11.01.2026, 21:42
Lilith schwieg einen Moment – andächtig? Nachdenklich? – als Mammon einwandte, dass sie an seiner Stelle wohl ebenso ein wenig Misstrauen gehabt hätte. Vermutlich lag er damit nicht ganz falsch, und sie widersprach auch nicht. Sie lebten beide schon verdammt lange, und in all diesen Jahrhunderten hatte es genügend Gelegenheiten gegeben, zu denen sie sich gegenseitig an den Rande des Wahnsinns gebracht hatten… und wieder zurück. Allerdings konnte man definitiv auch von ihnen beiden sagen, dass sie eines keinesfalls waren, und das war selbstlos und aufopferungsvoll. Nein, am Ende des Tages hätte auch Mammon keinerlei Schaden an sich oder seinem Körper in Kauf genommen, nur um ihr eins auszuwischen.
Zugegeben, er hatte den Gedanken ja auch nicht ausgesprochen, sie hatte danach gefragt. Womöglich waren ihm all diese Dinge auch selbst schon klar gewesen, ansonsten hätte er sie sicherlich direkt zur Rede gestellt, so wie sie es jetzt getan hatte. Mammon nahm kein Blatt vor den Mund, das hatte er noch nie – und bis gestern hatte sie schließlich auch keine Gefühle gehabt, die er hätte verletzen können.
Sie ging nicht weiter darauf ein, auch nicht auf den impliziten Vorwurf, dass er monatelang nichts von ihr gehört hatte, ehe sie schwer verletzt wieder aufgetaucht war. Lilith rechtfertigte sich nicht – das tat sie nie. Sie hatte ihre Gründe gehabt, warum sie keine Zeit gehabt hatte für LA, und dass es noch eine Geschichte gab, eine Art Auslöser für Luzifers Angriff auf sie, hatte sie ja auch vorher schon angedeutet. Jetzt gerade war nicht der Raum, die auch noch auszudiskutieren… aber vielleicht kamen sie ja später noch dazu.
“Und glaub mir. Du bist viel mehr als nur diese Gnade.”
Überrascht hob sie den Kopf und sah ihn stirnrunzelnd an. Hatte er ihr gerade aufrichtig Mut zugesprochen, um ihr das Selbstwertgefühl zurückzugeben, das sie offensichtlich verloren hatte? Ohne sarkastischen Unterton und begleitenden Seitenhieb-Kommentar?
Lilith wusste nicht einmal, was sie darauf erwidern sollte. Die innere Zerrissenheit, die sie empfand – jenseits von dem klaffenden, schwarzen Loch in ihrer Brust – war nahezu unerträglich. Sie spürte ihr Herz schlagen, ja, aber welche Funktion hatte es noch, wenn sonst alles in ihr zerstört war? Wenn sie viel mehr war als ihre Essenz… wo war dann all dieses Selbst, von dem Mammon so überzeugt schien, dass es existierte?
Sie schluckte, hart, um den Kloß in ihrem Hals loszuwerden und vielleicht das vehemente Pochen ihres Herzens zu beruhigen, von dem Lilith sich kurzzeitig fragte, ob es jetzt nur so penetrant geworden war, weil sie ihm Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Irgendwas in ihrem Magen zog sich zusammen und sie legte prüfend die Hand auf ihren Bauch, ein paar Sekunden lang unsicher, ob das seltsame Gefühl bedeutete, dass sie sich vielleicht übergeben müsste. Sie befanden sich zwar nicht mehr im Auto… aber auch den vermutlich handgeknüpften Perserteppich zu ruinieren, wäre absolut niveaulos und definitiv unter ihrer Würde.
Es ging vorbei. Sie atmete aus und sagte nichts weiter dazu… weil ihr einfach die Worte fehlten.
Sie nahm ihr Glas zurück, nachdem Mammon es wieder aufgefüllt hatte, und nickte knapp auf seine Rückfrage hin, ob sie der Meinung war, dass ihre ‚Aufgabe‘ wäre, sich ihre Gnade zurückzuholen.
„Ja. Als eine Art Prüfung, ob ich es würdig bin, im Ernstfall sein Erbe anzutreten. Oder zu seiner persönlichen Belustigung. Vielleicht war er in den letzten Wochen besonders gelangweilt.“ Galgenhumor? Wahrscheinlich. Aber irgendeinen Weg musste sie schließlich finden, um mit all diesen Dingen umzugehen. Damit, dass ihr komplettes Leben sich geändert hatte… alles, was sie als Grundfeste ansah.
Letztendlich waren es Theorien, nichts weiter, und Mammon hatte eine weitere – die mit Abstand abwegigste, die sie bisher umhergeworfen hatten. Er unterstellte ihrem Vater… ja, was genau? Mitgefühl? Verbundenheit? Die Unfähigkeit, sich im entscheidenden Moment emotional von ihnen zu distanzieren?
