrer Seite gepresst, und griff nach der Flasche auf dem Tisch, um ihr Glas wieder aufzufüllen. Vielleicht um Zeit zu schinden. Vielleicht um die Nervosität in den Griff zu bekommen, weil sie anders nicht wusste wie. Sie war normalerweise nicht nervös. Oder ängstlich. Vor allem das nicht. Aber Mammon… er hatte sich verändert, in den letzten Monaten. Die Zeit, die er hier auf der Erde verbracht hatte – sie machte irgendwas mit ihm. Es war subtil, und wahrscheinlich gar nicht so sehr bemerkbar, wenn man ihn nicht so gut kannte. Er war immer noch vorlaut und von sich selbst überzeugt mit deutlichen Neigungen zum Größenwahn. Er hatte offenbar seine Kräfte zurück und bevorzugte es, wenn alle Personen im Raum nach seiner Pfeife tanzten. Aber… da war noch mehr. Er spielte wieder Klavier. Sie atmete einmal tief ein, lehnte sich wieder zurück, ihr Glas in der Hand, und entschied sich für die schlichte, ehrliche Antwort auf seine Frage. „Er war es.“ RE: No Secrets Between Us - Mammon - 28.12.2025 Ja, tief im Inneren wusste er es. Doch es wahrhaben wollen? Nein, das fiel ihm wirklich schwer. Erst Recht solche Worte von seiner Schwester zu hören war irgendwie… kaum zu glauben. Nie hätte es soetwas gegeben, wenn sie noch ihre Gnade gehabt hätte. Nie hätte sie sich auf diesem Niveau begeben. Dankbarkeit war auch eine Art Schwäche. Man hatte etwas selbst nicht hinbekommen und die Hilfe von anderen gebraucht und das war schwach. Tja und die Wesen, wie Mammon und Lilith, standen eben über solchen Dingen. Nun zumindest dachte Mammon dies so lange, aber jetzt? Jetzt überzeugte Lilith ihn vom Gegenteil. Es lag sicher an ihrer verlorenen Gnade. Ohne diese Gnade… Lilith wurde mit so vielen Gefühlen auf einmal konfrontiert. Eine Folter, wie sich Mammon vorstellen konnte. Lilith war es nur gewohnt bei anderen die Gefühle zu manipulieren. Nie war sie selbst von Gefühlen ‘befallen’ gewesen. Mammon hingegen hatte von Anfang an damit gelernt umzugehen. Er war in diesem Fall von Vorteil. Irgendwie hatten sie es geschafft oben im Penthouse anzukommen. Während Lilith es irgendwie versuchte es sich bequem zu machen oder besser gesagt schmerzfreier, hatte Mammon Kisai bescheid gegeben. Moment… sie gab ihm eine Art Kompliment, was den Flügel betraf und dann schwelgte sie in Erinnerungen? Was war das gerade hier für eine merkwürdige Szenerie? Alles war so… anders… aber andererseits… was konnte man auch erwarten von jemanden, der seinen eigenen Körper neu kennenlernen musste? “Nunja, in der Hölle gab es schließlich nur Kunstbanausen und Dad fand, dass es Zeitverschwendung war.” Wie unrecht der Teufel doch hatte, wie Mammon im Nachhinein feststellen musste. Von wegen Zeitverschwendung! Dadurch kam er viel leichter und schneller an viel mehr Leute heran. “Glaub mir, würde Dad sehen, wie viele Leute man durch Musik auf einmal in den Bann ziehen kann, dann würde er es nicht für Zeitverschwendung halten.” Außerdem machte es Mammon wirklich Spaß. Er musste zugeben, dass er das Spielen auf dem Piano und das Singen wirklich vermisst hatte. Doch genug des kleinen Smalltalks. Mammon prostete nur noch zu, gönnte sich dann einen Schluck und wollte endlich wissen, wer seiner Schwester das angetan hatte. Doch diese trank gleich ihr ganzes Glas leer und schenkte sich nochmals nach. Was oder besser gesagt wen würde Lilith jetzt nennen? Es dauerte noch einen Moment und dann sagte sie genau drei Worte. Er war es… Irritiert über diese Worte sah er Lilith mit zusammengezogenen Augenbrauen an. “Wer er? Etwa Auriel? Der konnte uns noch nie leiden oder dieser Idiot am Höllentor oder…” Dabei verriet ihr Blick eigentlich eindeutig, wen sie meinte und als Mammon sie direkt nochmal ansah, dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und für einen Moment starrte er sie mit leicht geöffnetem Mund an. “N-e-i-n… das…” Stockte Mammon und er schüttelte leicht den Kopf, ehe er nochmal um Worte rang und schließlich den Namen aussprach. “D-dad?” Innerlich hatte er es schon bei ihren Worten gewusst, aber er wollte es nicht wahrhaben. Doch ihr Blick… ihr Blick hatte dazu noch geführt, dass es so sein musste. “Aber… wie? Warum?” Gefühlt 100 Fragen schossen ihm durch den Kopf und nun musste auch Mammon sein Glas exen und es nochmals befüllen. “Ich mein…” Er rieb sich mit seiner einen Hand an der Stirn. “... du warst doch immer die Mitarbeiterin der Ewigkeit.” Natürlich nicht des Teufels Lieblingskind, denn nein, soweit würde Mammon nicht gehen, aber sie war doch eigentlich Dads beste Partie, sozusagen seine rechte Hand. Was war passiert, dass es so weit gekommen war? RE: No Secrets Between Us - Lilith - 30.12.2025 Liliths Blick verlor sich ein paar Sekunden lang in der tiefen Bernsteinfarbe ihres Whiskys, den sie ein paar Male hin und her schwenkte, während Mammon ihre eigenen Gedanken bestätigte. Nun, sie beide kannten ihren Vater nicht erst seit gestern. Für Dinge, die die Menschen geschaffen hatten – in der Absicht, ihre eigene Existenz und die Umstände dieser Ebene, auf der sie ihr Dasein zwangsweise fristeten (weil sie zu minderbemittelt für Dimensionssprünge waren), etwas schöner und angenehmer zu gestalten – hatte er nichts übrig. Wobei, Hohn, Spott und Verachtung selbstverständlich schon, und das zuhauf. Aber die Mühe, es verstehen zu wollen? Oder zu durchdringen, was die Menschheit daran fixierte, um es unter Umständen gegen sie auszuspielen? Nein, dazu fehlte ihm die Finesse und Geduld. In der Hinsicht waren Mammon und sie sich offensichtlich einig, auch wenn sie es gedanklich noch weitaus drastischer formulierte als er das tat. Aber dazu hatte sie aktuell wohl jedes Recht, entsprechend groß wie ihre Abneigung gegen den Erzeuger aktuell war. Die nette Interlude wich anschließend recht direkt dem eigentlichen Thema – und zumindest war es dann raus, auch wenn Lilith sich impulsiv sicherlich gerne noch mit etwas mehr Unterhaltungen über Nichtigkeiten vor der Erklärung gedrückt hätte. Sie wusste selbst, wie töricht das war… je früher sie sich damit auseinander setzte, was genau geschehen war, welche Konsequenzen das nun hatte, für sie, eventuell auch für Mammon(?) desto besser. Wer stehen blieb, den fraß der Wandel. Ihre Aufgabe war es, ihn mit offenen Augen zu verfolgen und einzugreifen, sobald sie konnte. Das Eingreifen war nur besonders schwierig, wenn jede Faser ihres Körpers noch vor Schmerz pochte. Mammon brauchte eine Weile, um zu verstehen, was sie ihm gesagt hatte. Nein, nicht um zu verstehen… um zu akzeptieren, was sie ihm gesagt hatte. Er hatte sehr gut gehört und verstanden, was sie gemeint hatte, dessen war Lilith sich sicher. Es war ihm nicht zu verübeln, die gesamte Situation war immerhin so abwegig, wie sie nur sein konnte. Vor nicht einmal 24 Stunden hatte sie an der Seite ihres Vaters die Hölle regiert. Sie war das Lieblingskind, auch wenn Mammon sich lieber die Zunge abbeißen würde, als das zuzugeben. Erbin, Kronprinzessin, in Ermangelung seiner Eignung, diesen Platz einzunehmen. Und jetzt saß sie hier – und nicht einmal das konnte sie komplett aufrecht. Sie kommentierte seine zunächst verwirrte Reaktion, die Gegenfragen, während sein Verstand noch zu leugnen versuchte, was sein Innerstes längst wusste, nicht direkt, sondern wartete einfach ab, bis der Groschen fiel. Es dauerte nicht lange. Sein Blick allein spiegelte ein ähnliches Level an Schock wider, das sie auch empfunden hatte. Er hatte Rückfragen. Natürlich hatte er die. Lilith war sich nur nicht sicher, ob sie sie beantworten konnte. „Das ‚Wie‘ ist recht einfach erklärt. Engelsfalle. Ich war nicht darauf vorbereitet, warum auch. Das hier–“, sie gestikulierte andeutend in Richtung der inzwischen genähten Wunde in ihrem Bauchraum, „ –seine Klinge. War nicht die spaßige Art von Folter, wie du dir denken kannst. Und dann…“ Wieder ertappte sie sich dabei, wie ihre freie Hand unwillkürlich den Weg auf ihr Brustbein gefunden hatte. Sie hob das Glas in ihrer anderen, inzwischen wieder gefüllt, und nahm einen Schluck, um es zu kaschieren. Vermutlich würde es noch eine ganze Weile dauern, bis sie dem Drang, eine gefühlt offen klaffende Wunde abzudecken, widerstehen konnte. Vermutlich sollte sie sich die Bewegung umso schneller abgewöhnen, wenn sie sich nicht unnötig angreifbar machen wollte. „Rausgerissen“, vollendete sie ihren Satz leicht ungalant. Aber genauso grob zerstückelt fühlte sie sich auch. Sie nahm noch einen Schluck, um den Kloß in ihrem Hals runterschlucken zu können. Wahrscheinlich war es besser, nicht zu lange auf diesem Gefühl zu verharren – was auch immer es war, es war weder ihrem aktuellen Zustand zuträglich, noch war es angenehm. „Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, wie ich entkommen bin. Ich muss sein Siegel gebrochen und damit die Falle zerstört haben“, fuhr sie direkt fort, einfach um sich an der nüchternen Art des Berichts entlanghangeln zu können. Eine Engelsfalle, die Luzifer persönlich errichtet hatte, von innen heraus zu zerstören… dass sie diese Art von Macht überhaupt besaß, war Lilith nicht klar gewesen. RE: No Secrets Between Us - Mammon - 30.12.2025 War der Teufel, ihr beider Dad, jemals auf die Idee gekommen auf der Erde zu wandeln? Moment… konnte er dies überhaupt? So genau wusste das Mammon gar nicht. Vielleicht wurde ihm dies gesagt, vielleicht aber auch nicht. In der Hölle hatte er sich nämlich nie wirklich für Andere interessiert oder eben für solche Dinge. Menschen waren niedere Wesen und hatten einfach nicht die Intelligenz und die Macht irgendetwas Sinnvolles herzustellen. So etwas wurde Mammon eingetrichtert und so hatte er auch nie selbst das Interesse daran gehabt jemals auf der Erde zu wandeln. Wieso auch? In der Hölle traf man ja auf genügend Menschenseelen, die zum Foltern da waren. Somit brauchte man doch gar nicht auf die Erde. Nunja… wenn der Teufelssohn ehrlich war, dann konnte ihm nichts Besseres passieren als hier zu sein. Hier auf der Erde, wo er seiner heimlichen Leidenschaft nachgehen konnte und obendrein dennoch Seelen foltern konnte. Es war eine Win Win-Situation gewesen. Hatte er sich verändert? Ja und fand er, dass er dadurch weniger Macht hatte? Absolut nicht! Vielleicht war es sogar so, dass er sogar mehr Macht hatte als vorher. Tja und das Spielen und Singen… er konnte gar nicht wirklich ausdrücken, was es in ihm auslöste. Dieses mächtige Gefühl, was er dabei empfand… war es vielleicht das, was Menschen als Glücklich sein betitelten? Wer aber alles andere als glücklich war, war seine Schwester. Mammon im übrigen auch nicht, denn so, wie seine Schwester hier saß, empfand er eher so etwas, wie Wut oder auch Sorge. Wut auf denjenigen, der ihr das angetan hatte und Sorge, weil er sah, wie sehr Lilith litt. Das Gefühl, der Wut kannte Mammon durchaus, aber so stark, wie er es gestern gespürt hatte, als er sie dort so lag, nein, so stark war die Wut bei ihm noch nie gewesen. Lag das aber wirklich daran, dass er hier auf der Erde nun lebte und deswegen gewisse Gefühle neu entdeckte oder gar intensiver? Aber damit wollte er sich nun wirklich nicht weiter auseinandersetzen, sondern war viel mehr daran interessiert, wer hinter dieser Tat steckte, die Lilith angetan wurde. Ja, es dauerte bis Mammon wirklich akzeptieren konnte, wer es gewesen sein sollte. Nie, aber auch wirklich nie hätte er jedoch damit gerechnet, dass es sich dabei um ihren Dad handelte. Wie gesagt, er wusste welchen Stellenwert Lilith beim Teufel hatte. Sie war seine rechte Hand. Sie wusste, wie der Laden funktionierte und eigentlich war Mammon fest davon ausgegangen, dass sie das auch weiterhin bleiben würde. Hatte Mammon wirklich wissen wollen, wie es der Teufel angestellt hatte? Wollte er es sich wirklich antun zu hören, wie seine Schwester gefoltert wurde? Nein, eigentlich nicht, denn er merkte bei jedem Wort, was sie dazu sagte, stieg wieder dieses Gefühl in ihm hoch. Wut… Wie hatte man ihr das antun können? War seine Loyalität zum Teufel höher als die Zuneigung zu seiner Schwester? Oh nein, denn der Teufel hatte ihn damals aus der Hölle geworfen. Okay, im Nachhinein fühlte es sich gar nicht mehr wie eine Strafe an, aber dennoch. Tja und jetzt tat der König der Hölle soetwas? Tat man soetwas seinem eigenen Fleisch und Blut an? Denn Mammon konnte sich nicht vorstellen, dass Lilith sich jemals, wie er damals, gegen den Teufel auflehnen würde. Lilith hatte Schmerzen, aber man sah auch, dass sie ihre Hand dort hinlegte, wo sich ihre Gnade befunden hatte. Zumindest fiel es Mammon auf. Wenn es anderen auch auffiel, dann konnte das durchaus gefährlich für Lilith werden. Sollte er sie darauf hinweisen? Vielleicht brauchte er das gar nicht, denn sie selbst schien es bemerkt zu haben und hatte ihre Hand von dort entfernt. “Moment… du hast es tatsächlich geschafft dich zu befreien?” Hatte es jemals jemand geschafft sich aus einer Falle oder Folter vom Teufel zu befreien? War das überhaupt möglich oder… “Oder hat er genau das gewollt?” Steckte vielleicht ein Plan dahinter? Was war… nein… würde Lilith wirklich soetwas tun? Ein Plan, der gegen ihn selbst ging? Bisher hatte Mammon zwar gehört, wie sie gefoltert wurde, aber das Warum hatte sie noch nicht beantwortet. Gab es dafür einen Grund? Bevor Mammon jedoch seine Gedanken mit Lilith teilte, trank er nochmals einen Schluck und füllte, sofern Lilith Glas wieder leer war, wieder nach. “Aber warum sollte er ausgerechnet dich foltern und dir die Gnade nehmen? Ich mein, ich war der Meinung, dass ich die Hölle besser führen könnte als er, aber ich wurde nur verbannt. Was also hast du angestellt, dass er dich gleich foltern musste?” Ach und im Übrigen, was Lilith natürlich nicht des Teufels Lieblingskind. Sie hatte schließlich für ihn arbeiten müssen und Mammon nicht. Das war dann doch wohl eindeutig. RE: No Secrets Between Us - Lilith - 30.12.2025 Mammons Gesichtsausdruck, nachdem sie ihre Nacherzählung der Ereignisse vorerst beendet hatte, ließ vermuten, dass er auf Details womöglich gern verzichtet hätte. Aber er hatte gefragt, wie es möglich gewesen war, dass ihr eigener Vater sie im wahrsten Sinne des Wortes verkrüppelt hatte – und das war die faktenbasierte, möglichst emotionslose Erklärung, die sie ihm geben konnte. Alles andere… die Implikationen, was ihn dazu bewegt hatte, was ihm einfiel, so etwas zu tun, das Warum des Ganzen… das war weitaus schwerer zu beantworten. Und ganz besonders nicht nüchtern und distanziert. Nicht mit all den neuen Gefühlen, die sie plötzlich dazu hatte. Verrat. Rachsucht. Enttäuschung. Wut. Hass. Und das war nur die Oberfläche, ihre rudimentäre Sicht darauf, als jemand, der sein Leben lang nur Emotionen in den Auren anderer Lebewesen gelesen und beeinflusst hatte. Wahrscheinlich war da noch viel mehr, das sie aktuell gar nicht genau ausmachen konnte. “Moment… du hast es tatsächlich geschafft dich zu befreien?” „Ja.“ Sie nahm noch einen Schluck aus ihrem Glas. Vielleicht in erster Linie um ihre Hände beschäftigt zu halten, aber das Brennen des Alkohols und die Wärme, die ihre Kehle hinunterrann, taten ihr Übriges. Mammon hinterfragte währenddessen, ob ihre Flucht nicht Teil eines Plans gewesen sein könnte. Sie verübelte es ihm nicht und sah es auch nicht als Anzweifeln ihrer Fähigkeiten an – es war schlichtweg bisher nie dagewesen, dass jemand Luzifer übertrumpfte. Offenbar fand er es unvorstellbar. „Ich weiß es nicht. Er hat mir keine detaillierten Erklärungen gegeben – nicht davor, auch nicht währenddessen. Es gab eine Coverstory, natürlich, und einen Auslöser“ – vielleicht konnte sie ihm die Hintergrundgeschichte später noch erläutern, wenn sie all die anderen Details seziert hatten und er daran noch Interesse zeigte – „aber es sah nicht so aus als hätte er es erwartet. Die Gefühle–“ Wieder spürte sie ihre Hand auf der Brust. Wütend auf sich selbst, ihren verdammten Körper, den sie scheinbar nicht genauso kontrollieren konnte, wie sie es gewohnt war, atmete Lilith frustriert einmal scharf ein und wieder aus. Dann legte sie die freie Hand über die Lehne der Sitzgruppe und hielt sie dort. Hauptsache aus dem Weg. „… sie kamen sofort. Und stärker als alles, was ich jemals in Worten beschreiben könnte. Ich war so unfassbar wütend… ich habe wortwörtlich rotgesehen. Jenseits des ganzen Bluts, natürlich.