Allein der Gedanke war absolut irrwitzig. Andererseits… er hatte auch Mammon fortgeschickt, nachdem dieser gegen jegliche Etikette verstoßen und sich vollkommen anmaßend verhalten hatte. Warum hatte er ihn nicht getötet? Lilith hatte keine Antwort darauf, aber die Vorstellung, dass ihr eigener Vater – Herrscher der Unterwelt, erhaben über all jene Befindlichkeiten, die die Menschen zu einer minderwertigen Rasse machten – anfällig sein sollte für derartige Schwächen… nein, das bekam sie nicht überein mit dem Bild, das sie von ihm hatte. Aber sie verstand ein wenig, wie Mammon zu dem Ansatz gekommen war, daher sah sie davon ab, sich über die Theorie lustig zu machen.
„Und du meinst, weil er mich so sehr liebt, hat er sich stattdessen schön viel Zeit genommen, mich in aller Ruhe zu filetieren.“
… oder zumindest sich offen aggressiv darüber lustig zu machen. Die nüchtern-provokante Antwort konnte sie sich nicht verkneifen.
Und dann ging es auf einmal um Tan. Sie hatte das Thema selbst aufgebracht, nachdem es ihr seit gestern Nacht immer wieder halbwegs gut genug gelungen war, jegliche Gedanken dazu wegzuschieben. Weit weg, irgendwohin, wo sie sich nicht damit beschäftigen musste. Tannin war an ihrer Seite gewesen, seit sie beide Teenager gewesen waren. Und jetzt… war sie weg. Verschwunden, womöglich tot.
Letzteres hielt Mammon für unwahrscheinlich, weil sie dann nicht mehr als Motivationsmittel zu gebrauchen wäre. Was er sagte, ergab definitiv Sinn, sehr großen sogar… aber Lilith fand sich plötzlich in einer Lage wieder, in der Logik sie nicht erreichen konnte. Ihr Brustkorb fühlte sich zu eng an, und sie spürte wieder ihren Herzschlag. Ihre Hand wanderte unbewusst an ihren Hals, um sicherzugehen, dass da nichts war, das ihre Atmung beeinträchtigte, weil er sich zugeschnürt anfühlte. Der Kloß war wieder da.
„Ich–“, versuchte sie anzusetzen, aber ihre Stimme brach. Sie versuchte, einen Atemzug zu nehmen, aber er war zittrig. „Ich weiß es nicht.“
Plötzlich wurde ihre Sicht unscharf. Wurde sie müde? War das eine der neuen Einschränkungen ihres unvollständigen Körpers? Sie hob eine Hand, in der Hoffnung den Film von ihren Augen zu entfernen – und fand sie feucht vor.
„Was zur…“ Vollkommen entgeistert starrte sie auf ihre Fingerspitzen.
Zugegeben, er hatte den Gedanken ja auch nicht ausgesprochen, sie hatte danach gefragt. Womöglich waren ihm all diese Dinge auch selbst schon klar gewesen, ansonsten hätte er sie sicherlich direkt zur Rede gestellt, so wie sie es jetzt getan hatte. Mammon nahm kein Blatt vor den Mund, das hatte er noch nie – und bis gestern hatte sie schließlich auch keine Gefühle gehabt, die er hätte verletzen können.
Sie ging nicht weiter darauf ein, auch nicht auf den impliziten Vorwurf, dass er monatelang nichts von ihr gehört hatte, ehe sie schwer verletzt wieder aufgetaucht war. Lilith rechtfertigte sich nicht – das tat sie nie. Sie hatte ihre Gründe gehabt, warum sie keine Zeit gehabt hatte für LA, und dass es noch eine Geschichte gab, eine Art Auslöser für Luzifers Angriff auf sie, hatte sie ja auch vorher schon angedeutet. Jetzt gerade war nicht der Raum, die auch noch auszudiskutieren… aber vielleicht kamen sie ja später noch dazu.
“Und glaub mir. Du bist viel mehr als nur diese Gnade.”
Überrascht hob sie den Kopf und sah ihn stirnrunzelnd an. Hatte er ihr gerade aufrichtig Mut zugesprochen, um ihr das Selbstwertgefühl zurückzugeben, das sie offensichtlich verloren hatte? Ohne sarkastischen Unterton und begleitenden Seitenhieb-Kommentar?
Lilith wusste nicht einmal, was sie darauf erwidern sollte. Die innere Zerrissenheit, die sie empfand – jenseits von dem klaffenden, schwarzen Loch in ihrer Brust – war nahezu unerträglich. Sie spürte ihr Herz schlagen, ja, aber welche Funktion hatte es noch, wenn sonst alles in ihr zerstört war? Wenn sie viel mehr war als ihre Essenz… wo war dann all dieses Selbst, von dem Mammon so überzeugt schien, dass es existierte?