“ Der Hauch eines Schmunzelns zog sachte an ihren Lippen. Hey, wenn sie ausreichend Humor fand, um langsam zu scherzen über die ganze Sache, dann war das ein Fortschritt, oder nicht? „Ich vermute das hat das Siegel gebrochen. Das Nächste, was ich bewusst wahrnehmen konnte, war dass ich in Los Angeles war“, beendete sie ihre Erläuterung. Es war nur eine Theorie… aber so ging es ihr mit allen Äußerungen, die sie ab sofort machen musste. Ja, Lilith war diejenige, die am nächsten dran war an Luzifer, die am meisten Bescheid wusste über ihn, seinen Alltag, seine Geschäfte… aber auch sie unterlag einer Hierarchie. So war es immer gewesen. Sie hatte keinen Einblick in sein krankes Gehirn. Er erzählte ihr nicht von seinen Wünschen und Träumen. Sofern er sowas überhaupt hatte. „Er hatte nie eigene Gefühle. Und über seine Haltung zu Emotionen muss ich dir nichts erzählen. Vielleicht hat er die Konsequenzen davon, mir meine Gnade zu rauben, auch schlichtweg unterschätzt.“ Worin sie sich sicher war – es war Luzifers Absicht gewesen, sie zu verstümmeln. Sie zu schwächen. In diesem Zustand war sie deutlich angreifbarer, verletzlicher… und sie war sterblich. Aber Mammon hinterfragte währenddessen, berechtigterweise, warum er das überhaupt tun sollte. Ich mein, ich war der Meinung, dass ich die Hölle besser führen könnte als er, aber ich wurde nur verbannt. Was also hast du angestellt, dass er dich gleich foltern musste? „Ich habe die Hölle besser geführt als er“, entgegnete sie ruhig und neutral, wie der offensichtliche Fakt, der es nun mal war. Anders als ihr Bruder hatte sie nicht darüber gesprochen, sie hatte es einfach getan. „Die Seelen sind meins, schon seit einer halben Ewigkeit. Alle Mitglieder des schwarzen Dorns berichten an mich. Seit ein paar Monaten stehe ich im direkten Kontakt mit den Senior Partnern von Wolfram & Hart. Und die Verträge… darüber müssen wir gar nicht sprechen. Die Konditionen, die ich aushandle, sind ausnahmslos besser, weil ich weniger hitzköpfig bin als ihr beide.“ Klar, sie hatte ebenfalls ein nicht zu verachtendes Temperament, am Ende des Tages war sie schließlich ein Höllenwesen. Aber sie hielt es besser im Zaum. Und sie war geschickt in Sachen Manipulation. „Theorie Nummer Eins – er hat sich bedroht gefühlt und entschieden, dass er mich loswerden muss. Und womöglich hat er sich dabei selbst einen Arm abgeschnitten.“ Weniger hitzköpfig als Luzifer und Mammon mochte Lilith zwar sein; sie war aber genauso von sich selbst überzeugt wie die beiden es waren. Das lag definitiv in der Familie. RE: No Secrets Between Us - Mammon - 01.01.2026 Normalerweise liebte er Foltergeschichten bis ins kleinste Detail. Manchmal war dies durchaus inspirierend, auch wenn natürlich Mammon ein Experte war, was Folter anging. Doch zu hören, wie seine Schwester vom eigenen Vater gefoltert wurde… nein, irgendwie wollte er das nicht hören. Schon komisch, denn wäre es ihm eigentlich nicht eine Freude zu hören, wie sie gefoltert wurde, weil er doch gerne äußerte, dass er sie nicht leiden konnte? Nun, dem war eben nicht so und das hatte man wohl gestern sehr deutlich mitbekommen. Würde er Lilith nicht leiden können, dann wäre er doch sicher nicht sofort zu Wolfram & Hart gefahren und er hätte erst Recht nicht sie in sein Penthouse heute mitgenommen. Vielleicht konnte man das mit der Menschensprache soweit herunterbrechen, dass man behaupten konnte, dass es irgendwie eine typische Geschwisterliebe war. Man konnte sich nicht ausstehen und doch konnte man ohne den Anderen nicht. Man neckte sich, aber wenn es darauf ankam, dann war man füreinander da und dann wollte man eben nicht unbedingt hören, wie der Andere zu leiden hatte. Aber gut, Lilith hatte Recht damit, dass er ja nachgefragt hatte. Also, hatte er sich das gerade antun müssen. Dass sie es offensichtlich geschafft hatte sich zu befreien… nun das sah man ja daran, dass sie hier war. Vielleicht war das auch eher eine rhetorische Frage gewesen. Ach, er wusste selbst einmal nicht, ob diese Frage, die ja so offensichtlich war, ernst gemeint war oder nicht. Fakt war, Lilith saß hier und hatte es irgendwie geschafft. Doch dann kam ihm dieser Gedanke, dass Lucifer vielleicht wollte, dass Lilith sich befreite. Schließlich war es doch irgendwie unmöglich, sich von etwas zu befreien, was ihr Vater höchstpersönlich gemacht hatte. Lilith meinte zwar, dass sie keine Ahnung von einem Plan hatte, aber was… nein, Lilith würde sich nie mit Absicht die Gnade herausnehmen lassen. Wer wollte schon freiwillig Gefühle empfinden und dann alle plötzlich auf einmal? Wenn Lilith also wirklich nicht eingeweiht war, was hatte sie nur angestellt gehabt? Aber bevor sie zu dieser Auflösung kamen, hörte er weiter seiner Schwester zu, die eine wirklich wilde Theorie hatte. Diese war so… abstrus, dass Mammon Lilith ungläubig ansah. “Wegen deiner Gefühle, soll das Siegel gebrochen sein? Das klingt selbst für mich sehr unlogisch.” Gab er zu. “Vielleicht musste es einfach schnell gehen oder Dad hat das die Falle gar nicht gemacht, sondern jemand beauftragt und der hat doch gepfuscht?” Das klang jedenfalls logischer, als Gefühle, die Siegel brechen könnten. Seit wann hatten Gefühle solch eine Macht? Mal ehrlich… ihnen wurde doch beigebracht… nein, IHM wurde beigebracht, dass Gefühle einen schwach machen. Wenn sich Lilith aber durch Gefühle befreit hatte, dann würde das ja bedeuten, dass man dadurch stärker und nicht schwächer wurde. Hach… das klang doch alles irgendwie unlogisch. Da hörte Mammon doch viel lieber den Grund, warum sie in diese missliche Lage überhaupt gekommen war. „Ich habe die Hölle besser geführt als er“ Worte, die eigentlich schon gereicht hätten. Ob sie wirklich besser die Hölle regierte als der Teufel selbst, nun darüber konnte er sich kein Urteil erlauben. Ehrlicherweise war es ihm immer egal gewesen, was Lilith da machte. Die Hauptsache war doch, dass er in der Hölle hatte machen können, was er wollte. Lilith ging nun noch ins Detail. Die Seelen waren ihre, der schwarze Dorn berichtete an sie, sie hatte direkten Kontakt zu den Senior Partner von Wolfram & Hart… naja und so weiter. Aber Mammon und hitzköpfig? Nein, das konnte er so nicht stehen lassen, weshalb er seine Arme verschränkte aber so, dass sein Glas nicht in Gefahr war und sie ansah. “Ich habe absolut keine Ahnung, was du da andeutest.” Meinte er deshalb. Er und hitzköpfig, also wirklich! Temperamentvoll, ja durchaus, aber hitzköpfig? Nein, das klang irgendwie so… negativ als hätte er sich nicht unter Kontrolle. Doch zurück zur eigentlichen Aussage von Lilith, dass sie die Hölle besser führte. Ja, vielleicht regierte sie die Hölle besser als Dad. Doch wenn sich der Teufel deswegen so angegriffen fühlte, wieso hatte er nicht kurzen Prozess mit Lilith gemacht? Schließlich war auch ihre Theorie, dass sich Dad bedroht gefühlt hatte. Mammon neigte leicht seinen Kopf zur Seite. “Wir kennen ihn beide gut. Er fackelt nicht lang und dennoch lebst du noch.” Merkte er an. Wäre es ihm lieber, wenn Lilith nun tot wäre? Auf gar keinen Fall! Er hätte wohl hitzköpfig gehandelt und… nein, das sollte wohl lieber nicht weitergedacht werden. Fakt war jedoch, dass es ihn wirklich getroffen hätte, wenn Lilith tot wäre. Schließlich konnte er sich mit ihr am besten streiten und… naja sie waren eben Geschwister. RE: No Secrets Between Us - Lilith - 02.01.2026 „Das ist jetzt das zweite Mal, dass du dieses Gesicht machst“, warf sie beiläufig ein, während sie einen Schluck aus ihrem Glas nahm. Der Gesichtsausdruck, auf den sie anspielte, war misstrauisch, ein Zweifeln, wenn auch nur kurz. Aber sie kannte ihn, seit einer Ewigkeit, und sie war enorm geübt darin, seine Stimmung zu lesen... auch wenn es nur kleine Regungen waren. So schaute er immer, wenn er sie nicht ganz durchstieg und versuchte herauszufinden, was sie im Schilde führte. Ob sie ihm einen Streich spielte. Einmal hatte sie es ignoriert, aber da war es wieder. Und diesmal sprach sie es direkt an, ohne weiter darüber nachzudenken. „So viel Spaß es mir auch macht, dich an der Nase lang zu führen…“ Er war wirklich leicht wütend zu machen und seine Wut bisher auch ein besonderer Genuss für sie gewesen, weil es wenige Mischwesen seiner Art gab. Menschliche Wut in einem Engelskörper… wer konnte ihr verübeln, dass sie die hin und wieder zu Unterhaltungszwecken nutzte? „… du solltest mich gut genug kennen um zu wissen, dass ich das nie auf meine Kosten tun würde. Diese Schmerzen sind deutlich größer als bei allen anderen Wunden, die ich aktuell habe“ – und das sollte was heißen, nachdem sie letzte Nacht fast verblutet war – „es ist als würde meine Essenz fehlen. Alles was mich ausmacht. Mein Körper ist verstümmelt, ich bin befallen von einer Seuche und inwiefern meine Kräfte beeinträchtigt sind weiß ich noch nicht einmal.“ Sie spürte den Drang, wieder das Loch zu berühren, das keines war. Zumindest kein Sichtbares. Glücklicherweise fiel es ihr diesmal vorher auf, da sie ihre Hand noch immer über der Lehne liegen hatte. Es blieb bei dem Impuls, sie zwang ihren Fokus zurück auf ihr Gespräch. „Das wäre es nicht wert. Niemals.“ Hoffentlich war das Thema damit geklärt. Zurück dazu, wie sie es geschafft hatte, sich aus Luzifers Falle zu befreien. Mammon zweifelte ihre Theorie an, begründet darin, dass er Gefühlen keine derartige Wichtigkeit beimessen würde. Oder wollte. „Nein, nicht wegen der Gefühle an sich. Wegen der Energie die sie freigesetzt haben, in diesem Moment. Emotionen sind furchtbar und sie machen dich angreifbar, weil sie unkontrollierbar sind. Beobachte doch mal die Menschen… selbst die rationalsten unter ihnen werden zu Sklaven ihrer Gefühlswelt, wenn du nur den Punkt findest, an dem du sie anfassen musst. Sie sind absolut willkürlich, unberechenbar und für all die niederen Wesen auch quasi nicht kontrollierbar.“ Nicht, dass Lilith selbst jetzt irgendwelche großen Einsichten hatte darin, wie man Gefühle kontrollierte, auch als höheres Wesen. Sie wäre in erster Linie daran interessiert, sie wieder loszuwerden. So schnell wie möglich. Aber falls ihre Kraft in diesen Sekunden dazu beigetragen hatte, dass ihre eigene Macht groß genug gewesen war, um Luzifers Falle zu entkommen… dann wäre das mindestens ein entschädigendes Übel, oder nicht? Mammon stellte inzwischen weitere Theorien auf, die in Liliths Ohren noch abstruser klangen. „Bitte. Ich bin kein Cherub, sondern ein Erzengel. Als ob eine unvollständige Falle oder eine, die erstellt wurde von einem Handlanger–“ Ihr Tonfall ließ deutlich bemerken, wie sehr ihr allein die Suggestion missfiel, „–mich lange genug halten könnte, um Hand an mich zu legen.“ Geschweige denn ihr gewaltsam ihre Gnade zu entreißen. Sie war Luzifers Tochter, und sie war kein Jüngling mehr. Abgesehen von ihrem Vater… vermutlich wäre Onkel Michael der Einzige, dessen Siegel sie lange genug halten könnte, um ihr auch Schaden zuzufügen. Einen kleinen Moment musste Mammon sich dann nehmen, um von sich zu weisen, dass sie ihn als hitzköpfig bezeichnet hatte. Sie warf ihm lediglich einen Blick zu, eine Augenbraue nach oben gezogen, kommentierte seinen Einwand aber nicht weiter. Stattdessen nahm sie einen weiteren Schluck aus ihrem Glas und leerte es damit. “Wir kennen ihn beide gut. Er fackelt nicht lang und dennoch lebst du noch.” „Ja. Das ist der Teil, der keinen Sinn ergibt. Hätte er mich wirklich töten wollen… seine Klinge ins Herz wäre der effektivste Weg gewesen. Wenn er wirklich schnell und entschlossen gewesen wäre, dann hätte er das eventuell auch geschafft, bevor ich realisiert hätte, was passiert.“ Lilith streckte sich – langsam, um den Druck auf ihre Seite möglichst gering zu halten, auch wenn es definitiv nicht machbar war ohne Schmerzen – und stellte ihr inzwischen leeres Glas zurück auf den Tisch. Dort schnickte sie es mit leichtem Druck in Richtung Mammon, damit er es wieder auffüllte. „Theorie Nummer zwei: Es ist ein Test. Nicht für dich“, fügte sie direkt an, bevor er wieder begann, so offensichtlich zu zweifeln, dass sie es an seiner Nase ablesen konnte, „sondern für mich. Ob ich so reagiere, wie er es für angemessen hält. Ob ich mir zurückholen kann, was mir gehört.“ Und dabei ging es nicht nur um ihre Gnade. Da war noch etwas, ein fundamentaler Punkt, den sie bisher komplett ignoriert und weggeschoben hatte, um sich nicht mit den Konsequenzen auseinander setzen zu müssen. „Er hat mir auch Tan genommen. Ich weiß nicht, wo sie ist… oder ob sie überhaupt noch lebt.“ Dass Mammon bisher gar nicht hinterfragt hatte, dass die Dämonin nicht hier war, obwohl sie derartig schwere Verletzungen erlitten hatte, fiel Lilith erst jetzt wirklich auf. RE: No Secrets Between Us - Mammon - 08.01.2026 “Was?” kam es von ihm. Dass seine Gedanken sich in seinem Gesicht widerspiegelten, hatte man ihm noch nie gesagt. Okay, normalerweise sah man es ihm auch nicht so deutlich an. Doch die Person, die mit ihm hier saß, war ja auch nicht irgendjemand, sondern seine Schwester, die ihn in und auswendig kannte. Sie wusste jede Stärke und Schwäche von ihm. Kisai kannte Mammon zwar auch sehr gut, aber Lilith war mit Abstand die Einzige, die vermutlich jede Facette von ihm kannte. Naja, nicht jede, denn nie, ja wirklich niemals würde er mit der Teufelstochter ins Bett steigen. Kisai war etwas Anderes, aber mit seiner Schwester? Nope, das war echt abtörnend. Zum Glück ging es hier nicht gerade um Sex, auch wenn Mammon dieses Thema sehr mochte. Nein, hier ging es gerade um seinen misstrauischen Blick, den sie natürlich bemerkt hatte. Tja und da sie eben Lilith war, sprach sie das auch offen an. Mammon war in dieser Hinsicht ähnlich. Auch er hätte es angesprochen. Natürlich kannte auch Mammon sie und ja, er wusste, dass Lilith sich niemals dabei selbst Schaden würde, egal bei was. Dennoch war da für einige Momente einfach dieser Gedanke gewesen. Konnte man/ Lilith ihm dies verübeln? Schließlich war es schon ungewöhnlich, dass Mammon all die Zeit, die er hier auf der Erde war, ewig nicht mehr seine Schwester gesehen hatte und er auch ebenso wenig etwas aus der Hölle gehört hatte, ob er seine Strafe abgesessen hatte oder nicht und dann plötzlich… so? Hätte sie nicht auch ein klitzekleines bisschen solche Gedanken gehabt? Egal, wie unlogisch es auch war? “Natürlich weiß ich, dass du nie etwas tun würdest, was auf deine Kosten geht.” Gab er ihr gleich zu verstehen. “Nur… ich höre oder sehe eine Ewigkeit nichts von dir oder irgendetwas aus der Hölle und urplötzlich tauchst du auf und dann so?” Dabei zeigte Mammon auf sie und bewegte dabei seine Hand von oben nach unten und wieder zurück. “Selbst du hättest wohl einen Hauch von Misstrauen gehabt.” Klang jetzt nicht gerade wie eine Entschuldigung von Mammon, aber wenn man ihn kannte, wusste man durchaus, dass es irgendwie schon eine war. “Und glaub mir. Du bist viel mehr als nur diese Gnade.” Meinte er. Was? Waren das tatsächlich aufmunternde Worte? Die Zeit auf der Erde hatte wirklich ihn ein wenig verändert, auch wenn Mammon das vielleicht nicht wahrhaben wollte. Gefühle… unkontrollierbar und machten einen angreifbar. Das stimmte absolut. Mammon hatte im Gegensatz zu Lilith Gefühle und das von Anfang an. Dennoch musste man zugeben, dass der Teufel gute Arbeit bei Mammon geleistet hatte. Er hatte gewisse Gefühle, wie beispielsweise Wut gefördert und Gefühle, wie Sorge oder Mitleid so hinbekommen, dass sie tief irgendwo in Mammon verschlossen wurden, so als könnte Mammon so etwas nie fühlen. Nur seit er hier auf der Erde war und erst Recht, seit er Fred kennengelernt hatte, waren da Veränderungen, die Mammon immer wieder versuchte zu leugnen oder zu ignorieren. Dabei war das kaum möglich. Selbst als gestern der Anruf von Medea kam, war doch deutlich, dass er sich um Lilith sorgte. Ein Gefühl, was er doch angeblich gar nicht besaß. Mammon schüttelte imaginär diese Gedanken rund um Gefühle aus seinem Kopf und winkte nun auch sichtbar ab. “Ja, ja, schon gut. Ich versuch ja nur Theorien aufzustellen, die zwar unlogisch, aber nicht unmöglich wären.” Erklärte er sich. Dabei wusste Mammon doch selbst, dass es höchst unwahrscheinlich war, dass ein Handlanger solch eine Falle erstellen