Sie schluckte, hart, um den Kloß in ihrem Hals loszuwerden und vielleicht das vehemente Pochen ihres Herzens zu beruhigen, von dem Lilith sich kurzzeitig fragte, ob es jetzt nur so penetrant geworden war, weil sie ihm Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Irgendwas in ihrem Magen zog sich zusammen und sie legte prüfend die Hand auf ihren Bauch, ein paar Sekunden lang unsicher, ob das seltsame Gefühl bedeutete, dass sie sich vielleicht übergeben müsste. Sie befanden sich zwar nicht mehr im Auto… aber auch den vermutlich handgeknüpften Perserteppich zu ruinieren, wäre absolut niveaulos und definitiv unter ihrer Würde.
Es ging vorbei. Sie atmete aus und sagte nichts weiter dazu… weil ihr einfach die Worte fehlten.
Sie nahm ihr Glas zurück, nachdem Mammon es wieder aufgefüllt hatte, und nickte knapp auf seine Rückfrage hin, ob sie der Meinung war, dass ihre ‚Aufgabe‘ wäre, sich ihre Gnade zurückzuholen.
„Ja. Als eine Art Prüfung, ob ich es würdig bin, im Ernstfall sein Erbe anzutreten. Oder zu seiner persönlichen Belustigung. Vielleicht war er in den letzten Wochen besonders gelangweilt.“ Galgenhumor? Wahrscheinlich. Aber irgendeinen Weg musste sie schließlich finden, um mit all diesen Dingen umzugehen. Damit, dass ihr komplettes Leben sich geändert hatte… alles, was sie als Grundfeste ansah.
Letztendlich waren es Theorien, nichts weiter, und Mammon hatte eine weitere – die mit Abstand abwegigste, die sie bisher umhergeworfen hatten. Er unterstellte ihrem Vater… ja, was genau? Mitgefühl? Verbundenheit? Die Unfähigkeit, sich im entscheidenden Moment emotional von ihnen zu distanzieren?
Allein der Gedanke war absolut irrwitzig. Andererseits… er hatte auch Mammon fortgeschickt, nachdem dieser gegen jegliche Etikette verstoßen und sich vollkommen anmaßend verhalten hatte. Warum hatte er ihn nicht getötet? Lilith hatte keine Antwort darauf, aber die Vorstellung, dass ihr eigener Vater – Herrscher der Unterwelt, erhaben über all jene Befindlichkeiten, die die Menschen zu einer minderwertigen Rasse machten – anfällig sein sollte für derartige Schwächen… nein, das bekam sie nicht überein mit dem Bild, das sie von ihm hatte. Aber sie verstand ein wenig, wie Mammon zu dem Ansatz gekommen war, daher sah sie davon ab, sich über die Theorie lustig zu machen.
„Und du meinst, weil er mich so sehr liebt, hat er sich stattdessen schön viel Zeit genommen, mich in aller Ruhe zu filetieren.“
… oder zumindest sich offen aggressiv darüber lustig zu machen. Die nüchtern-provokante Antwort konnte sie sich nicht verkneifen.
Und dann ging es auf einmal um Tan. Sie hatte das Thema selbst aufgebracht, nachdem es ihr seit gestern Nacht immer wieder halbwegs gut genug gelungen war, jegliche Gedanken dazu wegzuschieben. Weit weg, irgendwohin, wo sie sich nicht damit beschäftigen musste. Tannin war an ihrer Seite gewesen, seit sie beide Teenager gewesen waren. Und jetzt… war sie weg. Verschwunden, womöglich tot.
Letzteres hielt Mammon für unwahrscheinlich, weil sie dann nicht mehr als Motivationsmittel zu gebrauchen wäre. Was er sagte, ergab definitiv Sinn, sehr großen sogar… aber Lilith fand sich plötzlich in einer Lage wieder, in der Logik sie nicht erreichen konnte. Ihr Brustkorb fühlte sich zu eng an, und sie spürte wieder ihren Herzschlag. Ihre Hand wanderte unbewusst an ihren Hals, um sicherzugehen, dass da nichts war, das ihre Atmung beeinträchtigte, weil er sich zugeschnürt anfühlte. Der Kloß war wieder da.
„Ich–“, versuchte sie anzusetzen, aber ihre Stimme brach. Sie versuchte, einen Atemzug zu nehmen, aber er war zittrig. „Ich weiß es nicht.“
Plötzlich wurde ihre Sicht unscharf. Wurde sie müde? War das eine der neuen Einschränkungen ihres unvollständigen Körpers? Sie hob eine Hand, in der Hoffnung den Film von ihren Augen zu entfernen – und fand sie feucht vor.
„Was zur…“ Vollkommen entgeistert starrte sie auf ihre Fingerspitzen.