würde. Nein, so etwas tat der Teufel selbst, erst Recht, wenn es dabei um ein so mächtiges Wesen, wie die Teufelstochter, ging. Doch warum dann überhaupt diese Falle bzw. diese Folter? Nein, Mammon verstand es noch nicht ganz, wieso der Teufel nicht kurzen Prozess gemacht hatte. Wenn er wirklich Lilith aus dem Weg schaffen wollte, dann machte er es dabei doch eigentlich kurz und knackig und nicht so kompliziert mit der Gefahr hin, dass sie sich befreien könnte… es sei denn… doch Mammon kam gar nicht dazu seine wohl abstruseste Theorie vorzustellen. Lilith war mit ihrer zweiten Theorie schneller gewesen. Ein Test für Lilith? Meinte sie wirklich? Mammon, der ihre Geste mit dem Glas verstand, füllte dieses erst einmal und lauschte dabei ihren Worten. “Du meinst, er will sehen, wie du ohne Gnade klarkommst und ob du es schaffst dir deine Gnade wiederzuholen?” Hatte er das so richtig verstanden? Es stimmte schon, dass der Teufel durchaus mal solche Spielchen nach seinen Regeln spielte, einfach, weil ihm gerade danach war, aber würde er auch so etwas mit seinem eigenen Fleisch und Blut machen? “Oder Theorie Nummer 3 ist, dass er dich töten wollte, aber zu lange zögerte, weil er seine eigene Kinder nicht töten will.” Ja, schon klar, es klang sehr menschlich, aber war es nicht irgendwie auch… Menschlich gedacht überhaupt Nachkommen haben zu wollen? Schließlich war es ja nicht so, dass der Teufels gleich morgen sterben würde. Was war, wenn selbst in höheren Wesen, wie (gefallenen) Engel ein Hauch von Menschlichkeit steckte? Okay, Menschlichkeit war das falsche Wort, aber Lilith würde vermutlich wissen, was er damit meinte. „Er hat mir auch Tan genommen. Ich weiß nicht, wo sie ist… oder ob sie überhaupt noch lebt.“ Moment… jetzt wo sie es sagte… eigentlich war Tan doch nie weit weg, wenn seine Schwester irgendwo war. Aber sie war nicht da gewesen. Wieso Mammon dies erst durch Lilith Worte klar wurde? Tja, weil seine Gedanken sich einfach nur um Lilith und ihren Zustand gedreht hatten. Außerdem hatte er mit Tan nicht wirklich viel zu tun gehabt bzw. hatte er nie wirkliches Interesse an ihr gehabt. “Meinst du wirklich, dass er sie getötet hat? Ich mein… wenn deine zweite Theorie wirklich stimmt, meinst du nicht, dass es dann sinnvoller wäre, sie am Leben zu lassen, so als zusätzliche Motivation für dich, um sie zurückzubekommen?” Vielleicht sah er es zu gelassen. Aber so würde er es vermutlich machen. Er wusste ja, wie viel Tan Lilith bedeutete. Tan war lebendig viel mehr wert als tot. RE: No Secrets Between Us - Lilith - 11.01.2026 Lilith schwieg einen Moment – andächtig? Nachdenklich? – als Mammon einwandte, dass sie an seiner Stelle wohl ebenso ein wenig Misstrauen gehabt hätte. Vermutlich lag er damit nicht ganz falsch, und sie widersprach auch nicht. Sie lebten beide schon verdammt lange, und in all diesen Jahrhunderten hatte es genügend Gelegenheiten gegeben, zu denen sie sich gegenseitig an den Rande des Wahnsinns gebracht hatten… und wieder zurück. Allerdings konnte man definitiv auch von ihnen beiden sagen, dass sie eines keinesfalls waren, und das war selbstlos und aufopferungsvoll. Nein, am Ende des Tages hätte auch Mammon keinerlei Schaden an sich oder seinem Körper in Kauf genommen, nur um ihr eins auszuwischen. Zugegeben, er hatte den Gedanken ja auch nicht ausgesprochen, sie hatte danach gefragt. Womöglich waren ihm all diese Dinge auch selbst schon klar gewesen, ansonsten hätte er sie sicherlich direkt zur Rede gestellt, so wie sie es jetzt getan hatte. Mammon nahm kein Blatt vor den Mund, das hatte er noch nie – und bis gestern hatte sie schließlich auch keine Gefühle gehabt, die er hätte verletzen können. Sie ging nicht weiter darauf ein, auch nicht auf den impliziten Vorwurf, dass er monatelang nichts von ihr gehört hatte, ehe sie schwer verletzt wieder aufgetaucht war. Lilith rechtfertigte sich nicht – das tat sie nie. Sie hatte ihre Gründe gehabt, warum sie keine Zeit gehabt hatte für LA, und dass es noch eine Geschichte gab, eine Art Auslöser für Luzifers Angriff auf sie, hatte sie ja auch vorher schon angedeutet. Jetzt gerade war nicht der Raum, die auch noch auszudiskutieren… aber vielleicht kamen sie ja später noch dazu. “Und glaub mir. Du bist viel mehr als nur diese Gnade.” Überrascht hob sie den Kopf und sah ihn stirnrunzelnd an. Hatte er ihr gerade aufrichtig Mut zugesprochen, um ihr das Selbstwertgefühl zurückzugeben, das sie offensichtlich verloren hatte? Ohne sarkastischen Unterton und begleitenden Seitenhieb-Kommentar? Lilith wusste nicht einmal, was sie darauf erwidern sollte. Die innere Zerrissenheit, die sie empfand – jenseits von dem klaffenden, schwarzen Loch in ihrer Brust – war nahezu unerträglich. Sie spürte ihr Herz schlagen, ja, aber welche Funktion hatte es noch, wenn sonst alles in ihr zerstört war? Wenn sie viel mehr war als ihre Essenz… wo war dann all dieses Selbst, von dem Mammon so überzeugt schien, dass es existierte? Sie schluckte, hart, um den Kloß in ihrem Hals loszuwerden und vielleicht das vehemente Pochen ihres Herzens zu beruhigen, von dem Lilith sich kurzzeitig fragte, ob es jetzt nur so penetrant geworden war, weil sie ihm Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Irgendwas in ihrem Magen zog sich zusammen und sie legte prüfend die Hand auf ihren Bauch, ein paar Sekunden lang unsicher, ob das seltsame Gefühl bedeutete, dass sie sich vielleicht übergeben müsste. Sie befanden sich zwar nicht mehr im Auto… aber auch den vermutlich handgeknüpften Perserteppich zu ruinieren, wäre absolut niveaulos und definitiv unter ihrer Würde. Es ging vorbei. Sie atmete aus und sagte nichts weiter dazu… weil ihr einfach die Worte fehlten. Sie nahm ihr Glas zurück, nachdem Mammon es wieder aufgefüllt hatte, und nickte knapp auf seine Rückfrage hin, ob sie der Meinung war, dass ihre ‚Aufgabe‘ wäre, sich ihre Gnade zurückzuholen. „Ja. Als eine Art Prüfung, ob ich es würdig bin, im Ernstfall sein Erbe anzutreten. Oder zu seiner persönlichen Belustigung. Vielleicht war er in den letzten Wochen besonders gelangweilt.“ Galgenhumor? Wahrscheinlich. Aber irgendeinen Weg musste sie schließlich finden, um mit all diesen Dingen umzugehen. Damit, dass ihr komplettes Leben sich geändert hatte… alles, was sie als Grundfeste ansah. Letztendlich waren es Theorien, nichts weiter, und Mammon hatte eine weitere – die mit Abstand abwegigste, die sie bisher umhergeworfen hatten. Er unterstellte ihrem Vater… ja, was genau? Mitgefühl? Verbundenheit? Die Unfähigkeit, sich im entscheidenden Moment emotional von ihnen zu distanzieren? Allein der Gedanke war absolut irrwitzig. Andererseits… er hatte auch Mammon fortgeschickt, nachdem dieser gegen jegliche Etikette verstoßen und sich vollkommen anmaßend verhalten hatte. Warum hatte er ihn nicht getötet? Lilith hatte keine Antwort darauf, aber die Vorstellung, dass ihr eigener Vater – Herrscher der Unterwelt, erhaben über all jene Befindlichkeiten, die die Menschen zu einer minderwertigen Rasse machten – anfällig sein sollte für derartige Schwächen… nein, das bekam sie nicht überein mit dem Bild, das sie von ihm hatte. Aber sie verstand ein wenig, wie Mammon zu dem Ansatz gekommen war, daher sah sie davon ab, sich über die Theorie lustig zu machen. „Und du meinst, weil er mich so sehr liebt, hat er sich stattdessen schön viel Zeit genommen, mich in aller Ruhe zu filetieren.“ … oder zumindest sich offen aggressiv darüber lustig zu machen. Die nüchtern-provokante Antwort konnte sie sich nicht verkneifen. Und dann ging es auf einmal um Tan. Sie hatte das Thema selbst aufgebracht, nachdem es ihr seit gestern Nacht immer wieder halbwegs gut genug gelungen war, jegliche Gedanken dazu wegzuschieben. Weit weg, irgendwohin, wo sie sich nicht damit beschäftigen musste. Tannin war an ihrer Seite gewesen, seit sie beide Teenager gewesen waren. Und jetzt… war sie weg. Verschwunden, womöglich tot. Letzteres hielt Mammon für unwahrscheinlich, weil sie dann nicht mehr als Motivationsmittel zu gebrauchen wäre. Was er sagte, ergab definitiv Sinn, sehr großen sogar… aber Lilith fand sich plötzlich in einer Lage wieder, in der Logik sie nicht erreichen konnte. Ihr Brustkorb fühlte sich zu eng an, und sie spürte wieder ihren Herzschlag. Ihre Hand wanderte unbewusst an ihren Hals, um sicherzugehen, dass da nichts war, das ihre Atmung beeinträchtigte, weil er sich zugeschnürt anfühlte. Der Kloß war wieder da. „Ich–“, versuchte sie anzusetzen, aber ihre Stimme brach. Sie versuchte, einen Atemzug zu nehmen, aber er war zittrig. „Ich weiß es nicht.“ Plötzlich wurde ihre Sicht unscharf. Wurde sie müde? War das eine der neuen Einschränkungen ihres unvollständigen Körpers? Sie hob eine Hand, in der Hoffnung den Film von ihren Augen zu entfernen – und fand sie feucht vor. „Was zur…“ Vollkommen entgeistert starrte sie auf ihre Fingerspitzen. RE: No Secrets Between Us - Mammon - 12.01.2026 Lilith hatte vollkommen Recht damit, dass sie in diesem Bereich gleich waren. Selbst Schaden in Kauf nehmen um den Anderen eine reinzuwischen? Nein, nie im Leben! Selbstlos und aufopferungsvoll? Eher keine Worte, die im Wortschatz von Mammon Platz fanden. Nein, Mammon war eher egoistisch und auf seinen Vorteil bedacht. Naja und wenn er obendrein seine Schwester noch in den Wahnsinn treiben konnte oder zumindest auf die Palme bringen konnte, dann war das ein sehr erfolgreicher Tag. Schließlich war es gar nicht so einfach die Teufelstochter zur Weißglut zu bringen. Sie war da klar im Vorteil mit ihrer Gnade gegenüber seiner menschlichen Seite. Dennoch… ab und zu hatte er es doch irgendwie geschafft gehabt. Doch dafür war seit gestern gar kein Platz mehr. Seit gestern hatte sich irgendwie so einiges geändert gehabt. Egoistisch? Davon war gestern gar keine Spur gewesen. Er hatte sich wirklich um sie gesorgt gehabt und selbst jetzt, wo er wusste, dass sie auf dem Weg der Besserung war, sorgte er sich und versuchte es ihr so angenehm wie möglich zu machen. Das so offen sagen? Nein, das konnte er nicht, obwohl Mammon ja eigentlich kein Blatt vor dem Mund nahm. Doch bei solchen Dingen tat er das, was er er am besten konnte, wenn solche Gefühle aufkamen. Er versuchte diese irgendwie zu leugnen und sich andere Gründe auszudenken, warum er so handelte, wie er handelte. Im Übrigen war es absolut kein Vorwurf gewesen, dass sie sich hatte so lange nicht blicken lassen. Mammon fand es eigentlich ganz entspannt seine kleine Schwester so lang nicht zu sehen. Aber gut, Lilith war bisher noch in keinem Zustand ihr das so zu sagen. Ja, er wenig rücksichtsvoll war er gerade schon. Sie hatte gerade ihre Schonzeit, wenn man es denn so nennen konnte. Moment… wieso schaute sie ihn gerade so überrascht an und runzelte die Stirn? Das brachte ihn nun dazu, sie komisch anzusehen. “Was ist? Hab ich plötzlich irgendwas im Gesicht oder zwischen den Zähnen?” Dass er ihr gerade aufrichtig Mut zugesprochen hatte, war ihm gar nicht so bewusst. Für ihn war es einfach klar gewesen, dass man eben mehr war als nur die Gnade oder eine Seele. Wenn man nur wegen solchen Dingen existieren würde, dann würde doch Lilith nun nicht hier sitzen. Also, wieso diese komische Reaktion? Es MUSSTE somit daran liegen, dass plötzlich etwas an ihm anders war. Und dann hielt sie sich plötzlich den Bauch. Ja, ihm war diese kleine Geste aufgefallen. Es war ungewöhnlich, dass Lilith dies tat. War es, weil sie Hunger hatte oder konnte es vielleicht sein, dass sie irgendetwas spürte in Richtung Gefühle? Aber, wieso dann den Bauch? Soetwas, was Lilith gerade spürte, nun soetwas, hatte selbst der Teufelssohn noch nicht gespürt gehabt. Sollte er etwas sagen? Nein, fürs Erste beließ er es dabei. Sollte es ihm aber nochmals auffallen, nun dann würde er definitiv nicht mehr seinen Mund halten. “Mh… vielleicht aber auch eine Mischung aus beidem? Wann hat man schon die Möglichkeit einem gefallenen Engel mal zu foltern?” Ja, das ‘gefallen’ sprach er anders aus, denn Lilith war dahingehend ein Sonderfall. So wie Mammon war auch sie nie im Himmel gewesen und war somit auch nie gefallen. Dennoch hatte sie die Fähigkeiten eines gefallenen Engels. Er selbst hatte noch nie einen ihrer Tanten oder Onkel jemals gefoltert. Hatte er es gewollt? Nein… irgendwie nicht. Vielleicht lag es durchaus daran, dass er tief in sich wusste, dass diese eigentlich über ihm standen und irgendwie es sich auch komisch anfühlen würde. Vielleicht lag es aber auch an seiner menschlichen Seite. Fakt war aber, dass der Teufel sehr wohl nicht nur dazu in der Lage war, sondern es auch tun würde oder gar getan hat? Dennoch gab es da dann noch eine Theorie, die Mammon hatte, wieso der Teufel Lilith nicht getötet hatte. Ob man es nun Mitgefühl, emotionale Distanz oder Verbundenheit war, irgendwie lief das doch alles auf das Gleiche hinaus. Lilith war schwer verletzt, aber lebte. „Und du meinst, weil er mich so sehr liebt, hat er sich stattdessen schön viel Zeit genommen, mich in aller Ruhe zu filetieren.“ So, wie sie es jetzt sagte, klang es natürlich nicht danach als würde seine abwegige Theorie stimmen, aber sie sprachen hier nicht von Menschen, sondern vom Teufel. “Naja, vielleicht ist es auch seine Art, das zu zeigen?” Schließlich gab es doch auch Menschen, die durch Gewalt zeigten, dass sie die andere Person liebten. Ja, schon klar, von all diesen Gefühlsduseleien hatte Mammon auch nicht sonderlich viel Ahnung, aber er hatte dennoch das Eine oder Andere schon gehört. Und dann sprachen sie über Tan. Im Grunde war Tan für Lilith, wie Kisai für ihn. Tan war ihre Vertraute, Geliebte oder was auch immer. Da, wo Lilith war, war Tan nicht weit, außer jetzt und wie er erfuhr hatte Luzifer Tan in seine Gewalt. Vielleicht lebend, vielleicht aber auch tot. Lilith wusste es nicht und ja, auch Mammon natürlich nicht. Dennoch… wenn es wirklich eine Prüfung für Lilith war, dann war Tan lebend viel wertvoller gewesen als tot. Also standen die Chancen doch eigentlich ganz gut, oder? Aber Lilith sagte dazu nicht wirklich etwas. Nein, sie konnte gerade dazu nichts wirklich sagen. Ihre Stimme war zittrig geworden und man sah ihr an, dass irgendetwas sie überkam. Ihre Hand wanderte zu ihrem Hals und kurze Zeit später an ihren Augen. Moment… jetzt, wo er ihre Augen so betrachtete… waren sie.. feucht? Mammon beugte sich etwas nach vorn, so, als müsse er genauer hinsehen, so als müsse er sich vergewissern, dass es das war, was er vermutete. “Heulst du etwa?” Ja, nicht gerade einfühlsam, aber dies war auch nichts, was er in der Hölle gelernt hatte. Es war ja im Grunde auch kein Heulen im eigentlichen Sinne. Es waren ja erstmal Tränen. Nicht mehr und nicht weniger. Aber was machte man da? Bisher hatte er es gut hinbekommen die Leute, die anfingen zu weinen irgendwie… loszuwerden. Entweder ging er weg oder schickte diese eben ins Getümmel des Clubs oder… oder er tröstete diese armen Menschen mit Sex und da waren sehr schnell die Tränen getrocknet. Alle drei Optionen fielen hier aber weg und besonders die letzte. Also was sollte er jetzt tun? Sein Blick fiel auf sein EInstecktuch. Sollte er wirklich… schließlich seufzte er und rollte mit den Augen, ehe er sein Glas auf den kleinen Tisch abstellte und Lilith schließlich sein Einstecktuch rüberreichte. “Wehe da gehen andere Flüssigkeiten außer diese Tränen rein.” Was er damit meinte? Hoffentlich schnäutze sie da nicht rein. Das wäre echt ekelhaft. “Nimm schon. Das ist echt nicht zu ertragen.” Gestand er, denn Mammon merkte, dass es ihm nicht gefiel, wenn seine Schwester Tränen in den Augen hatte. RE: No Secrets Between Us - Lilith - 17.01.2026 Lilith war noch mit ihren eigenen Empfindungen beschäftigt – ob es jetzt körperlich war oder emotional, wenn sich etwas in ihrem Magen zusammenzog, und wenn ja, in welche Richtung ging es? Was war der Auslöser? Mammon? Sicherlich hatte sie keine Gefühle zu ihm, oder? Zumindest keine, die in andere Richtungen gingen als die Prägung ihres üblichen Verhältnisses – Missgunst, Rivalität, Ärger. Aber wieso fühlte sie es irgendwo in ihrer Magengegend, wenn er in einem Moment, in dem sie sich so einsam, verzweifelt und ratlos fühlte wie wahrscheinlich nie zuvor, etwas Aufmunterndes sagte? Während sie noch versuchte, ihren Körper lesen zu lernen – es war immerhin auch nicht auszuschließen, dass sie doch noch physische Auswirkungen der Tortur von letzter Nacht spürte, und wahrscheinlich war es auch genau das, nichts weiter, ähnlich wie vorhin im Auto – hinterfragte Mammon direkt, ob er etwas im Gesicht hatte. Sie verdrehte die Augen und lehnte sich wieder auf der Couch zurück. Er wäre wirklich miserabel darin, ihren Job zu machen. Gestik und Mimik anderer Lebewesen zu lesen stellte ihn vor nicht zu bewältigende Herausforderungen. Sie schüttelte knapp den Kopf und winkte ab, aber vielmehr in einer eher angedeuteten Geste als in voller Antwort auf seine Frage. Normalerweise hätte sie an dieser Stelle die Chance nicht verstreichen lassen, ihm zu sagen, dass etwas mit seinem Gesicht nicht stimmte – einfach um mit seiner Eitelkeit und Selbstverliebtheit zu spielen. Wahrscheinlich hätte das mindestens in einer unterhaltsamen Kabbelei geendet… aber Lilith war aufrichtig nicht in Stimmung. Ihr Kopf pochte zu sehr, ihr Körper schmerzte, und dazu musste sie jetzt mit jeder Regung noch ihre eigenen Gefühle mit bedenken. Sie hatte einfach gerade keine Energie, um Mammon zu provozieren. Seine neueste Theorie dann in Bezug darauf, was ihrem Vater eingefallen war, sie plötzlich anzugreifen: Es war eine Mischung aus einer Prüfung und seiner persönlichen Unterhaltung. Ja, auch das war möglich, zumindest theoretisch. Es war schließlich nicht so, als herrschte in ihrer Familie sonderlich viel Innigkeit untereinander. Luzifer war distanziert, herrschsüchtig und jederzeit bedacht, alles unter Kontrolle zu behalten. Lilith hasste es, kontrolliert zu werden. Sie hasste es, wenn er seine Macht an ihr demonstrierte, weil es gegen ihre Natur ging, sich anderen Wesen unterzuordnen – selbst wenn es sich dabei um den alleinigen Herrscher der Unterwelt handelte. Sie hasste es, dass er in der Lage gewesen war, ihr so viel zu nehmen. Dass er sie in die Position gezwungen hatte, in der sie jetzt war. Sie hasste es, sich so unzulänglich zu fühlen. Das Gefühl, das sie jetzt langsam in sich aufkeimen spürte, konnte Lilith zur Abwechslung gut zuordnen – Wut. Mammon philosophierte währenddessen darüber, ob die ganze Sache nicht doch ein verquerer Liebesbeweis gewesen sein könnte. War das außerhalb des Möglichen? Wahrscheinlich nicht, so abwegig es sich für sie auch anhörte. Allerdings war Lilith schon zu weit in ihrer neuen Emotion, als dass sie nüchtern hätte antworten können… oder wollen. „Vielleicht ist es langsam an der Zeit, dass ich mal anfange, meine Liebe zu demonstrieren.“ Ihre Stimme war kalt und deutlich durchzogen von allem, was sie empfand. Rachsucht. Wut. Hass. Ihr Tonfall hatte etwas Überirdisches an sich, und spätestens jetzt war es sicherlich gut, dass sie allein waren. Viele Wesen schreckten zurück davor, wenn so sehr deutlich wurde, was genau sie eigentlich war. Mammon nicht. Er hatte wohl so ziemlich alle ihrer Launen und Gemütszustände schon einmal erlebt. Einschließlich der folgenden, als die Wucht der Emotionen, die sie von einer auf die andere Sekunde plötzlich in voller Tragweite erschlugen, während die Realität, dass sie Tan verloren hatte – vielleicht für immer, zumindest aber temporär – tatsächlich durchsackte. Es war nur so lange her, seit sie zuletzt eine Träne vergossen hatte – sie musste ein Kleinkind gewesen sein –, offenbar konnte sich keiner von ihnen daran erinnern, wie es war. Oder sich anfühlte. Aber Lilith war mindestens genauso verstört wie ihr Bruder das war. Vermutlich noch mehr. “Heulst du etwa?” „Halt die Klappe“, entgegnete sie knapp und direkt. Es war beschämend, das wusste sie selbst. Aber wie sie kurz vorher erst gesagt hatte… Gefühle waren unkontrollierbar. Tans Verlust bedeutete etwas. Das hätte er sicherlich auch getan, wenn ihre Gnade noch an Ort und Stelle gewesen wäre, aber jetzt… es war alles schwerer. Qualvoller. Inklusive der Reaktion ihres Bruders, der ihre Schande noch verstärkte, indem er sie deutlich spüren ließ, wie widerlich und verachtenswert er ihre Emotionen fand. Für einen kurzen Augenblick fühlte Lilith eine Art Schmerz in ihrer Brust, ein spitzes Stechen, in Reaktion auf seine harschen Worte. Auf die Ablehnung, die ihr entgegenschlug. Sie drehte den Kopf zur Seite, damit er sie nicht mehr sehen konnte, und wischte die Tränen mit dem Handrücken weg. Es kamen noch welche nach. Sie hatte noch nie etwas darauf gegeben, was Mammon über sie dachte, oder was er von ihr hielt. Es war unerträglich. Also tat sie das Einzige, was ihr logisch erschien: sie konzentrierte sich stattdessen auf die Wut, die sie kurz vorher noch gefunden und identifiziert hatte. Wut war ein sicheres Gefühl, viel besser als Trauer oder Angst. Wut hatte sie vor kurzem schon einmal gerettet, in der Wut konnte sie sich fallen lassen. Wut machte sie nicht so verletzlich. Nachdem er sie das inzwischen zweite Mal dazu aufgefordert hatte, griff Lilith nun nach dem Tuch, das Mammon ihr reichte. Sie nutzte es tatsächlich dazu, sich die Überreste ihrer Tränen aus den Augenwinkeln zu tupfen... und schob es dann provokativ, widerspenstig und vermutlich hauptsächlich deshalb, weil er sie so vehement zum Gegenteil beschworen hatte, ein Stück weit unter den Verband, der die große Wunde in ihrer Seite verdeckte. Bereitete ihr das Schmerzen? Natürlich. Aber die halfen ihr im Zweifelsfall nur, sich auf die Wut zu konzentrieren. Sie knüllte das Seidentuch, inzwischen zusätzlich befleckt mit ihrem Blut, zusammen und warf es ihm an den Kopf. „Hier, als deine gottverdammte Erinnerung für die Ewigkeit.“ RE: No Secrets Between Us - Mammon - 20.01.2026 Es war auch für Mammon eine neue Situation. Aufmunternde Worte? Nein, eigentlich nicht typisch für ihn. Zum Glück hatte sie ihn darauf nicht angesprochen, denn dann hätte Mammon dies nicht zugegeben. Diese aufmunternden Worte waren eher unbewusst aus seinem Mund gekommen. Nicht mit dem Hintergedanken sie aufzumuntern, sondern weil es irgendwie… naja Fakt war. Wie zu den Engeln die Gnade gehörte, gehörte zu den Menschen auch die Seele. Tja und sie beide wussten, dass es auch seelenlose Menschen gab. Manche hatten ihre sozusagen verkauft und diese waren ganz oben auf der Liste, dass sie in die Hölle kommen würden. Aber auf was Mammon da eigentlich hinaus wollte, war nur weil ein Mensch keine Seele mehr hatte, war er ja dennoch irgendwie ein Mensch. Dieser konnte alles machen, was er vorher konnte. Ja, okay ohne Gefühle, aber der Recht war doch im Grunde gleich. So verhielt es sich vielleicht auch bei Engeln ohne Gnade? Ja, die konnten plötzlich fühlen und mussten etwas von ihren Kräften einbüßen, aber sie waren noch immer Engel, Persönlichkeiten und konnten weiter existieren. Ok, an ihrem Augenrollen erahnte er schon, was gleich folgen würde.Tja und da war es auch schon. Das Abwinken und kopfschütteln. Vielleicht hatte er ja das heimliche Talent in die kurzfristige Zukunft zu schauen. Das war natürlich albern, aber ein kurzer und lustiger Gedanke. Ob der Teufelssohn ihren Job übernehmen könnte? Nein, absolut nicht, da musste er ihr Recht geben. Doch ehrlicherweise wollte er es auch gar nicht. Er hatte andere Talente. Er war gut darin die Wahrheit so zu verdrehen, dass es zu seinen Gunsten war oder für ihn viel logischer anhörte. Er konnte seine Gefühle leugnen oder ignorieren, singen Klavierspielen und wusste, wie man einen großen Auftritt hinlegte. Er war ungern im Hintergrund, wie vielleicht Lilith es war. Vielleicht waren es auf dem ersten Blick keine wirklich beeindruckenden Talente, aber dennoch nicht zu unterschätzen und wer wusste schon, was noch alles in ihm schlummerte, wenn es wirklich darauf ankam? „Vielleicht ist es langsam an der Zeit, dass ich mal anfange, meine Liebe zu demonstrieren.“ Jetzt war Mammon, der leicht überrascht seine Schwester ansah. War es für ihn beängstigend die geballte Wut aus ihr herauszuhören? Absolut nicht. Es war eher… faszinierend. Mammon hatte Lilith durchaus schon wütend erlebt, aber so wütend? Nein, das hatte gerade neue Ausmaße genommen und er war sich sicher, dass dies erst der Anfang war. Lilith Wut ohne Gnade war so viel… mächtiger. Mammon konnte es regelrecht spüren. War es das, was sie vorhin gemeint hatte? Mammon beugte sich nach vorn in ihre Richtung. “Meine Unterstützung hast du.” Sicherte er ihr zu. Es war auch nicht einfach nur dahingesagt, sondern der Teufelssohn meinte dies ernst. Zwar liebte er immer mehr das Leben hier auf der Erde, aber dennoch würde er sich gern für den Rauswurf revanchieren. Doch die gerade noch so mächtige Wut, die Mammon da entgegen gekommen war, veränderte sich als sie über Tan sprachen oder besser gesagt über ihren Aufenthalt oder ob sie überhaupt noch lebte. Mammon glaubte dies, denn es würde am meisten Sinn machen. Tja und Lilith? Diese fing doch tatsächlich an zu heulen! Seine Schwester mit Tränen in den Augen. Sowas hatte er nun wirklich noch nie erlebt und ja, er musste zugeben, dass das eine Situation war, die ihn überforderte. Wie in Dads Namen reagierte man da? Wie gesagt, wenn sie wenigstens sein Typ wäre, dann hätte er es mit Sex angeboten. Wenn sie jemand unwichtig wäre, hätte er sie einfach weggeschickt, aber Lilith war seine Schwester und somit eben keine unwichtige Person. Nun, das erste was Mammon also machte, war nachzufragen, ob sie jetzt wirklich anfing zu heulen. Ja, alles andere als empathisch, aber mal ehrlich. In der Hölle war eben für solche Gefühle kein Plan und Luzifer hatte einen Großteil in Mammons Erziehung dort hineingesteckt, dass er genau solche Gefühle eben nicht kannte bzw. tief in sich verschloss. Solche Gefühle hießen eben Schwäche und ein Nachkomme vom Teufel war nicht schwach! Punkt aus fertig! Deswegen war es auch nicht sonderlich verwunderlich, dass Lilith prompt meinte, dass er die Klappe halten sollte, denn auch sie war so erzogen worden. Nur war es bei ihr ein wenig anders. Weil sie ein ‘reiner’ Engel war, besaß sie eine Gnade und verfügte daher gar nicht erst über diese Gefühle, wie Mammon mit seiner Seele. Im Übrigen fand er es nicht unbedingt widerlich… es war eher… naja sonderbar und passte so gar nicht zu der erhabenen und mächtigen Teufelstochter. Vielleicht war es dann gerade seine Seele, die irgendwie ihn dazu gesteuert hatte sein wirklich teures Stecktuch ihr hinzuhalten. Es dauerte aber etwas ehe Lilith dieses wirklich großzügige Angebot annahm. Echt, Lilith hätte es ruhig mal schneller annehmen können. Es war schließlich eine Geste ohne irgendwelche Hintergedanken. Naja, Mammon hatte sich natürlich nicht verkneifen können, dass es nur für ihre Tränen war und was machte Lilith? Tse… diese MUSSTE natürlich provozieren und befleckte das teure Stecktuch auch noch mit ihrem Blut. Nein, noch schlimmer! Sie knüllte es in ihren Händen und warf es ihm dann noch ins Gesicht. Mit einer nicht gerade begeisterten Miene nahm Mammon das Stecktuch aus seinem Gesicht. “Hey! Die Flecken kriegt man vermutlich nicht mehr komplett raus und die Knitter erstmal! Hast du eine Ahnung, wie schwer es ist immer das passende Einstecktuch für das jeweilige Outfit zu finden?” Also wirklich! Mammon hatte ja eigentlich mit etwas Dankbarkeit gerechnet, so nobel, wie er ihr das angeboten hatte. “Wirklich, nicht zu fassen.” Meinte Mammon, schüttelte den Kopf und leerte sein Glas um sich wieder etwas zu beruhigen. Nein, das half nicht wirklich und so entschied sich der Teufelssohn zu erheben und zu seiner Glasfront zu gehen, wo er in seinen Club schauen konnte. Er sah, wie seine Tänzer*innen übten. Das war ansehnlicher als Lilith. Doch dann seufzte Mammon und verdrehte die Augen. Herrgott… diese Erde hatte ihn wirklich irgendwie verändert. Wieso sollte er sonst sich wieder zu Lilith drehen ohne irgendwie… wütend auf sie zu sein für diese Aktion? "Ich verstehe schon… die Ungewissheit, was mit Tan ist, dann diese plötzlichen Gefühle, die du hast…” Mammon ging wieder zurück zu Lilith und setzte sich wieder hin. Erneut goss er sich ein und sah dann zu seiner Schwester. “Ich nehme dir es nicht übel mit dem Stecktuch und ich bin auch nicht sauer.” Naja, einigermaßen nicht sauer, aber er wollte sich mal beherrschen. “Ja, ich verstehe schon… du musst dich an all diese Gefühle gewöhnen, die du nur von Menschen kennst.” So, das war doch schon empathischer, oder? “Aber die Reinigung für das Stecktuch zahlst du trotzdem.” Hach, das hatte sich Mammon einfach nicht verkneifen können. RE: No Secrets Between Us - Lilith - 29.01.2026 Eines musste man Mammon lassen. Er machte es ihr leicht, diese unerwarteten und verabscheuungswürdigen Emotionen – Trauer, Unzulänglichkeit, Zurückweisung – zu verdrängen und sich stattdessen darauf zu konzentrieren, wütend auf ihn zu sein. Auf ihn, ihren Vater, all die Umstände, die ganze verdammte Situation, in der sie sich befand. Die Schmerzen, die sie hatte, der Verlust, den sie spürte, sowohl von Tan als auch von verdammten Teilen ihres Selbsts, derart essenziellen Teilen, dass sie ihre eigene Existenz anzweifelte – all das waren hervorragende Katalysatoren und Treiber ihrer Wut. Sie spürte sie in ihrem Bauch, ihrem Brustkorb, wie sie die Leere füllte, die sie dort so sehr schmerzte. Über ihre Arme, bis in ihre Fingerspitzen… und von dort aus über das Tuch direkt an Mammons Kopf. Er konnte wahrscheinlich froh sein, dass es nur das war, was er abbekommen hatte, und nicht ihr Glas. Das stand in halbwegs sicherer Entfernung auf dem Beistelltisch, und da sie ihrem kleinen Anflug überschwänglicher, geschwisterlicher Streitsucht gerade wieder ein deutliches Puckern in ihrer Bauchwunde zu verdanken hatte, verzichtete Lilith an der Stelle auch, jetzt gerade danach zu greifen. „Hast du eine Ahnung, wie schwer es ist immer das passende Einstecktuch für das jeweilige Outfit zu finden?” „Dein katastrophales Farbverständnis mag bedauerlich sein, aber mir erschließt sich nicht, weshalb ausgerechnet deine optischen Defizite hier eine Rolle spielen“, gab sie augenblicklich zurück. Ihr Ton war immer noch bissig, und Mammon stand daraufhin empört den Kopf schüttelnd auf, um zur Wandverglasung hinüber zu gehen. Lilith für ihren Teil musste – in Ermangelung anderer Optionen – auf der Couch sitzenbleiben, eine Hand sanften Druck auf ihre Bauchwunde ausübend. Sie verfluchte ihren unzulänglichen Körper. Sie verfluchte, dass sie nicht aufstehen, den Tisch greifen und ihn durch den Raum werfen konnte. Wenig anderes wäre ein geeignetes Ventil für die Wut, die sie aktuell empfand. Es verging ein Moment, vielleicht auch zwei, in denen Mammon das Geschehen unten im Club zu beobachten schien und Lilith, zwangsläufig festgehalten in ihrer aktuellen Position, vor sich hin brodelte. Und dann… drehte er sich wieder um und äußerte etwas wie – Verständnis? Lilith hob den Kopf und musterte ihn, ungläubig, perplex. Aber nicht nur aufgrund seiner Worte, sondern vor allem auch deshalb, weil ihre Wut… herunterkochte. Die heiße, aktivierende Energie, die durch ihren gesamten Körper gekrochen war und eigentlich schon verlangte, dass sie ihr körperlichen Ausdruck verlieh, schien sich zu verflüchtigen. Einfach so. „Was hast du getan?“ Sie berührte mit den Fingerspitzen sachte ihren Bauch, wo der Ursprung gewesen war. Ihre Schulter, den linken Arm, der eben fast noch geprickelt hatte. Alles weg. Aber es konnte nicht Mammon gewesen sein, er hatte nie gelernt, wie man Emotionen manipulierte, nicht in der Finesse, in der es nötig war. Und viel wichtiger noch: Er hatte keine Macht über sie. Oder hatte sich das mit dem Verlust ihrer Gnade auch geändert? Aber er beschwerte sich immer noch über sein Tuch. Sie verdrehte die Augen und lenkte ebenfalls ein, auch wenn ihr nicht klar war, woher diese versöhnliche Stimmung plötzlich kam. „Ich biete dir etwas Besseres an: Die Nummer meiner besten Schneiderin in Downtown. Diese Stadt hat einen brauchbaren Fashion District, wenn auch nicht gleichwertig mit New York. Aber das wird dein lästiges Problem nachhaltiger lösen. Sie wird dir zehn machen für jedes Outfit, wenn du das willst.“ Immerhin war es absolut sinnbefreit, dass Mammon sich mit solch belanglosen Dingen herumschlug wie Einstecktücher zu suchen. Wozu gab es denn Dienstleistungen, die man in Anspruch nehmen konnte? |